Europäische Zentralbank Absturzgefahr im Treibhaus

Die Europäische Zentralbank warnt vor den Risiken des Klimawandels. Machten Politik und Unternehmen nicht rechtzeitig Ernst mit dem Klimaschutz, dann drohe eine andauernde Wirtschaftskrise.

Von Michael Bauchmüller, Berlin

Die dramatischen Folgen des Klimawandels für die Menschheit sind mittlerweile weithin beschrieben: Steigende Meeresspiegel, extremeres Wetter, Dürre hier und Überschwemmungen dort, Hunger, Tod und Flucht. Die Forschungsarbeiten dazu gehen in die Tausende, der Weltklimarat fertigt zu diesem Thema alle vier Jahre große Berichte. Was der Klimawandel mit den Weltfinanzmärkten anstellen könnte, spielt da eher keine Rolle.

Die Europäische Zentralbank hat ein eigenes Gremium für derlei Fragen, das "European Systemic Risk Board", kurz ESRB. Der Ausschuss beschäftigt sich mit allen möglichen Risiken für die Finanzmärkte - und in seinem jüngsten Bericht nun auch mit dem Klimawandel. Machten Politik und Unternehmen nicht rechtzeitig ernst mit dem Klimaschutz, dann drohe eine Krise "mit Effekten vergleichbar denen eines großen und andauernden negativen makroökonomischen Schocks", heißt es in dem Gutachten des Risiko-Ausschusses. Das Gremium, dem EZB-Chef Mario Draghi vorsitzt, hat dazu zwei Szenarien untersucht: Einmal ein milderes, wenn die Welt rasch und ernsthaft etwas für den Klimaschutz macht. In diesem Fall seien die Kosten verkraftbar, schreibt das Board, mehr noch: "Bei einer weichen Landung hätte der Umbau zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft einen insgesamt positiven Effekt auf die Ökonomie". Voraussetzung sei der rechtzeitige Umstieg auf alternative Energien und die entsprechende Infrastruktur.

Ohne eine konkrete Klimapolitik aber, etwa durch die künstliche Verteuerung des Kohlendioxid-Ausstoßes, sei Szenario zwei wahrscheinlicher: die harte Landung. Dieser liegt eine extreme Annahme zugrunde: Demnach entschieden sich die Staaten erst spät, aber dafür umso radikaler für den Klimaschutz. In diesem Falle würde eine plötzliche Verknappung fossiler Rohstoffe die Märkte belasten, während der Wert von Energiekonzernen massiv sinken würde. "Diese beiden Kanäle könnten eine Ansteckung des weiteren Finanzsystems nach sich ziehen", warnt der Bericht. Schon im Herbst vergangenen Jahres hatte der Gouverneur der Bank of England, Marc Carney, derlei Folgen eindringlich beschrieben. Nehme man die Berechnungen des Weltklimarats IPCC ernst, dürfte höchstens ein Drittel der globalen Reserven an Öl, Gas und Kohle gefördert werden, rechnete er vor. "Wenn diese Schätzung auch nur annähernd richtig ist, erweist sich der weit größte Teil der Reserven als buchstäblich unverbrennbar." Je später und abrupter Anleger darauf reagierten, desto größer das Risiko für die Märkte.

Sollten Politik und Wirtschaft nicht rasch handeln, "dann treffen uns die Folgen dieses Versäumnisses in wenigen Jahren hart", sagt auch der Grünen-Politiker Reinhard Bütikofer, der sich im Europäischen Parlament mit solchen Fragen beschäftigt. "Dieser Bericht ist ein Schuss vor den Bug der europäischen Politik."

Auch der Bericht des EZB-Gremiums verweist auf die große Abhängigkeit des europäischen Finanzsystems von Konzernen, die ihr Geld mit fossilen Rohstoffen verdienen. Banken, Versicherer und Pensionsfonds seien im Umfang von etwa einer Trillion Euro mit Unternehmen verflochten, die Kohle, Öl oder Gas fördern. Um die Systemrisiken zu mindern, schlägt das Gremium nun vor allem mehr Information vor.

Firmen sollten darlegen, in welchem Umfang sie in die Kohlenstoff-Wirtschaft investiert haben. Auch künftige Stresstests könnten dieses Risiko mit untersuchen. Harte Auflagen dagegen verlangt der Bericht nicht, zumal die klarsten Ansagen einstweilen von den Finanzmärkten selbst kommen könnten: Zuletzt hatten mehrere Pensionsfonds und Versicherer, darunter die deutsche Allianz und der norwegische Pensionsfonds, einen Ausstieg aus ihren Kohle-Beteiligungen angekündigt.