Fleisch-Industrie Gruselmärchen für den Verbraucher

Wieder gibt es einen Verdacht auf Gammelfleisch, weil in Europa schwer nachzuvollziehen ist, woher Zutaten kommen - dabei müssten Hersteller nur Daten offenlegen, die es schon gibt. Doch die EU-Kommission hat daran kein Interesse.

Ein Kommentar von Silvia Liebrich

Wenn Fleisch grünlich schimmert und stinkt, ist das ein schlechtes Zeichen. Kein vernünftiger Mensch käme auf die Idee, daraus noch eine Mahlzeit zuzubereiten. Trotzdem kommt es immer wieder vor, dass solches Gammelfleisch in Wurst und Fertiggerichten landet. Schwarze Schafe gibt es eben überall, auch in der Fleisch- und Wurstwarenindustrie. Dann sind die Staatsanwälte am Zug, wie jetzt in Niedersachsen. Ein Produzent soll dort seine Arbeiter angewiesen haben, verdorbenes Fleisch zu verwursten.

Werden solche Fälle bekannt, ist der Aufschrei der Empörung groß. Doch er ist meist genauso schnell wieder verklungen. Auch bei Verbrauchern halten sich die Ekelanfälle mittlerweile in Grenzen. Es bleibt ihnen auch nicht viel anderes übrig, wollen sie nicht auf der Stelle zu Vegetariern werden.

Die Liste der Lebensmittelskandale ist lang. Haften bleiben die spektakulären Fälle: BSE, die Ehec-Krise und dioxinverseuchte Eier. Nicht immer muss dabei kriminelle Energie im Spiel sein. Schlampereien und mangelhafte Kontrollen tragen ihren Teil dazu bei. Das bei weitem größte Problem in der Lebensmittelproduktion ist jedoch nicht Betrug, sondern der Mangel an Transparenz. Welche Zutaten woher kommen, lässt sich hinterher kaum nachvollziehen.

Industrie verhindert schärfere Normen

Wie etwa Pferdefleisch aus Rumänien seinen Weg in die Lasagne namhafter europäischer Markenhersteller gefunden hat, weiß bis heute niemand so genau. Diverse Gerichtsverfahren laufen mangels Beweisen ins Leere. Die Spur des Fleisches durch Europa lässt sich nicht nachvollziehen, weil entsprechend Vorschriften fehlen - und Betrüger diese Lücke zu nutzen wissen.

Fast genauso schlimm ist es aber, dass sich die EU standhaft weigert diesen Missstand zu beseitigen, obwohl sie dazu in der Lage wäre. Denn für das Problem gibt es eine einfache Lösung: Eine verbindliche Herkunftskennzeichnung von Fleisch und anderen Lebensmitteln in der Europäischen Union. Seit dem BSE-Skandal gibt es die nur für Rindfleisch, und das auch nur ansatzweise für Frischware. Bei Schweinen, Geflügel, Pferden oder Schafen muss dagegen kein Nachweis erbracht werden. Das gilt auch für andere verarbeitete Lebensmittel. Die Gesetze bleiben lückenhaft, weil es der Industrie immer wieder gelingt, schärfere Normen zu verhindern.