Gema Schrille Töne

Gegen die Verwertungsgesellschaft regt sich Widerstand. Meik Michalke will das Monopol knacken. Idee: Komponisten sollen Lieder verschenken können.

Von Katrin Langhans, Düsseldorf/München

Eigentlich wollte Meik Michalke gar nicht gegen die Gema in den Kampf ziehen. Aber heute steckt der Psychologe, der im Herzen Musiker und Dichter ist, mittendrin in der Schlacht gegen die wohl mächtigste Verwertungsgesellschaft Europas. Michalke, 41, schulterlanges Haar, kreisrunder gestutzter Bart, sitzt auf einer weißen Couch in Düsseldorf in einem sanierten Bahnhof nur wenige Minuten vom Zentrum entfernt. Er erinnert sich, wie damals vor fünf Jahren alles anfing. Michalke besuchte das Deutschen Patentamt, um mit ein paar Hackern und Rechtsgelehrten über den materiellen Wert von Musik diskutieren. Ihm gegenüber saßen Juristen, die in einer fingerdicken Satzung nachsehen konnten, was es kostet, ein Lied öffentlich zu spielen. Meik Michalke schlug ihnen vor, ein neues Kapitel zu schreiben: Komponisten sollen einzelne Werke im Internet verschenken können.

Musik verschenken? Geht's noch? Die Juristen waren irritiert. Und dann fiel dieser Satz, der die Musiklandschaft schon bald verändern könnte. Wahrscheinlich hatten die Juristen Michalke einfach unterschätzt. Schließlich arbeiten sie für einen Verwaltungsgiganten, der nahezu unangefochten den Ton angibt im Geschäft mit der deutschen Musik. Der seit mehr als hundert Jahren als Monopolist die Rechte von deutschen Komponisten, Textdichtern und Verlagen vertritt.

Sobald in Klubs oder Gaststätten, Aufzügen oder Sexshops Musik läuft, fließt Geld in die Taschen der Gema, der Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte. Sie bestimmt in Tarifverhandlungen, was Konzertveranstalter zahlen. Sie gibt die Konditionen vor, zu denen Komponisten ihre Urheberrechte abtreten.

"Die Gema kann praktisch machen, was sie will.

Sie ist konkurrenzlos", sagt Michalke. Noch.

Neulich beim Friseur: "Grüß Gott, die Gema, haben Sie unseren Vertrag bekommen?"

Für einen Komponisten wäre es unmöglich, in jeden Laden der Republik zu spazieren und zu fragen: Spielt ihr meine Musik? Er braucht jemanden wie die Gema. Jemanden, der verhandelt, Gebühren eintreibt: Beispiel Friseursalon, achtzig Quadratmeter, ein Radio, macht 35,05 Euro im Quartal. Im vergangenen Jahr war der Umsatz der Gema mit 893 Millionen Euro so hoch wie noch nie. Etwa 15 Prozent schluckt die Verwaltung, der Rest fließt weiter an die Künstler und Verlage.

Vieles musste sich die Gema schon anhören: Sie sei der Halsabschneider in Diskotheken, der Spaßverderber auf Hochzeiten, der Abzocker beim Oma-Gesangsverein. Die Berlinerin Zoe Leela betitelte sie in einem Interview als "Anwalt der Reichen", die Band Deichkind beschimpfte die Gema als "Evolutionsbremse". Die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte ist ähnlich beliebt wie die Propagandisten der Zeugen Jehovas oder die Gebühreneintreiber der Rundfunkanstalten.

Einer, der das fast täglich zu spüren kriegt, ist Franz Maurer, graue Haare, graues Jackett, blaue Jeans. Ein unauffälliger Typ, die Bewegungen sparsam, die Stimme leise, der Schritt entspannt. Maurer heißt eigentlich anders und war mal Versicherungsvertreter. Seit zwei Jahren arbeitet er als einer von 120 sogenannten "Kundenberatern" für die Gema. Franz Maurer besucht heute im Süden von München einen Beauty-Salon, einen Friseur, einen Supermarkt und zwei Gaststätten.

Der Gema-Mann erscheint unangekündigt, damit keiner das Radio versteckt.

"Nicht zu warm, nicht zu kalt, perfektes Vertreterwetter", sagt Maurer, steigt ins Auto und tippt die erste Adresse in sein Navigationsgerät. Ein Billigfriseur, der Haarschnitt kostet acht Euro. Maurer betritt den Salon, ein paar Stühle, zwei Friseure, eine Kundin. "Grüß Gott, die Gema", sagt er und fixiert das Radio links auf dem Regal. "Haben Sie unseren Vertrag bekommen?" Die Friseurin starrt den Mann im grauen Anzug an. "Wir schalten keine Werbung." Maurer erwidert: "Ich verkaufe keine Werbung. Die Gema vertritt Musiker".

"Nie gehört", sagt die Frau. Und ihr Blick? Der sagt: Was will der Irre hier? So läuft es oft. Bei der Hälfte seiner Besuche muss Maurer sich erklären, manchmal wird er beschimpft, manchmal fortgejagt. Der Geschäftsführer des Friseursalons ist nicht da. Maurer hinterlässt ein Visitenkärtchen. Darauf, das Gema-Logo: Ein geflügeltes Pferd, Pegasus, das Sinnbild für Kreativität und Dichtkunst.

Die Gema sieht sich gern als Beschützer von Komponisten, als Kämpferin für geistiges Eigentum. Die Entscheidung aber, wie sie Musik vermarktet, treffen nur wenige. Von den 69 000 Mitgliedern sind gerade einmal fünf Prozent direkt stimmberechtigt, der Rest wird nur über ein paar Dutzend Delegierte vertreten. Einfluss haben diejenigen, die drei Jahre in Folge mindestens 30 000 Euro an Tantiemen eingenommen haben, die Gutverdiener.

Illustration: Stefan Dimitrov

"Das wäre so, als würde man in einer Demokratie sagen: Nur die Reichen dürfen wählen", kritisiert Michalke. Viele Möglichkeiten im Netz blieben den Musikern verwehrt. Einen Song zu Werbezwecken verschenken? Unmöglich. Dabei könnten unbekannte Bands auf diese Weise neue Fans gewinnen, die später Alben kaufen oder Konzerte besuchen.

Wer einen Vertrag mit der Gema unterzeichnet, gibt alle seine Werke in ihre Hände. Meik Michalke will, dass Komponisten für jedes Werk einzeln entscheiden können, wer zahlen muss, wo es kostenlos zirkuliert, und wer es bearbeiten darf. Musik, Texte, Gedanken, all das sollen Kreative im Internet verbreiten und weiterentwickeln können.

Michalke ist groß geworden mit Wikipedia und Linux, Errungenschaften der Open-Source Bewegung. Wenn alle ihr Wissen im Netz teilen, dann profitiert die Gesellschaft, so die Idee. Auch Komponisten sollen ein Werk freigeben können. Die Lizenzierung will Michalke über Creative-Commons (CC) abwickeln, einem freien Lizenzierungsmodell aus den USA. Es soll die Standardlizenzen ergänzen, die Geld in die Kassen spülen.

Die Idee, eine Alternative zur Gema zu gründen, kam, wenn man so will, von der Gema selbst.

Es war nicht nur dieser Satz, es war auch dieser Unterton. An dem runden Tisch vor fünf Jahren rutschte er einem der Juristen heraus: "Also, wenn Sie das nicht gut finden, was wir hier machen, dann gründen Sie doch selber eine Verwertungsgesellschaft". Es klang wie: "Das schaffen Sie ja eh nicht". Die Gema-Juristen sollen gelacht haben. Und Michalke? Der fragte, da er schon mal da war, beim Patentamt nach, was er denn tun müsse, um so eine "eigene Verwertungsgesellschaft" ins Leben zu rufen.

Wenn sich Michalke heute an den Tag erinnert, an dem er den Entschluss fasste , eine Firma, die Cultural Commons Collecting Society (C3S), zu gründen, muss er schmunzeln. Hier in Düsseldorf, in den Büroräumen der C3S.

Dunkle Holzbalken lugen zwischen den unverputzten Wänden hervor, gelbe Theaterfolie umhüllt die Lampe. Über einer alten Spindel hängt eine Vendetta-Maske. Wenn ein Zug vorbei donnert, vibriert das Holzparkett. Im kommenden Jahr will Michalke den Antrag für die C3S beim Patentamt einreichen. Noch zögert er, weil das Urheberwahrnehmungsgesetz bis 2016 überarbeitet werden soll. Es regelt welche Bedingungen eine Verwertungsgesellschaft erfüllen muss und Michalke will den Papierkram ungern zwei Mal erledigen.

Michalke muss das Patentamt davon überzeugen, dass sein flexibles Konzept keine Träumerei ist, sondern wirtschaftlich tragfähig. Michalke ist optimistisch, auch wenn noch viel Arbeit vor ihm liegt: "Ich war schon immer ein Stratege. Je größer das Problem, umso größer die Lust", sagt er. Michalke experimentiert gerne. Er schreibt Gedichte, bloggt, spielt raue melodische Rocksongs in der Band "Angstalt" und promoviert in der Leseforschung.

Die C3S hat schon jetzt hohe Wellen geschlagen. Ein Psychologe und Musiker, der gemeinsam mit Konzertveranstaltern, Hackern und Komponisten eine Alternative zum alteingesessenen Verwertungsgiganten gründen will? Ein Aktivist, der sich traut, es mit der Gema aufzunehmen, die knallhart gegen Industriegrößen wie Youtube und die Telekom klagt, die Tarife mit einflussreichen Verbänden aushandelt, die sich ein Netz aus Verträgen gesponnen hat mit Verwertungsgesellschaften in ganz Europa?

Meik Michalke wirkt nicht naiv.

Er weiß, dass seine Firma das alteingesessene Monopol nicht ersetzen kann und dass es Jahre dauern wird, bis es richtig anläuft. "Aber es ist Zeit, dass eine Alternative kommt", sagt er. Immerhin etwa 500 Musiker haben zugesagt, sich zukünftig über die C3S vertreten zu lassen. 500 weitere Mitglieder, darunter Konzertveranstalter und Juristen, arbeiten an dem Konzept.

Im vergangenen Jahr musste Michalke seinen Plan oft verteidigen. Etwas mehr als 185 000 Euro haben er und die Initiatoren Michael Weller und Wolfgang Senges über Crowdfunding im Internet gesammelt. Das Land Nordrhein-Westfalen hat knapp 140 000 Euro aus einem EU-Fördertopf beigesteuert. Alle warten auf ein Ergebnis. Und die C3sler? Steckten ihre Zeit zunächst in ein anderes Projekt, das vielen etwas abwegig schien.

Nächtelang saßen die Entwickler und Musiker bei orangenem Theaterlicht am langen Holztisch, schrieben Plakate voll, diskutierten, programmierten und sahen in Pausen vom Dach aus den Zügen zu, wie sie im Dämmerlicht vorbeirauschten. Das die C3S-Team hat so einen Prototyp für ein Micropayment-System entwickelt, bei dem Fans ihren Lieblingsmusikern Geld spenden können. Das Projekt heißt "Adore" und funktioniert ähnlich wie der Dienst "Flattr". Eine vorher festgelegte Summe wird auf die angeklickten Lieder aufgeteilt. "Manche haben uns vorgeworfen das C3S-Projekt liegen zu lassen", sagt Michalke. Aber das Kernstück von "Adore" sei ein System, mit dem man Komponisten und Werke verwalten könne. Weiterentwickelt wird es das Herz von der C3S.

An dem Konzept und den Tarifstrukturen arbeiten zurzeit zwanzig Ehrenamtliche. Die meiste Zeit vernetzen sie sich übers Internet. Wochenlang haben sie sich durch das Tarifgestrüpp der Gema gekämpft, zig Seiten voll mit Berechnungen und Abkürzungen. Ihr Ziel: Das System auf eine Formel zu kondensieren. Ein hehres Vorhaben. Mehr als 900 Mitarbeiter halten bei der Gema den Verwaltungsapparat von der IT über die Tarife bis hin zum Außendienst am Leben.

Braun, trist, 80er-Jahre. Von außen sieht die Hauptstelle der Gema in München genauso aus, wie man sich eine Verwertungsgesellschaft vorstellt: öde. In der Eingangshalle starrt der in Kupfer gegossne Kopf des langjährigen Leiters Erich Schulz auf eine Plastikfolie. Im Hintergrund rattert ein Presslufthammer, jemand saugt lautstark. Gaby Schilcher, die Gema-Sprecherin, entschuldigt sich: "Wir bauen gerade um". Die langen Flure sollen weg, die Büros weitläufiger werden. Im vierten Stock stehen alte graue Schränke aus Metall, in denen die Mitarbeiter einst per Hand mühsam jeden Komponisten und jedes Werk eingetragen haben. Sie werden aussortiert. Kulturgut auf Zetteln, das war einmal.

Das mürrische Gesicht: Die Gema fordert von Youtube 0,375 Cent pro Stream

Die Gema ist im digitalen Zeitalter angekommen - zumindest was die Verwaltung der Musiker angeht. In der Frage, wie Urheberrechte im Netz vergütet werden sollen, steht sie mit der digitalen Welt noch auf dem Kriegsfuß. Zwar hat sie sich mit Plattformen wie Spotify, Vevo und MyVideo geeinigt. Aber gegen den wohl größten Streamingdienst Youtube klagt die Gema schon seit fünf Jahren. Ein Streit mit Gesicht.

Jahrelang glotzte einen dieses etwas mürrisch drein schauende Gesicht auf Youtube an, begleitet von dem Hinweis, das Video sei leider aus rechtlichen Gründen nicht verfügbar. Die Gema fordert von der Google-Tochter 0,375 Cent pro Stream - bisher ohne Erfolg. Im Juli entschied das Landgericht München I, dass Youtube als Plattform nicht für die hochgeladenen Inhalte haften muss. Noch etwas weiter aus dem Fenster lehnt sich die Gema in einem Rechtsstreit gegen die Telekom, bei dem noch kein Urteil vorliegt. Die Gema fordert, dass die Telekom eine Seite im Netz sperrt, auf der Kunden illegal Musik herunter laden können. Etwas drastischer formuliert kann man sagen: Die Gema will die Internetnutzung beschränken.

Etwas größenwahnsinnig vielleicht. Aber wer, wenn nicht die Gema, hat eine Chance digitale Industriegiganten dazu zu bewegen, sich mit der Frage auseinander zu setzen, wer die Verantwortung dafür trägt, dass Werke ohne die Zustimmung der Komponisten im Netz verschleudert werden? Bei all dem Hass, der sich von Gastronomiebetrieben oder Musikfans auf die Gema entlädt, wird oft vergessen, dass sie im Kern etwas Gutes tut: Sie schützt geistiges Eigentum.

Ein Recht, dass sich der Komponist Ernest Bourget vor mehr als einem Jahrhundert erstritt. Der Musiker saß 1847 in einem Pariser Kaffeehaus und schlürfte Zuckerwasser, damals ein Modegetränk, als er eine bekannte Melodie vernahm. Es war seine eigene.

"Gerade bei einem Top-Hit wäre es viel zu kompliziert, die Rechte selbst einzuholen."

Aber entlohnen wollte man ihn nicht dafür. Erbost weigerte sich Bourget sein Zuckerwasser zu zahlen. Ein Gericht entschied später: Es ist illegal ein Werk öffentlich ohne die Zustimmung des Urhebers zu spielen. Bis heute steht es so im Urheberrechtsgesetz.

Wie viel es kostet ein Gema-Werk aufzuführen, das durchschauen wohl nur wenige. "Die Gema? Die würde ich auch gern verstehen", sagt ein angesehener Medienwissenschaftler. Ein Mitglied der Gema spricht von Punkten und Stufen, die sich jährlich ändern, ein schwer nachvollziehbares System. Sprecherin Schilcher fragt, ob man nicht lieber eine Gummibärchenfabrik verstehen wolle, das sei leichter. Die Besetzung, die Spieldauer, die Länge, der Sender, Musikart, zig Formeln, all das spiele mit rein, manches werde direkt, anderes solidarisch verrechnet. Konkret immerhin sagt die Gema: Die Urheber eines Werkes, das drei Minuten im Bayerischen Rundfunk läuft, teilen sich 18,17 Euro.

Michalke betrachtet das verworrene Tarifsystem mit Argwohn, er will es einfacher aufziehen. Und die Gema? Die schaut skeptisch auf die C3S. Woher sollen die Einnahmen kommen, wenn Musiker ihre Top-Hits ausklammern können? "Rosinenpicken halte ich für Quatsch", sagt Michalke. "Gerade bei einem Top-Hit wäre es für einen Künstler viel zu kompliziert die Rechte selbst einzuholen."

Aber egal, ob die C3S sich als Alternative durchsetzen wird oder nicht, eins hat Michalke schon erreicht. Die Juristen der Gema, die noch vor fünf Jahren mit Verwunderung auf seine Idee der freien Lizenzen reagierten, haben sich mit Creative Commons auseinander gesetzt. Ende des Jahres will die Gema ein Pilotprojekt starten, das es Mitgliedern ermöglicht, ein von ihnen ausgewähltes Werk zu nicht kommerziellen Zwecken im Netz zu verschenken.