Kritik an Deutschlands Export-Überschüssen Alles nur Mathematik

Deutschland, das Exportland: Autos werden in der Nähe von Hamburg in Frachtzüge geladen

Wenn alle Volkswirtschaften der Euro-Zone so wettbewerbsfähig wären wie die deutsche, gäbe es die Euro-Krise nicht. So die Analyse von Kanzlerin Merkel. Aber: Eine Welt, in der alle Staaten mehr ex- als importieren, kann es nicht geben. Das bedeutet, auch Deutschland kann etwas tun, dass es den anderen besser geht.

Von Claus Hulverscheidt, Berlin

Wenn in früheren Jahrzehnten ein Schüler seine Klassenkameraden mit ständigen Belehrungen, dauerndem Eigenlob und Petzereien beim Lehrer triezte, dann wurde die Angelegenheit meist in einer dunklen Ecke des Pausenhofs gelöst - mit ein paar ordentlichen Backpfeifen. Solch archaische Methoden sind heute gottlob nicht mehr schicklich, den Typ arroganter Streber aber gibt es immer noch: Deutschland zum Beispiel.

Während anderswo auf dem Kontinent die Arbeitslosenzahlen steigen, die Bauern revoltieren und rechts- wie linksextreme Parteien ihr Süppchen kochen, präsentiert sich Deutschland seinen Nachbarn im Süden und Südwesten als politisch stabiles, vor Kraft strotzendes ökonomisches Vorbild: Wären nur alle Volkswirtschaften der Euro-Zone so wettbewerbsfähig wie die deutsche, so lautet die Analyse von Bundeskanzlerin Angela Merkel, dann gäbe es die vermaledeite Euro-Krise gar nicht.

Heiliger Indikator dieser Wettbewerbskraft ist für weite Teile der deutschen Politik die sogenannte Leistungsbilanz, die - vereinfacht gesagt - die Aus- und Einfuhren einer Volkswirtschaft gegenüberstellt. Dieser Saldo ist in der Bundesrepublik meist positiv, 2013 jedoch dürfte er die auch für hiesige Verhältnisse gewaltige Summe von etwa 200 Milliarden Euro erreichen. Das sind sagenhafte sieben Prozent der gesamtwirtschaftlichen Leistung. "Deutschland erneut Exportweltmeister", wird der Boulevard dann wieder jubilieren, und viele Koalitionspolitiker werden eifrig darum buhlen, wenigstens ein klein wenig des Glanzes für sich abzubekommen.

Wirtschaftliche Ungleichgewichte als Hauptkrisenherde

Wer Kritik an dem gigantischen Exportüberschuss übt oder zumindest auf die damit verbundenen Probleme verweist, wird entsprechend als Neider, als Beschmutzer eines nationalen Heiligtums verunglimpft. Von den faulen Griechen, den reformunfähigen Franzosen, den prassenden Italienern ist dann die Rede, die den Deutschen deren Exporterfolge missgönnten und sie zwingen wollten, ihre Ausfuhren künstlich zu verringern.

Dabei haben auch die deutsche Kanzlerin und ihr Finanzminister Dutzende Gipfelerklärungen unterschrieben, in denen die massiven wirtschaftlichen "Ungleichgewichte" auf dem Globus als einer der Hauptkrisenherde für Wohlstand und Beschäftigung gebrandmarkt werden.

Was hat es mit diesen Ungleichgewichten auf sich? Ein Blick auf die ökonomische Weltkarte zeigt, dass sich zwei Gruppen gegenüberstehen: Länder wie Deutschland und China, die erheblich mehr ex- als importieren, und solche wie die USA und Spanien, bei denen es genau umgekehrt ist.

Das ist zunächst einmal völlig in Ordnung, denn der temporäre Güter- und Kapitaltausch gehört zu den zentralen Elementen einer Marktwirtschaft, wie Clemens Fuest, Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung, betont. "Es wäre deshalb ökonomischer Unsinn, wenn jetzt die Regel aufgestellt würde, dass die Leistungsbilanzen etwa aller Euro-Länder stets ausgeglichen sein müssen", sagt er.