Islamischer Geldtransfer Milliardenströme ohne Kontrolle

Geldhändler in Kandahar: Szene aus Afghanistan im Jahr 2012

(Foto: REUTERS)
  • In muslimischen Ländern ist das Hawala-System sehr beliebt.
  • Das arabische Wort bedeutet so viel wie Wechsel oder Überweisung. Es ist eine rein auf Vertrauen basierende Art der Geldübermittlung.
  • Weil Kontrollen so gut wie unmöglich sind, nutzen auch Terroristen und Kriminelle das System.
Gastbeitrag von Federico Varese

Wer zu den Terroranschlägen vom 7. Januar in Paris ermittelt, muss sich um eines kümmern: das Geld. Wie konnten die Terroristen Waffen kaufen, reisen und ihren Unterhalt bestreiten mit ihren armseligen Teilzeitjobs?

Das Geld, das den internationalen Terror befeuert, kommt nicht per Banküberweisung. Es reist in den Koffern von Unterstützern der Dschihadisten oder bewegt sich über ein informelles Transfersystem, das die Kontrollen der Zentralbanken umgeht. Ein wesentlicher Teil des Geldes für den islamistischen Terror läuft also nicht über das offizielle Bankwesen. Chérif Kouachi, der mit seinem Bruder bei Charlie Hebdo mordete, gab zu, dass er Geld von der Al-Qaida-Zelle in Jemen bekam. Ein Führer der Terrorgruppe bestätigte, er habe "die Operation finanziert". Laut amerikanischen und britischen Ermittlerkreisen erhielten die Attentäter-Brüder zuletzt mindestens 20 000 Dollar.

Es gibt mindestens zwei Finanzierungsmechanismen der Terrornetze. Der einfachste ist, Bargeld in einen Koffer zu packen bei einer Reise in eines der Zentren der Terrorfinanzierung, Saudi-Arabien etwa oder Jemen. Das ist aber riskant, und das Geld ist nach einer Weile verbraucht. Viel effizienter ist eine Methode, die die Heiligen Schriften des Islam behandeln; bei ihr muss niemand von A nach B reisen, und sie ermöglicht, täglich Milliarden Euro zu bewegen: das "Hawala"-System.

Der Koran verdammt Wucher

Das arabische Wort bedeutet so viel wie Wechsel oder Überweisung. Während der Koran Wucher verdammt, bestärkt er Hawala. Heilige Texte, die Hadithe, behandeln diese rein auf Vertrauen basierende Art der Geldübermittlung, im islamischen Wirtschaftswesen ist sie sehr verwurzelt.

Um Hawala zu verstehen, kann man zum Beispiel einen Blick nach Carpi in der norditalienischen Provinz Modena werfen. Dort stießen Ermittler auf beunruhigende Verbindungen zwischen einem pakistanischen Friseur, Drogenhändlern, Terrorverdächtigen sowie einer weltweiten Struktur mit Basis in Dubai und Ablegern in europäischen Hauptstädten, den USA, Indien, der Türkei und Afghanistan.

"Pak Hair Fashion" wirkt wie ein harmloser Friseurladen nahe Carpis Krankenhaus. Der Inhaber Ahmed Pervaz aber übt noch einen anderen Beruf aus: Mit Vater und Brüdern ist er Hawala-Bankier. Diese Paralleltätigkeit ist in seiner Heimat sehr verbreitet. Anfangs zielte sein Geschäft nur auf seine Landsleute in Carpi.

Pervaz bot zu erst einen illegalen, aber harmlosen Bankdienst an: Ein Pakistaner, der Geld heimschicken wollte, gab es Pervaz. Der händigte dem Kunden einen Geheimcode aus, einen Koranvers oder eine Ziffernfolge, und rief einen Partner in Pakistan an. Wer diesem den Code vorlegte, erhielt dann den in Carpi einbezahlten Betrag in Landeswährung. Pervaz und seine Partner verdienten am Wechselkurs. Sie boten eine Dienstleistung an wie Banken oder Überweisungsbüros, nur billiger. Weitere Vorteile des Systems: Es ist anonym und schnell.