Landwirtschaft Kampf ums Schwein

Ist Schweinefleisch jetzt zu teuer? Oder zu billig? Wie auch immer. Das Problem ist einfach: In Europa werden zu viele Ferkel gezüchtet.

(Foto: Stephane Mahe/Reuters)

Das vereinte Europa züchtet zu viele Schweine. Und Russland boykottiert Schweinefleisch aus der EU. Das drückt den Preis und treibt Frankreichs Züchter zu massiven Protesten.

Von Christian Wernicke, Paris

Traktoren, die Autobahnen blockieren. Misthaufen, die Ministerien versperren. Und wütende Landwirte, die importiertes Schweinefleisch in Flammen aufgehen lassen: Das sind Fernsehbilder, wie sie Frankreichs Bauern zuletzt im Juli inszenierten. Und wie sie demnächst wieder drohen. Keine Regierung mag solches Chaos sehen, schon gar keine französische: Westlich des Rheins hegen die Bürger traditionell mehr Sympathie als anderswo für rebellierende Bauern. Und anders als etwa in Deutschland kreiden die Franzosen es der Regierung in Paris an, wenn der Nährstand auf die Barrikaden geht.

Doch der neue Bauernkrieg scheint unvermeidlich zu sein. Am 3. September werden Frankreichs Schweinezüchter in Paris durch die Straßen ziehen. Und vier Tage später - wenn die EU-Agrarminister über ihr Schicksal beraten - wollen sie Brüssel erobern. Nichts kann sie aufhalten. Denn niemand kann ihnen helfen: Nicht Präsident François Hollande, der im Juli den Verzehr nationalen Schweinefleischs zur "Pflicht" erklärte und am Dienstag erneut im Élysée-Palast über das Leid der Produzenten von Schinken und Schnitzel beriet. Und auch nicht Landwirtschaftsminister Stéphane Le Foll, der jeden Tag hilfloser wirkt gegen den heraufziehenden Tod Hunderter, wenn nicht Tausender Bauernhöfe in Frankreich.

Schuld ist der Markt. Das ebenso simple wie brutale Gesetz von Angebot und Nachfrage ist stärker als alle Politiker. Und es bricht all ihre Versprechen stabiler Fleischpreise. Das Problem: Das vereinte Europa züchtet schlicht zu viele Ferkel, Säue und Eber. Obendrein boykottiert Russland seit vorigem Jahr Schweinefleisch aus der EU. Also ist der Marktpreis eingebrochen, von einst 1,80 Euro je Kilogramm Schlachtgewicht auf 1,30 Euro. Oder noch weniger. Das trifft zwar alle Schweinemäster des Kontinents. Nur, Frankreichs Mäster arbeiten teurer. Auf mindestens 1,40 Euro schätzen französische Bauernfunktionäre die Kosten pro Kilogramm Schlachtgewicht. Die Konkurrenz in anderen EU Ländern - etwa die Deutschen (1,37 Euro je Kilo), Niederländer (1,29 Euro) oder Spanier (1,25 Euro) - kommt mit niedrigeren Preisen über die Runden.

Was also tun? Das Füllhorn rettender Subventionen oder Preisstützungen darf der französische Staat nicht öffnen. Das verbietet die EU. Agrarminister Le Foll bleibt nur die Macht des Wortes: Per moralischem Appell verdonnerte der Minister alle Käufer an der Fleischbörse MPB im bretonischen Städtchen Plérin, künftig mindestens 1,40 Euro pro Kilo zu berappen. Mehrere Supermarktketten gelobten zwar patriotisch Gehorsam. Aber zwei große Fleisch-Verwurster - darunter ausgerechnet die Kooperative "Cooperl", die von Bauern gemanagt wird - verweigerten sich: Der "politische Preis" von 1,40 Euro sei zu hoch und riskiere den Ruin ihrer Schlachthöfe. Auch am Dienstag, als nach einer einwöchigen Handelspause erstmals wieder 62 000 Schweine an der MPB versteigert wurden, bot "Cooperl" nicht mit - prompt sackte der Preis unter Le Folls Schwelle, auf magere 1,389 Euro.

Frankreich fühlt sich noch immer als Agrarnation, der Preisverfall nagt am Selbstwertgefühl. Catherine Laillé, Präsidentin des Schweinezüchterverbandes, schwärmte neulich von den kargen Fünfzigerjahren, "als die Franzosen noch die Hälfte ihres Lohns" fürs Essen ausgegeben hätten - heute sind es nur noch knapp 15 Prozent des Einkommens. Bauernvertreter wie Politiker beschuldigen nun unisono die deutsche Konkurrenz, mit Massenproduktion und Billiglöhnen "illoyal" den Markt zu überschwemmen. Jungbauern warfen zu Wochenbeginn deutsches Exportfleisch des Discounters Lidl auf die Straße. Im Kampf ums Schwein, so scheint's, suchen Frankreichs Bauern nun schwarze Schafe.