Wirtschaftsskandal Anleger verlieren Millionen - und sind wütend auf die Staatsanwaltschaft

Nach über 160 Prozesstagen sind Führungskräfte des ehemaligen Dresdner Finanzdienstleisters und einer ihrer Helfer verurteilt worden.

(Foto: Arno Burgi/dpa)
  • Sie hätten ein Schneeballsystem betrieben, viel zu hohe Renditen versprochen und 22 000 Kunden geprellt: Die Führungsspitze einer Investment-Firma wird in Dresden verurteilt.
  • Dabei erhalten die Verantwortlichen hohe Haftstrafen.
  • Die ehemaligen Anleger finden das allerdings gar nicht gut. Es sei die Dresdner Staatsanwaltschaft gewesen, die ein erfolgreiches Unternehmen zerschlagen habe, heißt es.
Von Ulrike Nimz, Dresden

Es kommt nicht oft vor, dass sich vor den Räumen des Dresdner Landgerichtes Einlasskräfte postieren wie vor den Türen eines exklusiven Clubs. Die 100 Plätze im Saal 1.05 sind umkämpft vor dem Urteilsspruch im Verfahren um die Finanzgruppe Infinus. Eine Dauer von "mehreren Stunden" ist angekündigt, angemessenes Ende für einen Wirtschaftsprozess, der früh alle Dimensionen sprengte: 757 Seiten Anklageschrift, 50 Terabyte elektronisches Beweismaterial, 238 Zeugen aus dem In- und Ausland. Aus den geplanten 15 Prozesstagen wurden 165. Als Hans Schlüter-Staats den Infinus-Gründer Jörg Biehl und ehemalige Führungskräfte wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs, Kapitalanlagebetrugs und Beihilfe zu Haftstrafen zwischen acht und viereinhalb Jahren verurteilt, gibt es Protest aus den Zuschauerreihen. Der Vorsitzende Richter der zuständigen Wirtschaftskammer muss mehr als einmal zur Ordnung rufen.

Es ist das vorläufige Ende eines Falles, der 2013 im Dresdner Stadtteil Blasewitz seinen Anfang nahm. Nach einem Hinweis war die Dresdner Staatsanwaltschaft in Geschäftsräume der Future Business KG aA (Fubus) und ihrer Infinus-Vertriebstöchter eingerückt, hatte Konten eingefroren, Ordner beschlagnahmt. Der Vorwurf: Die Finanzgruppe habe ein Schneeballsystem betrieben und mit zu hohen Renditeversprechen gehandelt. Seit November 2015 stehen die führenden Köpfe des größtenteils insolventen Finanzdienstleisters vor Gericht. Es geht um einen Schaden von 150 Millionen Euro - und um mehr als 22 000 geprellte Anleger.

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Vor wenigen Wochen hat sich ein Teil von ihnen in Erfurt getroffen. Thüringens Hauptstadt liegt günstiger als Dresden, ist aus allen Teilen Deutschlands gut zu erreichen. Die "Interessengemeinschaft Infinus", in der Gläubiger, aber auch ehemalige Finanzvermittler organisiert sind, hatte die Messe anmieten müssen, um allen Mitgliedern Platz zu bieten. In einem fensterlosen Saal saßen sie wortlos beieinander, mehr als 500 Menschen. Über die Jahre ist die Wut der Anleger einer Ergebenheit gewichen, wie man sie aus den Wartezimmern von Ärzten kennt, in denen keiner mehr mit guten Nachrichten rechnet.

In der Pause trafen sich Paare, Senioren, Mittelständler, aus Hessen, Bayern, Sachsen am Bratwurststand. Manche haben 5000 Euro verloren, mache 50 000, ihre kompletten Ersparnisse. Viele haben inzwischen Post von Insolvenzverwaltern der Infinus-Gruppe bekommen. Statt die ersehnte Rückzahlung zu erhalten, sollen sie nun selbst zahlen: gewinnabhängige Zinsen, die nach Einschätzung von Wirtschaftsprüfern nie erwirtschaftet worden sind.

Als die Ermittler eingriffen, funktionierte das Schneeballsystem

Die meisten Anleger verlieren dennoch kein böses Wort über die Infinus-Manager. Es sei die Dresdner Staatsanwaltschaft gewesen, die ein erfolgreiches Unternehmen zerschlagen habe, heißt es. Im Gerichtssaal sah die Verteidigung das ähnlich, sprach von "Voreingenommenheit", "Vernichtung", "Entrechtlichung". Nach den Plädoyers lagen die Positionen denkbar weit auseinander: Die Anklage forderte bis zu acht Jahre Haft, die Infinus-Anwälte Freispruch.

Big Business oder Betrug? Der Fall Infinus ist auch deshalb außergewöhnlich, weil die Ermittler zuschlugen, bevor das Schneeballsystem kollabierte. Bis zur Razzia hatten die Anleger stets die versprochenen Traumzinsen erhalten. Hochglanzbroschüren wiesen immer neue Erfolge aus. Es gibt Bilder von Firmengründer Jörg Biehl und Franz Beckenbauer, wie sie auf einem Elbdampfer die Gläser klingen lassen. Die Firma Infinus war ein wichtiges Kapitel in der Erzählung vom aufstrebenden Osten. Biehl, gelernter Industriemechaniker, gebürtiger Dresdner und vor der Wende in den Westen geflohen, war der Prototyp eines Selfmade-Mannes. Ein Rückkehrer, der die Spielregeln des Kapitalismus nicht nur schneller verinnerlicht hatte als andere, sondern ihm auch noch die letzten Geheimnisse abzutrotzen schien. "Ihre Fähigkeiten sind eindrucksvoll", gab selbst der Vorsitzende Richter zu. "Sie haben immer nach vorn geschaut, aber nicht nach links und rechts."

"Wenn man von einem Geschäftsmodell sprechen kann, dann war es Schuldenmachen."

Im Tonfall eines Nachrichtensprechers entwirrt Schlüter-Staats das Infinus-Firmengeflecht, legt die Funktionsweise des Unternehmens offen: Demnach kaufte die Gruppe Privatleuten ihre Lebensversicherungen ab und führte sie zu besseren Konditionen fort. Die Kunden investierten das frei gewordene Geld in Produkte des Unternehmens, meist Genussrechte mit gewinnabhängiger Ausschüttung oder Orderschuldverschreibungen - Anleihen mit festen Zinssätzen von bis zu neun Prozent, ohne Schutz durch Einlagensicherungsfonds. Um Provisionen abzugreifen, schloss das Unternehmen Lebensversicherungen auf Mitarbeiter ab mit Monatsbeiträgen von 30 000 Euro oder mehr. In Zeiten von Niedrigzinsen waren Firmenchef Biehl und seine Führungsriege auf neue Anleger und Kniffe angewiesen, um die Zinsen der Bestandskunden zu bedienen. Die 22 Gesellschaften hätten Scheingeschäfte abgeschlossen, um die Bilanzen zu schönen, davon ist das Gericht überzeugt. "Wenn man von einem Geschäftsmodell sprechen kann, dann war es Schuldenmachen", sagt Schlüter-Staats. "Jeder, der so ein System betreibt, wird zum Betrüger." Die Angeklagten nehmen das Urteil äußerlich unbeeindruckt auf; einzig Biehl zeigt ein schmales Lächeln, kritzelt etwas auf ein Stück Papier. Bis zuletzt hatten die sechs Männer ihre Unschuld beteuert.

Was bleibt von einem der größten Wirtschaftsverfahren der Bundesrepublik, das allein durch die Zahl Geschädigter dafür gesorgt hat, dass Dresden in der Kriminalstatistik nun unter den gefährlichsten Städten Deutschlands rangiert? Für Ermittler und Staatsanwaltschaften könnte das harte Urteil ein Signal sein, früher gegen undurchsichtige Geschäftsmodelle vorzugehen. Für die Akteure des grauen Kapitalmarktes - dem legalen, aber unregulierten Teil des Finanzsektors - ein Zeichen, dass die Zeit der großen Abenteuer vorbei ist. Vorausgesetzt, das Urteil hat vor dem Bundesgerichtshof Bestand - die Verteidigung hatte bereits im Vorfeld angekündigt, bei einer Verurteilung in Revision zu gehen.

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