Europäische Zentralbank Draghi kennt keinen Halt mehr

Der Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi.

(Foto: Bloomberg)

Notenbank-Chef Draghi setzt den Zins auf null Prozent und kauft jetzt auch noch Kredite von Unternehmen. Ökonomen sind bestürzt. Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Von Harald Freiberger und Markus Zydra, Frankfurt

Mario Draghi, der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), dreht an allen Schrauben, die ihm zur Verfügung stehen. Mit mehreren Einzelschritten machte er am Donnerstag das Geld in Europa noch billiger und setzte die Zinsen weiter nach unten. Er überraschte damit die Finanzmärkte: Die Aktienkurse stiegen vorübergehend deutlich, der Euro fiel. Doch die Stimmen der Ökonomen zu den Beschlüssen fallen fast durchweg negativ aus. "Die Medizin wird nicht wirken, auch wenn man die Dosis erhöht", sagte Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank.

Welche neuen Schritte hat Draghi angekündigt?

Zum einen stellte er wie erwartet in Aussicht, dass die EZB die Käufe von Anleihen ausweitet; statt bisher 60 Milliarden nimmt sie künftig monatlich 80 Milliarden Euro in die Hand, um Anleihen einzusammeln. Neu ist, dass sie nicht nur Anleihen von Staaten kauft, sondern auch solche großer Konzerne wie Siemens oder BASF.

Dadurch sinken die Kreditkosten der Staaten und Unternehmen. Der zweite wichtige Schritt betrifft den Einlagenzins, der zuletzt stark in der Diskussion war: Es ist der Zinssatz, den Banken zahlen müssen, wenn sie kurzfristig Geld bei der EZB parken. Er ist schon seit eineinhalb Jahren negativ, deshalb wird er auch "Strafzins" genannt. Die EZB drückt ihn nun noch tiefer - von minus 0,3 auf minus 0,4 Prozent. Damit will die Notenbank verhindern, dass Kreditinstitute Geld bei ihr bunkern; sie sollen es stattdessen an Unternehmen verleihen, damit diese investieren und die lahmende Konjunktur ankurbeln.

Der überraschendste Schritt war die Senkung des Leitzinses von 0,05 auf 0,00 Prozent. Er war lange nicht mehr Gegenstand der Diskussion, die EZB hatte ihn zuletzt im September 2014 gesenkt. Es ist der Zinssatz, zu dem sich Banken von der EZB Geld leihen können. In Europa war er noch nie bei null. Das bedeutet, dass Banken sich kostenlos Geld ausleihen können. Auch dies soll die Vergabe von Krediten fördern.

Was ist das Hauptziel der EZB?

Draghi begründet seine Schritte damit, dass die EZB ihr Inflationsziel von rund zwei Prozent zurzeit deutlich verfehlt. Die Preise in Europa sind im Februar sogar um 0,2 Prozent gesunken. Im Hintergrund steht die Sorge vor einer Deflation, also deutlich sinkenden Preisen über längere Zeit.

Die Gefahr ist, dass Verbraucher und Unternehmen dann gar nichts mehr konsumieren und investieren, weil sie immer weiter sinkende Preise erwarten. Die Wirtschaft käme damit vollends zum Erliegen. Draghi will diese Gefahr mit billigem Geld und niedrigen Zinsen abwehren: Sie sollen zu Konsum und Investitionen führen und die Wirtschaft ankurbeln, dadurch würden automatisch auch die Preise steigen.

Wie reagierten die Finanzmärkte?

Mehr billiges Geld bedeutet auch, dass Investoren mehr Geld zur Verfügung haben, um es in Aktien zu investieren. Deshalb wurde Draghis Ankündigung an den Börsen zunächst freudig begrüßt. Der Deutsche Aktienindex stieg nach der Entscheidung um fast drei Prozent.

Der Euro fiel gegenüber dem US-Dollar deutlich, weil niedrigere Zinsen eine Währung für Investoren unattraktiver machen. Doch kurz darauf verpuffte der Effekt: Der Dax schloss 2,3 Prozent schwächer, und der Euro stieg wieder - ein Zeichen dafür, dass die Wirkung der EZB-Maßnahmen nachlässt.

President of European Central Bank Mario Draghi is on his way to a press conference following a meeting of the governing council in Frankfurt, Germany, Thursday, March 10, 2016. The European Central Bank cut all its main interest rates, expanded its bond-buying stimulus program, and offered new cheap loans to banks, making an unexpectedly aggressive effort to boost inflation and economic growth in the 19 countries that share the euro. (AP Photo/Michael Probst)

(Foto: Michael Probst/AP)

Wie bewerten Ökonomen die Schritte?

Die Experten sind sich einig, dass die EZB deutlich mehr getan hat, als erwartet wurde. "Sie will ein sehr starkes Signal an die Finanzmärkte setzen", sagte Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt der DZ-Bank. Ulrich Kater von der Deka-Bank sprach davon, dass die Notenbank "alles ins Feuer zu werfen versucht, was ihr zur Verfügung steht".

Werden die Maßnahmen ihr Ziel erreichen?

Da sind die Experten sehr skeptisch. Sie bezweifeln besonders, dass es der EZB gelingt, die Preise nach oben zu drücken. "Die geringe Inflation ist vor allem eine Folge des niedrigen Ölpreises und der schwachen Konjunktur", sagt Bielmeier. Auf den Ölpreis habe die Notenbank aber keinen Einfluss, und für die Konjunktur brächten die Maßnahmen wenig. "Die EZB versucht, den Anreiz für die Vergabe von Krediten weiter zu erhöhen", sagt Bielmeier. Aber das Angebot sei nicht das Problem, die Unternehmen fragten einfach zu wenig Kredite nach, weil sie die wirtschaftliche Situation pessimistisch einschätzen.

"Mehr Wasser hilft nicht, wenn die Pferde nicht saufen wollen", sagte Hans-Werner Sinn, Präsident des Münchner Ifo-Instituts. Die EZB scheine am Ende ihres Lateins angekommen. Auch Commerzbank-Experte Krämer glaubt nicht, dass die lockere Geldpolitik in der Realwirtschaft ankommt. Sie verschlechtere langfristig die Rahmenbedingungen für Unternehmen, sodass sie sich heute schon zurückhielten. Otmar Lang, Chefvolkswirt der Targobank, sagte, die Schritte zeugten von einer "enormen Nervosität der obersten Währungshüter". Die Maßnahmen entfalten immer weniger Wirkung, weil Unternehmen und Verbraucher immer weniger an sie glauben.

Was bedeuten Negativzinsen für Banken?

Sie sind die größten Kritiker der Niedrigzins-Politik, weil sie mehr und mehr darunter leiden. Die Zinsmarge, also die Spanne zwischen verliehenem und hereingenommenem Geld, ist die größte Einnahmequelle der Kreditinstitute. Sie schmilzt mehr und mehr dahin, bis 2020 um ein Drittel, wird geschätzt. Auch können die Banken die Negativzinsen, die sie bei der EZB für das Geldparken zahlen müssen, nicht an Privatkunden weitergeben. Bayerns Sparkassen überlegen schon, ihr Bargeld lieber im eigenen Tresor zu lagern, statt bei der EZB fürs Parken Strafzinsen zu zahlen.

Was bedeutet es für Sparer?

Dass auch Privatkunden für ihr Erspartes Negativzinsen zahlen müssen, ist derzeit nicht zu erwarten. Würden Banken den Strafzins weitergeben, würden die Kunden ihr Geld wohl abheben. Doch es ist zu beobachten, dass Kreditinstitute sich das Geld auf andere Weise zurückholen, zum Beispiel über höhere Gebühren für das Girokonto. In der Schweiz, wo der Negativzins noch höher ist, wurde zudem beobachtet, dass Banken die Zinsen für Immobilienkredite stark angehoben haben. Besonders betroffen sind langfristige Geldanlagen für die Altersvorsorge, da der Zinseszins-Effekt immer weniger ins Gewicht fällt. "Die Zinsentscheidung der EZB verstärkt den Abwärtsstrudel für Sparer", sagt Liane Buchholz vom Verband Öffentlicher Banken. "Langfristige Anlagekonzepte werden entwertet."