Esoterik Wer am Geschäft mit dem Seelenheil verdient

Der Esoterik-Markt boomt - jährlich setzt die Branche zwischen 15 und 20 Milliarden Euro um. Das weckt Begehrlichkeiten und ruft Scharlatane auf den Plan.

Von Julia Klaus

Der Auftritt des Wunderheilers habe ihn sehr berührt, sagt er. Nun lässt er sich noch sein Chakra ausgleichen. Das Angebot auf der Esoterikmesse "Spiritualität und Heilen" in München reicht von A wie Aura-Harmonisierung bis Z wie Zellnahrungs-Keksen, die dem Altern entgegenwirken sollen. Daniel Müller schließt die Augen und spürt der Vibration der Klangschale auf seinem Rücken nach. Müller, der eigentlich anders heißt, besucht die Messe schon zum zweiten Mal. Der 30-Jährige möchte lernen, sich seinen Gefühlen zu öffnen, seine Eltern hätten das nicht zugelassen. Dafür fährt er auch auf Seminare und geht ins Kloster.

Die Esoterikbranche in Deutschland setzt mit Kunden wie Müller jährlich zwischen 15 und 20 Milliarden Euro um, schätzt der Trend- und Zukunftsforscher Eike Wenzel. Eine beachtliche Summe, die fast dem Bruttoinlandsprodukt von Estland entspricht. Doch verlässliche Zahlen über den Markt gibt es kaum, einen Bundesverband hat die Branche in Deutschland nicht. Für eine Studie hat Wenzel deshalb vor einigen Jahren Experten aus den Bereichen Medien, Gesundheit, Tourismus und der Lebensmittelbranche befragt. Er ist sicher, "dass das Potenzial der Branche weiter gewachsen ist".

Es ist ein breites Spektrum. Ganzheitlichkeit ist ein Wort, das auf der Messe in München oft fällt. "Die esoterischen Angebote eint die Vorstellung, alles sei mit allem irgendwie verbunden", sagt der Religionsforscher Hartmut Zinser. Ein anderes Wort ist Achtsamkeit, also die Aufforderung, mit den Dingen des Lebens sorgsam umzugehen. Klar ist: Die Suche nach Orientierung ist trotz der steigenden Zahl von Kirchenaustritten offenbar für viele Menschen ein Thema - und sie sind auch bereit, dafür Geld auszugeben. Am Geschäft mit der Esoterik verdienen viele mit, Verlage, Messeveranstalter oder Heilpraktiker ebenso wie die Produzenten von Räucherstäbchen und Duftsprays.

Bücher und Zeitschriften

Das meiste Geld auf dem Esoterikmarkt werde hierzulande mit Büchern verdient, glaubt Zukunftsforscher Wenzel. Die Nachfrage ist seit Jahren stabil. Laut dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels gehörten 2015 9,6 aller verkauften Sachbücher zur Gruppe Psychologie, Esoterik, Spiritualität und Anthroposophie. Bei Amazon erscheinen unter dem Stichwort "Esoterikbuch" knapp 65 000 Einträge. Dazu bieten Zeitschriften wie Happinez, Bewusster leben oder Welt der Spiritualität Lebenshilfe an.

Messen

Von stabilen Zahlen spricht auch Franz Prohaska, Geschäftsführer von Eso-Team, einem der größten Esoterikmesseveranstalter auf dem deutschen Markt. Er organisiert unter anderem die "Spiritualität und Heilen" in München. In diesem Jahr hat Prohaska 14 Messen in Deutschland und Österreich geplant, jährlich kommen insgesamt etwa 50 000 Besucher. "Meist sind es keine armen Leute, sondern Menschen, die beruflich oder privat unter Druck stehen. Vor allem Frauen fühlen sich von dem Angebot angezogen", sagt Sabine Riede, Geschäftsführerin der Beratungsstelle Sekten Info in Nordrhein-Westfalen. Udo Schuster von der Elterninitiative zur Hilfe gegen seelische Abhängigkeit und religiösen Extremismus hat die Gründe analysiert: "Viele sind einsam oder suchen nach alternativen Heilmethoden."

Gesundheitsmarkt

Wachstumspotenzial sieht Zukunftsforscher Wenzel auch im sogenannten sekundären Gesundheitsmarkt. Damit sind Produkte oder Dienstleistungen wie Wellness, Massagen oder Kleidung mit Gesundheitsbezug gemeint, die in der Regel nicht von den Kassen übernommen werden. Schon 2007 bezifferte die Unternehmensberatung Roland Berger das Umsatzvolumen in Deutschland in diesem Bereich auf jährlich 60 Milliarden Euro, Tendenz steigend. Zwar ist der sekundäre Gesundheitsmarkt nicht gleichbedeutend mit Esoterik, doch insbesondere Heilpraktiker zeigen mit Klangschalen und Räucherstäbchen in Teilen esoterische Anklänge. Heilpraktiker sind keine Mediziner und dürfen keine verschreibungspflichtigen Medikamente verordnen. Eine staatlich vorgeschriebene Ausbildung gibt es nicht, wohl müssen sie aber eine Zulassungsprüfung absolvieren. Religionsforscher Zinser warnt davor, Heilpraktiker pauschal in die Esoterik-Ecke zu stellen, doch gebe es viele, die ihre Arbeit esoterisch interpretieren.

Telefonberatung

Geld macht die Branche auch mit Telefonberatungen, drei Euro und mehr pro Minute sind nichts Ungewöhnliches. Das Unternehmen Adviqo ist Marktführer bei der Lebensberatung. Im Finanzjahr 2014/15 machte es 50 Millionen Euro Umsatz. Eine der elf Marken von Adviqo ist der wohl bekannteste Esoterik-Sender Astro TV. Laut eigenen Angaben sind bislang mehr als 1,25 Millionen Anrufer durchgestellt worden. Der Sender muss sich an die Gewinnspielsatzung halten, nach der es bestimmte Auflagen gibt. Weil er mehrfach dagegen verstieß, wurde er 2016 gerügt. Unter anderem hatte der Hinweis gefehlt, dass Minderjährige nicht teilnehmen dürfen.

Handel und Handwerk

Der Bedarf an Räucherstäbchen, Aurasprays und Kristallen kann in TV-Verkaufssendungen per Anruf gedeckt werden - oder aber man schaut sich persönlich um, zum Beispiel in Esoterik-Bibliotheken oder Hexen-Läden, selbst die großen Buchketten vertreiben oft Tarot-Karten oder ayurvedische Raumsprays. Im Internet finden sich Eso-Online-Shops, auf Facebook werden Bücher und Kartenleger empfohlen, auf Youtube wird von Jenseitskontakten berichtet. Udo Schuster von der Elterninitiative zur Hilfe gegen seelische Abhängigkeit und religiösen Extremismus warnt allerdings: "Insbesondere die Braune Esoterik breitet sich im Internet rasend schnell aus, also solche mit rechtsextremen Tendenzen." Die Braune Esoterik speist sich aus Germanenkult und rassistischen Theorien. In der Zeit des Nationalsozialismus war sie weit verbreitet.

In der Mittagspause sitzt Messebesucher Daniel Müller auf der Empore und schaut auf die bunten Stände hinab. "Man muss mit gesundem Menschenverstand herangehen", sagt er. Dann aber erzählt er von Schwingungen auf der Erde, der Transformation seiner Matrix und seiner Ansicht, dass Krankheiten wie Krebs nur blockierte Energie darstellen, man könne sie mit esoterischen Mitteln heilen.

Viele Esoteriker glauben an verborgene Kräfte, Geheimes wird thematisiert, das der Wissenschaft verborgen bleibe und nur besonderen Menschen zugänglich sei. Der Grat zwischen Verschwörungstheoretikern und Sinnsuchenden ist manchmal schmal. Religionswissenschaftler Zinser findet, dass Esoterik per se nichts Schlechtes sei, es stecke in vielen Angeboten. "Gefährlich wird es, wenn man wichtige Entscheidungen davon abhängig macht oder wenn einer für andere kommerziell orakelt und behauptet, er habe eine Qualifikation, die er gar nicht besitzt."

Müller lässt sich von solchen Einwürfen nicht beirren: Die Klangschalen hat er zwar nicht gekauft, doch über den Besuch eines Seminars zur Quantenheilung denkt er nun nach.

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