Frickes Welt Das schräge Vorbild

Die Griechen sollen mehr sparen, sagen die Geldgeber. Aber taugen andere Krisenländer dafür als Vorbild? Spanien gewiss nicht.

Bei Heidi Klum werden Kandidatinnen über Nacht gelegentlich zum Star. In der Ökonomie dauert so etwas meist länger - manchmal aber auch nicht. So werden die Spanier seit ein paar Monaten plötzlich als ökonomische Models dafür gepriesen, wie sich besonders heroisches Reformieren und Kürzen auszahlen. Botschaft: Seht her, ihr Griechen! So macht man das!

Dabei ist bei näherem Hinsehen fraglich, ob das Land als Lehrbuchbeispiel für Gesundsparen so geeignet ist. Ja, Spaniens Regierung hat in der Schuldenpanik 2012 enorm gekürzt und Steuern erhöht. Und sie hat am Arbeitsmarkt einiges reformiert. Nur: Die Griechen können sich davon gar nicht so viel abgucken, denn sie haben in Wahrheit weitaus mehr gespart und reformiert als die Spanier. Ergebnis: In Griechenland zahlt der Staat heute 17 Prozent weniger an Beamte als 2007, in Spanien 7 Prozent mehr; die Sozialtransfers in Griechenland sind um 28 Prozent gesunken, in Spanien sind sie leicht höher als vor der Krise.

Kaum ein anderes EU-Land hat seit 2009 so oft wie Spanien das Ziel verschoben (und verschieben dürfen), sein Staatsdefizit unter drei Prozent der Wirtschaftsleistung zu senken. Erst sollte das 2012 passieren - was kurz danach auf 2013 geändert wurde, im Sommer 2012 auf 2014, und ein Jahr später dann auf 2016. Vergangenes Jahr lag das Defizit noch fast doppelt so hoch. Wenn Spanien heute wirtschaftlich so stark wächst wie kein anderes größeres Euro-Land, kann das jedenfalls nicht daran liegen, dass dort Defizitziele besonders gut erreicht wurden.

Seit 2013 die Proteste im Land hochkochten und die Arbeitslosigkeit immer neue Rekorde erreichte, hat Regierungschef Mariano Rajoy in Wirklichkeit sogar umgeschwenkt. Der Abbau der strukturellen Staatsdefizite wurde 2014 gestoppt. Dieses Jahr gab es stattdessen Steuersenkungen. Auch die Rentenzahlungen steigen wieder. Klar, denn im Herbst sind Wahlen.

Spaniens Wirtschaft wächst just seit Anfang 2014 wieder. Und es spricht einiges dafür, dass der weniger strikte Kurs der Regierung dazu beigetragen hat. Zwar haben Spaniens Exporteure an Marktanteilen gewonnen, nachdem die Lohne gesunken sind. Der Hauptteil des Aufschwungs wird mittlerweile aber dadurch getragen, dass die Spanier wieder (etwas) mehr Geld haben und ausgeben, nicht weniger. Der Preis dafür: Die Staatsdefizite sind immer noch hoch.

Das heißt nicht, dass alle Reformen vorher schlecht waren. Nur hilft der größte Abbau von Hemmnissen am Arbeitsmarkt eben wenig, wenn die Unternehmen vor lauter Depression an Einstellungen gar nicht denken können. Da lohnt es, nach ein paar Jahren harten Kürzens auch wieder Geld zuzusteuern.

Spaniens zwischenzeitlicher Sparkurs hat eine Menge Kollateralschäden gebracht. Die öffentlichen Investitionen sind eingebrochen, Rajoys Popularitätswerte auch. Und noch ist die Wette nicht eingelöst, wonach das neue Wachstum bis 2016 genug Steuereinnahmen bringt, um das Staatsdefizit unter drei Prozent fallen zu lassen. Nur: wenn das Land einmal ernsthaft als Modell gelten soll, dann sicher nicht für ökonomische Orthodoxie. Da werden die Spanier gerade arg instrumentalisiert, um den Griechen Druck zu machen. Eher wird Spanien ein Prototyp dafür sein, wie wichtig es ist, Defizitziele gerade nicht stoisch einzuhalten - und dafür, den richtigen Mix und Ablauf hinzubekommen zwischen nötigen Einschnitten und Hilfen, die den Aufschwung in Gang bringen. Seht her, Griechen-Geldgeber. So macht man das.

SZ-Grafik: Lisa-Marie Prankl; Quelle: EU-Komission, Prognosen für 2015/16

Thomas Fricke schreibt über aktuelle Themen auf seiner Facebook-Seite WirtschaftsWunder.

An dieser Stelle schreiben jeden Freitag Nikolaus Piper und Thomas Fricke im Wechsel.