Korruption bei Thyssen-Krupp Ärger mit dem Schienenpapst

Ärger in der Konzernzentrale von Thyssen-Krupp in Essen.

(Foto: AFP)

Bizarres bei Thyssen-Krupp: Ein wegen Bestechung verurteilter Manager blieb mit Billigung der Konzernspitze jahrelang Spartenvorstand. Der Mann soll in dieser Zeit auch noch an Kartellabsprachen beteiligt gewesen sein - und dabei weiterhin die Deutsche Bahn betrogen haben.

Von Klaus Ott

Geradezu ehrfürchtig haben sie ihn "Schienenpapst" bei Thyssen-Krupp genannt. Weil er sich so gut ausgekannt hat mit allem, was mit der Bahn zu tun hat. Und weil er so tolle Kontakte in dieser Branche hatte, die der Stahlgigant aus dem Ruhrgebiet mit Schienen und Weichen, Schwellen und Schrauben beliefert. Das Ganze inklusive Rundum-Service: Planung, Wartung, Instandhaltung. Davon verstand der Mann aus dem Ruhrpott, der inzwischen Ruheständler ist, sehr viel. Und er wusste, wie man Aufträge besorgt - notfalls mit Schmiergeld.

Im Mai 2003 wurde er vom Landgericht Frankfurt wegen Bestechung eines Managers der Deutschen Bahn verurteilt. 240.000 Euro waren dafür geflossen, dass die Bahn den Stahlkonzern gegenüber Konkurrenten bevorzugte. Mit 90.000 Euro Geldstrafe kam der Schienenpapst noch glimpflich davon. Ein alter Fall. Doch er führt jetzt mitten hinein in die schweren Turbulenzen bei Thyssen-Krupp, einem der größten deutschen Industriekonzerne.

Denn der Schienenpapst durfte seine Karriere im Essener Konzerns fortsetzen - obwohl dessen Vorstand der Bahn versprochen hatte, sich von dem korrupten Manager zu trennen. Es geschah: das Gegenteil. Der Arbeitsvertrag des Experten wurde dreimal verlängert, man brauchte ihn angeblich so sehr (er musste nur sein altes Ressort abgeben). Der Vorstand von Thyssen-Krupp um den damaligen Konzernchef Ekkehard Schulz, genannt der "Eiserne Ekki", hat das Unternehmenskreisen zufolge abgenickt.

Anerkannt als "exzellenter Vertriebsprofi"

Der Schienenpapst saß als Vorstandsmitglied einer wichtigen Spartengesellschaft in der zweiten Chefetage, direkt unter dem Konzernvorstand. Und Anfang Oktober 2008 wurde der dann 65-Jährige mit allen Ehren in den Ruhestand verabschiedet. Und zwar per Pressemitteilung mit den Jubel-Worten, er sei bei den Kunden "allerseits als exzellenter Vertriebsprofi anerkannt" gewesen. Und er habe sich zeit seines Berufslebens durch "sein einzigartiges Gespür für Märkte und Menschen" ausgezeichnet. Wohl wahr. Wer weiß, wann, wen und wie man schmieren muss, der hat ein "einzigartiges Gespür".

Einzigartig war wohl auch der Umgang von Thyssen-Krupp mit diesem Fall. So einzigartig, dass der Aufsichtsrat sich jetzt bei einer Krisensitzung am kommenden Montag auch mit dem Schienenpapst beschäftigten dürfte. Denn von den Vorständen, die damals ihre schützenden Hände über den Manager hielten, sind drei noch im Amt. Darunter Stahlchef Edwin Eichler, der als Vertrauter des "Eisernen Ekki" gilt. Eichler hatte dem Bahn-Vorstand in einem Schreiben vom 19. September 2003 zugesagt, der Vertrag mit dem Schienen-Mann werde nach der Erledigung von "Abwicklungsaufgaben" und anderen Restarbeiten "vorzeitig beendet". Das war eine der Voraussetzungen dafür, dass eine von der Bahn wegen des Schmiergelddeliktes verhängte Vergabesperre gegen Thyssen-Krupp wieder aufgehoben wurde. Doch der Schienenpapst durfte bleiben.