Hauptversammlung bei Thyssen-Krupp Abrechnung für Cromme

Harte Worte, Pfiffe und hämisches Gelächter: Aufsichtsratschef Gerhard Cromme muss sich bei der Hauptversammlung des Stahlkonzerns Thyssen-Krupp wütenden Aktionären stellen. Diese hatten sogar damit gedroht, dem Kontrollgremium die Entlastung zu verweigern.

Von Karl-Heinz Büschemann, Bochum

Sein bekanntes Lächeln ist noch da. Gerhard Cromme, 69, erscheint auf dem Podium, versucht zu strahlen, scherzt mit dem einen, winkt einem anderen. Er stellt sich den Fotografen, die darauf warten, den wohl umstrittensten deutschen Manager ins Bild zu setzen. Doch Cromme wirkt auch angespannt. Man sieht ihm an, dass seine Freundlichkeit an diesem Vormittag antrainiert ist. Er will sich auf keinen Fall anmerken lassen, wie die vergangenen Wochen an ihm gezehrt haben. "Mir geht es gut", behauptet er, auch wenn man es ihm nicht glaubt.

Der Aufsichtsratsvorsitzende des Ruhr-Konzerns Thyssen-Krupp musste damit rechnen, dass auf der Hauptversammlung im Bochumer Ruhrkongress ein Scherbengericht auf ihn wartet. Er wusste, dass er das Aktionärstreffen überstehen würde. Er kann hier ja nicht abgewählt werden. Doch er wusste auch, dass seine langfristige Zukunft bei Thyssen-Krupp von dieser Versammlung abhängen würde. Wie hart würde die Kritik der Aktionäre an ihm ausfallen?

Von der Hauptversammlung könnte abhängen, wie sein stärkster Unterstützer sich verhalten würde. Der heißt Berthold Beitz, ist 99 Jahre alt und Chef der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, die 25,3 Prozent der Anteile am Konzern hält. An dem alten Herrn führt in diesem Unternehmen kein Weg vorbei. Von Beitz heißt es, er wolle seine Meinung über Crommes Zukunft auch von der Hauptversammlung abhängig machen. Er sitzt wie jedes Jahr vorne auf dem Podium. Heute bleibt er länger als in früheren Jahren.

Feindliche Stimmung

Schnell ist klar: Die Stimmung im Saal ist feindlich. Cromme, der Mann, der lange als der wichtigste Mann bei Thyssen-Krupp galt, hat unter den 3800 anwesenden Aktionären nur wenige Freunde. Es fallen harte Worte. Ein Aktionärsvertreter nennt Cromme "die größte Teflon-Pfanne der Republik". Das tut weh. Schlimmer noch ist für Cromme, dass bei diesen Worten Beifall aufbrandet. Von Desaster ist die Rede. Einer erklärt, er vertrete eine Vielzahl von Aktionären, "die entsetzt sind über den Zustand ihres Unternehmens".

Es ist kein guter Tag für Gerhard Cromme, der seit 2001 an der Spitze des Aufsichtsrates von Thyssen-Krupp steht. Der Mann, der es früher locker schaffte, mit einer gewissen Nonchalance und ein wenig Eigenkritik die Aktionäre auf seine Seite zu ziehen, stößt an seine Grenzen.