Kolumne "Das deutsche Valley" Wischen ist zu wenig

Jedes Kind soll programmieren lernen. Das fordern Bundesregierung und Wirtschaft - und denken damit viel zu kurz. Tatsächlich muss man digitale Bildung viel weiter fassen.

Von Ulrich Schäfer

Neulich im Café Luitpold in München: Yvonne Hofstetter spricht in einem Salon über "Licht und Schatten der Digitalisierung", über schlaue Maschinen, die Macht der Algorithmen und das drohende Ende der Demokratie. Es ist eine düstere Welt, doch die Bestsellerautorin weiß, wovon sie spricht: Mit ihrem Unternehmen Teramark Technologies ist sie selber auf dem Feld der künstlichen Intelligenz unterwegs.

Irgendwann will eine Fragestellerin wissen, wie man denn die eigenen Kinder auf diese Welt vorbereite. Seien Schulen und Lehrer wirklich dafür gerüstet? Hofstetters Antwort fällt lang aus, aber sie lässt sich in einem Wort zusammenfassen: Nein! Es werde, sagt sie, in Deutschland nicht genug dafür getan: nicht in den Kindergärten, nicht in den Schulen. Und dann fügt sie noch hinzu: "Wischen allein ist keine digitale Kernkompetenz."

Wischen lernt heute jedes Kind, manche wissen schon mit drei Jahren, wie sie ein Smartphone bedienen müssen. Sie schauen sich das bei ihren Eltern ab oder bei älteren Kindern, sie sind fasziniert von einer Technik, die so viel Ablenkung bietet: bunte Apps, animierte Spiele, schrille Videos, ständige Whatsapp-Nachrichten. Was aber ist nötig, damit Kinder später nicht bloß daddeln, chatten und posten können, sondern in der neuen, hoch technisierten Welt zurechtkommen?

Auch jetzt, vor dem diesjährigen Digitalgipfel der Bundesregierung, der am 12. und 13. Juni in der Metropolregion Rhein-Neckar stattfindet, wird diese Frage wieder diskutiert. Doch die Antwort schnurrt am Ende darauf zusammen, dass Kinder neben dem Lesen, Schreiben und Rechnen noch eine vierte Kulturtechnik lernen sollten: das Programmieren. So fordert es die Wirtschaft, und so lautet auch das oberste Ziel in der Digitalstrategie der Bundesregierung, Kapitel Digitale Bildung: "2025 hat jede Schulabgängerin und jeder Schulabgänger Grundkenntnisse in Informatik, der Funktionsweise von Algorithmen und im Programmieren."

Auf den ersten Blick klingt das überzeugend: Jeder muss ein Programm schreiben können, wenn er nicht zum digitalen Analphabeten verkommen soll. Auch deshalb gab es auf dem letztjährigen Digitalgipfel in Saarbrücken einen Hackathon für Schüler, bei dem diese das Coden übten. Und doch: Es reicht bei Weitem nicht aus!

Das sieht auch Yvonne Hofstetter so, als sie im Café Luitpold diskutiert, diesem 1888 gegründeten Kaffeehaus, das jahrzehntelang der Treffpunkt von Denkern und Literaten war. Sie fordert stattdessen, Schülern die Digitalisierung als Ganzes zu vermitteln: in ihrer gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und sozialen Dimension. Sie wünscht sich eine neue, moderne Epoche der Aufklärung, ähnlich wie die erste Aufklärung von Mitte des 17. bis Anfang des 19. Jahrhunderts, eine Ära der Freiheit und Vernunft, in der die Bildung eine ganz wichtige Rolle spielte. Hofstetter verweist auf den Philosophen Immanuel Kant, für den die Aufklärung gleichbedeutend war mit dem "Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit". Als Leitgedanken der Aufklärung wählte Kant einen Satz des lateinischen Dichters Horaz: Sapere aude - habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen!

"Wir brauchen junge Menschen, die eigenständig denken und wieder zu träumen wagen"

Was aber bedeutet das heute? Wer Kindern bloß das Programmieren beibringen will, schafft keine digital aufgeklärten Menschen. Er vermittelt ihnen eine Fähigkeit, die in Internetkonzernen, Start-ups und Industrieunternehmen gerade zuhauf gesucht wird. Aber das genügt eben nicht, um in der hochkomplexen Welt von morgen zu bestehen, in der es noch ganz viele andere Tätigkeiten gibt. Deshalb muss digitale Bildung Teil des gesamten Lehrplans werden, Teil ganz vieler Fächer: Künstliche Intelligenz und Robotik passen in den Biologie- und Physikunterricht; Datenschutz gehört in Religion und Ethik, die Entwicklung der Digitalisierung sollte im Geschichtsunterricht behandelt werden; nur wer die langen Trends versteht und nicht bloß die neueste, mega-coole App, kann einordnen, was sich da gerade vollzieht. Deshalb ist es auch wichtig, die gesellschaftlichen Folgen der Digitalisierung kritisch zu behandeln - ein Thema, das sich für die Sozialkunde ebenso eignet wie für Politik oder Philosophie; und deshalb gilt es, gerade im digitalen Zeitalter, alle Formen der Kommunikation zu trainieren, die Debatte, den Vortrag, den kritischen Diskurs - nicht via Whats-app, sondern von Mensch zu Mensch.

Am Ende verhält es sich mit dem Programmieren wie mit dem Lesen oder Schreiben. Wer Kant verstehen will, ihn gar in einem Deutschaufsatz interpretieren will, muss das Lesen gelernt haben - aber es reicht nicht, um dessen komplexe Gedanken nachzuvollziehen.

Unsere Schulen sind noch weit davon entfernt, diese umfassende digitale Bildung zu vermitteln. Es mangelt vielerorts schon an der nötigen Technik, an Tablets, Laptops oder Wlan. Es mangelt bei vielen Lehrern am Wissen und auch am Willen. Und die Lehrpläne? Nun ja. Brauchen dringend ein Update. Ändern wird man all dies aber nur, wenn sich Lehrer und Politik bewusst machen, wie groß die Aufgabe ist, die da vor ihnen liegt.

Oder wie es der 82-jährige Sozialphilosoph Oskar Negt jüngst in einem Interview mit der Hannoverschen Allgemeinen formulierte: "Die Erfüllung von Bildungsnormen darf nicht das oberste Ziel der Schule sein, das Produzieren von Fachkräften nicht der alleinige Zweck. Wir brauchen junge Menschen, die nicht nur brav in der Spur laufen, sondern eigenständig denken und wieder zu träumen wagen."

Yvonne Hofstetter würde es wohl so formulieren: Das Programmieren als digitale Kernkompetenz reicht bei Weitem nicht aus.

An dieser Stelle schreiben jeden Mittwoch Alina Fichter (Silicon Valley) und Ulrich Schäfer (Das deutsche Valley) im Wechsel.