Ein Kommentar von Martin Hesse

Deutschlands Banken verzichten auf die angebotene staatliche Unterstützung. Das ist ein großer Fehler.

Erst zwei Wochen ist es her, da schwor sich die internationale Staatengemeinschaft auf ein gemeinsames Vorgehen gegen die Finanzkrise ein. In Washington verabschiedeten sieben angeschlagene Industrienationen, die sich noch immer als die "Großen Sieben" (G7) bezeichnen, einen Fünfpunkteplan zur Stabilisierung der Banken.

In Frankfurt diskutieren die deutschen Banker, ob es eine Schande ist, wenn eine Bank Hilfe in Anspruch nimmt (© Foto: dpa)

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Sie fassten sogar den kühnen, wenn auch vagen Plan, der Finanzwelt einen globalen Ordnungsrahmen zu geben. In Paris konkretisierten die Regierungschefs der Euro-Länder den Washingtoner Plan.

Schon heute aber steht der Erfolg dieser einzigartigen Rettungsaktion in Frage. Zwar ist es dank der Beschlüsse von Washington und Paris zunächst gelungen, den Puls der Investoren zu senken, Kunden und Gläubigern die Angst vor weiteren Bankpleiten zu nehmen.

Rezessions-Sehnsucht

Doch zwei Entwicklungen sind bedenklich: Erstens hat sich binnen Tagen die Sorge von den Banken auf die reale, Güter und Dienstleistungen produzierende Wirtschaft verlagert. Zweitens zeigt sich, dass die Staaten sehr unterschiedlich mit den Beschlüssen von Washington und Paris umgehen, was den Wettbewerb gefährlich verzerren kann. Beide Entwicklungen bergen Gefahren für Deutschland: Die Bundesrepublik kann zum großen Verlierer der Bankenkrise werden - die jetzt eine Wirtschaftskrise ist.

Die Anleger scheinen geradezu von der Rezessions-Sehnsucht gepackt. Noch bis in das Frühjahr hatten sie naiv daran geglaubt, die Probleme der Banken würden die Realwirtschaft kaum berühren. Jetzt verfestigt sich der Glaube an einen langen Abschwung.

Der Begriff "Angst" wird aber nicht von ungefähr auch im englischen Sprachraum verwendet: Die Deutschen neigen nun mal besonders dazu, pessimistisch in die Zukunft zu blicken.

Berechtigt ist die deutsche Angst insofern, als die größte Exportnation der Welt besonders stark von einem globalen Abschwung betroffen wäre, so wie Daimler, Siemens und Co. in den vergangenen Jahren überdurchschnittlich von der Globalisierung profitierten.

Gestärkt in die Krise

Dennoch ist die aktuelle Börsenhysterie überzogen. Schließlich sind in den vergangenen Wochen nicht nur die Aktienkurse, sondern auch die Preise vieler Rohstoffe und vor allem der Euro stark gefallen.

Das entlastet die Unternehmen auf der Kostenseite und hilft ihnen, ihre Produkte zu günstigeren Wechselkursen im Ausland zu veräußern. Außerdem sind die deutschen Unternehmen weitaus stärker als noch im Abschwung der Jahre 2001 bis 2003.

Gravierender ist eine zweite Entwicklung. Auch sie hat mit dem typisch deutschen Pessimismus zu tun. In den USA, Großbritannien, Frankreich und anderen Ländern sind bereits etliche Milliarden Euro Kapital an Banken verteilt worden - auch an solche, die nicht notleidend sind.

Dagegen diskutieren die deutschen Banker darüber, ob es eine Schande ist, wenn eine Bank Hilfe in Anspruch nimmt. Andere Länder scheinen den neuen globalen Konsens, dass der Staat eine aktive Rolle in der Wirtschaft spielen muss, als Chance zu sehen.

In hohem Tempo haben die Regierungen in Paris, Washington und London von Defensive auf Offensive umgeschaltet. Sie machen ihre Institute durch rasche, unbürokratische Hilfe handlungsfähig.

Frankreichs BNP Paribas beispielsweise nimmt 2,5 Milliarden Euro. Die staatliche Hilfe verleiht ihr die nötige Kraft, sich große Teile von Belgiens gefallenem Riesen Fortis zu greifen. Auch Briten und Amerikaner formen mit staatlicher Hilfe neue Bankkonzerne.

Langfristig verschaffen die Regierungen ihren Geldgiganten unter dem Deckmantel der Krisenhilfe enorme Wettbewerbsvorteile: Den staatlich kapitalisierten Banken winken bessere Ratings, Größenvorteile und günstigere Finanzierungsbedingungen.

Auf der nächsten Seite: Was Deutschland tun muss, um aus der aktuellen Krise nicht als Verlierer hervorzugehen.

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