Generali Eine Frage des Lebensstils

Wer seine Bewegungs- und Gesundheitsdaten misst und weiterreicht, kann damit bei der Generali Tarifermäßigungen bekommen.

(Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

Der Lebensversicherer Generali stellt seinen Kunden günstigere Tarife und Sachleistungen in Aussicht - wenn sie Gesundheitspunkte sammeln. Auch andere Versicherer denken über Digitalisierungsprojekte nach.

Von Herbert Fromme

Wer viel Obst kauft, regelmäßig ins Fitnessstudio geht und Vorsorgeuntersuchungen vornehmen lässt, versichert sich als Kunde der Generali in Deutschland künftig günstiger und kann außerdem Sachleistungen einstreichen. Im ersten Halbjahr 2016 will der italienische Versicherer entsprechende Tarife anbieten, sagt Deutschlandchef Giovanni Liverani der SZ. Mit den Marken Generali, Aachen Münchener und Cosmos ist die Generali die Nummer zwei im deutschen Privatkundenmarkt.

Mit der Initiative zielt das Unternehmen - zumindest in der ersten Stufe - nicht auf Kunden in der privaten Krankenversicherung. "Wir werden das Konzept beispielsweise in der Risikolebensversicherung anbieten", sagt Liverani. Bei Risikopolicen leisten die Versicherer im Todesfall oder bei Berufsunfähigkeit. Sie werden von jüngeren Menschen abgeschlossen, um ihre Familie zu schützen oder die Finanzierung eines Hauses abzusichern.

Kunden sollen von dem neuen Programm Vitality profitieren. "Es gibt einen Prämienvorteil, wenn man gesund lebt, unabhängig von der Ausgangsposition", sagt Liverani. "Zudem gibt es Belohnungen wie einen Nachlass beim Kauf von Laufschuhen und Ähnliches", erläutert er. "Wenn unsere Kunden ihren Lebensstil ändern, werden sie gesünder", sagt Liverani. "Das Todesfallrisiko sinkt." Damit helfe das System allen Beteiligten - dem Versicherer, aber erst recht den Kunden.

Alle bedeutenden Versicherer wie Allianz, Axa, Ergo oder Zurich arbeiten an der Digitalisierung. Die Nutzung großer Datenmengen, im Fachjargon "Big Data", spielt eine immer größere Rolle. Der Gedanke: Wenn ein Versicherer viele Daten seiner Kunden sammelt, kann er die Risiken genauer einschätzen und entsprechend unterschiedliche Preise verlangen. Die Angst der Assekuranzbosse: Wenn ein anderer der großen Anbieter schneller ist und die Datenauswertung besser beherrscht, hat er einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Außerdem befürchten sie, dass Google, Facebook und andere Internetfirmen in ihre Branche einsteigen.

In der Öffentlichkeit stoßen die Datensammel- und Auswertungspläne auf starken Widerstand. Im November 2014 hatte die italienische Generali die Kooperationsvereinbarung mit dem südafrikanischen Anbieter Discovery geschlossen, der das Gesundheitsprogramm Vitality betreibt. Die Ankündigung hatte in Deutschland eine Protestwelle ausgelöst. Verbraucherschützer, Politiker und Schriftsteller prangerten die nach ihrer Ansicht geplante Überwachung des Alltags und des Gesundheitsverhaltens durch Versicherer an.

Liverani sieht die Proteste gelassen. "Wir nehmen den Datenschutz sehr ernst", sagt er. Außerdem habe der Versicherer keinen direkten Zugang zu den Gesundheitsdaten. Vitality vergebe an seine Mitglieder je nach Lebensstil einen Status - Bronze, Silber, Gold, Platin. Der Versicherer sehe nur diesen Status. "Schließlich vertrauen uns die Kunden auch ihr Geld für 30 bis 40 Jahre an", betont der Manager. Das könne niemand auf der Basis von Misstrauen tun.

Dass Vitality-Tarife zumindest in Deutschland zunächst nicht für Kunden der Generali-eigenen Krankenversicherung Central angeboten werden, hängt mit rechtlichen Problemen zusammen. Es ist schwierig für einen Anbieter, die Preise einer privaten Krankenversicherung während der Laufzeit auf Grund von Gesundheitsdaten zu ändern. Trotzdem ist Generali entschlossen, bald auch hier mit Vitality zu arbeiten - möglicherweise zunächst nur mit Belohnungen, aber nicht mit Preisnachlässen.

Neben der genaueren Risikoerfassung ist die Erhöhung der Zahl von Kundenkontakten ein wichtiges Motiv für die Generali. Normalerweise haben Versicherte mit ihrer Gesellschaft nur selten zu tun, anders als beim Kontakt mit der Bank. Mit Vitality könnte sich das ändern.

Das System soll so funktionieren: Generali-Kunden eröffnen ein sogenanntes Vitality-Konto. International hat Vitality Vereinbarungen mit Nike, Fitbit, Garmin und anderen Anbietern für die Nutzung von Armbändern und ähnlichen Geräten, die Bewegungs- und Gesundheitsdaten messen. Diese Daten sammelt Vitality. Daneben soll es Vereinbarungen mit Supermarktketten wie Rewe und Drogeriemärkten geben. Sie müssen dazu bereit sein, in ihren Kassensystemen die Produkte zu kennzeichnen, die für gesunde Ernährung stehen. Dazu gehören Biowaren und Obst. Rund 20 Prozent des Sortiments könnten so ausgezeichnet werden.

Verbraucherschützer protestieren bereits gegen die geplante Datensammlung

Der Kunde legt beim Einkauf seine Vitality-Karte vor und erhält die entsprechenden Gesundheitspunkte auf seinem Konto gutgeschrieben. Als drittes Segment sollen Werte aus medizinischer Vorsorge und Fitnessstudios in die Datensammlung einfließen und Punkte bringen.

Vitality ist nicht die einzige Digitalisierungsinitiative des Anbieters. Auch in der Autoversicherung führt er Neuerungen ein. "Wir werden im kommenden Jahr einen Telematik-Tarif auf den Markt bringen", sagt Liverani. Dabei misst ein Gerät im Auto Geschwindigkeit sowie Brems- und Anfahrverhalten und übermittelt die Daten zusammen mit dem Standort. Daraus kann der Versicherer oder ein Dienstleister eine Bewertungszahl für das Fahrverhalten berechnen, die zur Preisfindung verwendet wird. Neben der Generali arbeiten auch andere Anbieter an Telematik-Tarifen, darunter die größten Kfz-Versicherer HUK-Coburg und Allianz sowie Axa und Zurich. Mit den Telematik-Tarifen könnten die Preise für Versicherte mit weniger Risiken sehr schnell deutlich sinken, erwarten Experten.