JP-Morgan-Zocker Schutz für den Wal

Ein ehemaliger JP-Morgan-Händler hat Milliarden verzockt - und sich dabei so plump angestellt wie ein Wal im Haifischbecken. Die Bank verlor nicht nur einen Haufen Geld, sondern auch ihren guten Ruf. Einer Klage entkommt der Zocker trotzdem.

Von Pia Ratzesberger

Er hat JP Morgan Chase sechs Milliarden US-Dollar gekostet: Bruno Iksil. Ohne großes Aufsehen hat der frühere Händler der Investmentbank in seinem Londoner Büro Milliarden verzockt. Iksil investierte gewaltige Summen in risikoreiche Derivate, wettete auf die Pleite von Unternehmen - und wird jetzt wohl doch nicht angeklagt.

Seine Zockereien brachten dem Franzosen den Namen "Londoner Wal". Denn die Öffentlichkeit spöttelte nach Bekanntwerden des Skandals, er hätte sich mit seinen riesigen Finanzwetten so auffällig verhalten wie ein Wal in einem Haifischbecken. Andere gaben ihm dem Spitznamen "Lord Voldemort" - in Anspielung auf den Bösewicht der Harry-Potter-Buchreihe.

An der Börse schob Iksil solch gewaltige Beträge hin und her, dass Hedgefonds wie Blue Mountain die Marktverzerrungen bemerkten. Sie witterten ihre Chance und wetteten erfolgreich gegen JP Morgan. Das Kreditinstitut verlor daraufhin nicht nur 6,2 Milliarden Dollar, sondern auch seinen guten Ruf. Ausgerechnet die Bank, die sich immer als die zuverlässigste unter allen amerikanischen Geldhäusern gerühmt hatte, musste bekennen, sich verspielt zu haben. Chef Jamie Dimon, der sich zuvor noch für eine strengere Regulierung der Finanzwelt ausgesprochen und bewusst von anderen "Zocker-Banken" abgegrenzt hatte, stand plötzlich selbst in Verruf.

Inzwischen ermitteln das amerikanische Justizministerium und die Börsenaufsicht SEC gegen JP Morgan Chase. Sie werfen der Bank vor, ihre Händler nicht im Griff gehabt, Spekulationsgeschäfte bewusst verschleiert und gegen Gesetze verstoßen zu haben. Der "Londoner Wal" sei trotz seiner bedeutenden Rolle im Spiel mit den Milliarden nun aber nicht mehr Gegenstand der Ermittlungen, berichteten mit dem Fall vertraute Personen dem Wall Street Journal.

Iksil machte keinen Hehl aus seiner Zockerei

Zwar könnten die Behörden ihre Meinung immer noch ändern und doch noch Vorwürfe gegen ihn anbringen. Doch solange es keine neuen Beweise gebe, sei das sehr unwahrscheinlich. Ein Jahr hätte das Justizministerium den Insidern zufolge wohl mit dieser Entscheidung gerungen und geprüft, ob man Händler wie Bruno Iksil zur Verantwortung ziehen könne. Warum letztendlich keine Anklage erhoben wurde, ist noch nicht klar.

Entlastend ist für Iksil wohl, dass er versucht hatte, andere Mitarbeiter bei JP Morgan wegen der sich abzeichnenden Verluste zu warnen. Dass dem Londoner Wal die Tragweite seiner riskanten Wetten bewusst war, ist zumindest eindeutig belegt. Während der monatelangen Ermittlungen kam heraus, dass Iksil in Telefongesprächen mit Kollegen keinen Hehl daraus gemacht hatte: Die Verluste würden "mehr und mehr monströs", das Ganze sei "idiotisch". "Ich kann so nicht weitermachen", gestand Iksil in einem Gespräch selbst ein.

Jetzt hat er vorerst nichts mehr zu befürchten, die Ermittlungen gegen JP Morgan aber laufen weiter und werden wohl erst im Frühjahr 2014 abgeschlossen sein. Es sind bei Weitem nicht die einzigen Rechtsstreitigkeiten der US-Bank: Vor einigen Wochen zahlte JP Morgan Chase eine Millionenstrafe wegen mutmaßlicher Manipulation von Strompreisen, seit dieser Woche ermitteln kalifornische Staatsanwälte wegen des Verkaufs schlechter Hypothekenpapiere während der Finanzkrise. Nicht nur der Wal hat Schuld am Imageverlust.