Kapitalismus in der Krise "Finanzprodukte sind wie Feuer"

SZ: Ist eine globale Finanzaufsichts-Behörde notwendig?

Bhagwati: Es wäre eigentlich die Aufgabe des IWF, Entwicklungen auf den Finanzmärkten zu verfolgen. Aber der Fonds steht unter dem Druck seiner Mitgliedsregierungen und ist daher nicht unabhängig. Der IWF hat vor Ausbruch der Krise niemals eine Warnung ausgesprochen. Deshalb müssen wir die kritische Risikoabwägung institutionalisieren.

SZ: Wie schlimm wird die Krise noch werden?

Bhagwati: Hier bin ich eher optimistisch. Wir haben ja wirklich aus der Weltwirtschaftskrise gelernt. Die Geldpolitik ist richtig, die Haushaltspolitik ebenfalls, die Banken werden rekapitalisiert, die Spareinlagen gesichert. Gut ist schließlich die internationale Kooperation in der Krise.

SZ: Eine globale Regulierungsbehörde wollen Sie trotzdem nicht?

Bhagwati: Nein, wozu soll die gut sein? Das Problem war bisher immer, Innovationen auf den Finanzmärkten zu verstehen. Und dabei hilft eine neue Behörde nicht. Wir haben doch den IWF. Und der hat nichts verstanden.

SZ: Ist das Schlimmste der Krise schon vorbei?

Baghwati: Das habe ich nicht gesagt. Die Finanzkrise ist auf den Realsektor übergesprungen, und wir bekommen jetzt eine schwere Rezession. Ich vermute, dass sie zwei Jahre dauern wird.

SZ: Ist diese Krise nicht auch ein Rückschlag für die Globalisierung? Viele Menschen sind nicht mehr bereit, die Idee freier Weltmärkte mitzutragen.

Bhagwati: Diese Krise hat mit den Finanzmärkten zu tun, aber nicht mit der Globalisierung.

SZ: Aber wo ist der Unterschied? Die Menschen haben vor der ungezügelten Konkurrenz aus China genauso Angst wie vor ungezügelten Finanzmärkten.

Bhagwati: Die Krise kann allenfalls insofern der Globalisierung zugerechnet werden, als die problematischen Wertpapiere international gehandelt wurden und dass die Asiaten die Defizite der Amerikaner finanziert haben. Aber diese Defizite wurden nicht durch die Globalisierung verursacht. Sie sind hausgemacht, zum Beispiel dadurch, dass der Irak-Krieg nicht durch Steuern finanziert wurde und die übrigen Staatsausgaben im Washington außer Kontrolle gerieten. Angesichts dieser Politik wäre auch in einer geschlossenen Volkswirtschaft etwas passiert, wenn auch in anderer Form.

SZ: Haben Sie einen Rat an den neu gewählten amerikanischen Präsidenten Barack Obama?

Bhagwati: Ich würde mir wünschen, dass er sich klar für freien Welthandel ausspricht und für einen Abschluss der Doha-Runde in der Welthandelsorganisation. Das wäre ein klares Signal an die Welt. Ein Erfolg wäre ein wichtiger Schritt gegen den antimarktwirtschaftlichen Fundamentalismus, der jetzt überall wächst. Dazu gehört auch, dass die Vereinigten Staaten ihr Gesundheitssystem reformieren. Wer seinen Arbeitsplatz verliert, darf nicht auch noch seine Krankenversicherung verlieren. So kann man die Furcht vor Globalisierung eingrenzen.

SZ: Also doch eine Abkehr vom Marktfundamentalismus?

Bhagwati: Welcher Marktfundamentalismus? George Bush ist angetreten als Cowboy, der den Staat zurückdrängt - und was hat er gemacht? Nichts. Die wirkliche Debatte ist doch nicht, ob der Staat eingreift, sondern wie er das tut. Ich habe in den letzten Jahren kaum Deregulierung gesehen, dafür aber viel gescheiterte Regulierung, und das hat meist mit Lobbyismus zu tun. Es wurde viel Geld auf schlecht regulierten Märkten verdient. Es ging nicht um Ideologie, sondern um Geschäftsinteressen. Die Wall Street kam wie ein Gorilla auf die Politiker zu und sagte: Reguliere mich bloß nicht. Was sollten die tun?