Espírito-Santo-Gruppe in Portugal Bankenrettung auf Familienkosten

Aus der Großbank Espírito Santo in Lissabon ist eine Krisenbank geworden.

(Foto: dpa)

Aufatmen in Lissabon: Mit knapp fünf Milliarden Euro wird die Krisenbank BES gerettet. Der Staat übernimmt die Kontrolle über die gesunden Bereiche, die faulen Kredite behält die Familie Espírito Santo. Dadurch könnte der umstrittene Clan von den Reichen-Listen in Portugal verschwinden.

Von Thomas Urban, Madrid

In Lissabon herrscht große Erleichterung: Die Europäische Union hat eine Finanzspritze über 4,9 Milliarden Euro zur Rettung der schwer angeschlagenen Bank Espírito Santo (BES) genehmigt. Faktisch hat sie nun der Staat vorübergehend übernommen, denn das Führungspersonal wurde durch von der Notenbank benannte Fachleute ersetzt. Nun ist erst einmal die Gefahr gebannt, die in schwere Turbulenzen geratene Grupo Espírito Santo (GES), die Muttergesellschaft der BES, könnte die gesamte Wirtschaft des Landes in den Abgrund ziehen.

Erst im Mai hatte Lissabon das Rettungsprogramm zur Stabilisierung des Staatshaushaltes abschließen können: Der Internationale Währungsfonds (IWF), die Europäische Zentralbank (EZB) sowie die EU hatten 2011 der damaligen sozialistischen Regierung Kredite über insgesamt 78 Milliarden Euro zugesichert. Als Gegenleistung musste sich die Regierung, an deren Spitze wenig später der konservative Finanzmann Pedro Passos Coelho trat, zu einschneidenden Sparmaßnahmen und Strukturreformen verpflichten. Das Programm schlug an: Portugal konnte die Rezession überwinden, eine positive Handelsbilanz erreichen, die Arbeitslosigkeit sinkt.

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Ein Familienkonzern gerät ins Wanken

Mit den Problemen der GES schien nun der Erfolg des gesamten Sanierungsprogramms gefährdet zu sein. Der Konzern, der aus einer Vielzahl von ineinander verschachtelten Holdings und Tochtergesellschaften besteht, befindet sich in Familienbesitz. Der fromme Firmenname (Heiliger Geist) soll keineswegs eine besondere Bindung zur katholischen Kirche unterstreichen, vielmehr handelt es sich schlicht um einen Familiennamen. Die Unternehmensgruppe, zu der Banken, Versicherungen, Immobilienfirmen, Privatkrankenhäuser, Hotelketten und Reisebüros gehören, war aus einer Wechselstube und Lottoannahmestelle hervorgegangen, die vor anderthalb Jahrhunderten in der Altstadt von Lissabon eröffnet wurde.

Die Probleme der Gruppe wurden im Mai offenbar, als der bisherige Vorstandsvorsitzende Ricardo Salgado seinen Rücktritt ankündigte und weitere Mitglieder des Familienclans ebenfalls ihre Posten aufgaben. In ungewöhnlicher Offenheit hatte Notenbankchef Carlos Costa erklärt, dass es für Salgado und andere Espírito Santos keinen Platz mehr in der Firmenleitung geben könne. Damit war in der Lissabonner Finanzwelt offenbar geworden, dass die Regierung sich eingeschaltet hatte, weil sie sich in der Pflicht sah, zumindest die Bank zu retten.

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Diese wird nun aufgespalten, die faulen Kredite, die ihr größtes Problem sind, werden in eine "Bad Bank" ausgelagert, so wie dies auch in anderen europäischen Krisenländern gemacht wurde. Doch gibt es zu diesen einen fundamentalen Unterschied: Der Staat übernimmt die Kontrolle über die gesunden Bereiche der Bank, die Bad Bank bleibt in Familienbesitz. Schon sagt die Lissabonner Wirtschaftspresse voraus, dass keines der Mitglieder der Espírito-Santo-Sippe in Zukunft auf der Liste der 25 reichsten Portugiesen zu finden sei, wo sie bislang Stammplätze innehaben.

"Schwere Unregelmäßigkeiten" bei Geschäften

Im Bauboom zu Beginn des neuen Jahrtausends hatten sich die Mitglieder der Familie kräftig übernommen. Sie investierten in große Immobilienprojekte - doch auch in Portugal platzte wie im benachbarten Spanien die Immobilienblase. Vor allem versenkten sie mehrere Milliarden im notorisch korrupten Angola, einer ehemaligen portugiesischen Kolonie, die nun einen Ölrausch erlebt.

Doch anstatt die Kosten zu senken und Firmenanteile abzustoßen, wurden über ein Geflecht von Holdings und Tochtergesellschaften, darunter in Steuerparadiesen, die Schulden nur hin und her verschoben, bis man offenbar in der Familie den Überblick verlor. Eine Überprüfung der Bücher ergab "schwere Unregelmäßigkeiten" und führte zum Absturz der Aktien sämtlicher Espírito-Santo-Firmen. Allein die Bank verlor auf diese Weise innerhalb von sechs Wochen zwei Drittel ihres Buchwertes.

Da es in dem Clan offenbar noch Widerstände gegen die faktische Teilenteignung gab, griffen die Steuerbehörden vor zehn Tagen zu einem drastischen Mittel: Sie nahmen Salgado wegen der Begünstigung von Geldwäsche in Untersuchungshaft. Nach einer Nacht kam er frei - und gab seinen Widerstand gegen die Umstrukturierung und Entflechtung des Konzerns auf. Die Lissabonner Presse aber fragt nun, warum die Aufsichtsbehörden erst jetzt gegen das Chaos und die systematische Missachtung gesetzlicher Vorschriften in dem Konzern eingeschritten sind.

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