Energiekonzern RWE Russischer Oligarch will 900 Millionen

  • Der russische Oligarch Leonid Lebedew hat RWE und deren Ex-Chef Jürgen Großmann persönlich gemeinschaftlich verklagt.
  • Inklusive aufgelaufener Zinsen sollen sich nach Informationen der Süddeutschen Zeitung die Forderungen auf 875 Millionen Euro summieren.
  • Für RWE kommen die Vorwürfe zur Unzeit, denn der Konzern hofft gerade, ein weiteres Geschäft mit russischen Investoren abzuschließen.
Von Markus Balser, Berlin

Mit schillernden Auftritten hat Leonid Lebedew so seine Erfahrung. Vor vielen Jahren hat er sein erstes Geld mit Rockkonzerten verdient. Neben dem Geschäft mit Rohstoffen und Energie betreibt Russlands Ölmagnat auch noch sein eigenes Filmstudio: Krasnaja Strela - roter Pfeil - heißt die Firma, die in Russland und den USA Independent Filme produziert. "Der Geograf, der den Globus austrank", heißt sein jüngstes Werk. Filmstars wie Orlando Bloom machten bei den Independent-Produktionen des russischen Milliardärs mit.

Lebedews nächste Premiere ist zwar ähnlich filmreif wie seine Kinoplots. Doch der Krimi um den Energiekonzern RWE, der am 12. Februar vor dem Essener Landgericht beginnt, spielt abseits der Scheinwerfer. Der 58-jährige Oligarch hat den Versorger und seinen Ex-Chef Jürgen Großmann persönlich gemeinschaftlich verklagt. Inklusive aufgelaufener Zinsen sollen sich nach Informationen der Süddeutschen Zeitung die Forderungen auf 875 Millionen Euro summieren. Es geht um Schadenersatz und entgangene Gewinne. Und um tiefe Blicke in die geheimnisvolle Welt internationaler Energiedeals.

Geht es nur darum, "einen gewissen Lästigkeitswert zu entfalten"?

Für den von der Energiewende überrollten und hoch verschuldeten deutschen Energiekonzern könnte ein Rechtsstreit äußerst unangenehm werden, denn die Vorwürfe aus Russland reichen weit: Lebedew fühlt sich von seinen deutschen Geschäftspartnern betrogen. Für den zweitgrößten deutschen Energiekonzern kommen die Vorwürfe zur Unzeit.

Ölpipeline in Russland: Unter Großmanns Führung wollte RWE mit Lebedew gemeinsame Geschäfte machen. Doch daraus wurde nichts.

(Foto: Sergei Karpukhin/Reuters)

RWE versucht gerade händeringend ein anderes Milliardengeschäft mit russischen Investoren über die Bühne zu bringen: Den Verkauf der Öl- und Gasfördertochter RWE Dea für fünf Milliarden Euro an den Investor Michail Fridman.

Bis Ende März soll das Geschäft eigentlich abgeschlossen sein, damit RWE seinen riesigen Schuldenberg abbauen kann. Der Angriff aus Moskau hat da gerade noch gefehlt. Wer die Vorwürfe verstehen will, muss einen Blick zurück werfen. In jene Zeit, in der Russland für die Modernisierung seiner Stromwirtschaft ausländische Partner suchte. Erzrivale Eon stieg 2007 mit Milliarden auf dem Markt im Osten ein.

"Tiefe persönliche Enttäuschung"

Und auch RWE suchte sein Glück. Unter Führung des damals neuen Chefs Großmann soll der Essener Konzern mit Lebedews Unternehmen Sintez den gemeinsamen Kauf des Stromversorgers TGK-2 verabredet haben. Der Deal: Sintez sollte die Mehrheit an der Firma bei einer russischen Auktion ersteigern - und den größten Teil dieses Pakets dann an RWE weiterreichen. Sintez kaufte. Doch Teil zwei der angeblichen Abmachung fiel aus. RWE soll die Papiere plötzlich abgelehnt haben. Folge: Der Sintez-Aktienkurs stürzte ab.

Für Lebedew ist die Sache klar: RWE habe seine Firma zuerst in das Geschäft gedrängt. Nach Beginn der Finanzkrise habe sich der Konzern dann aus dem Staub gemacht und ihn mit gewaltigen Schulden sitzen lassen. Ohne die Hilfe von RWE habe Sintez das auf Pump finanzierte Geschäft allein stemmen müssen. Ein Vorgang, der Sintez an den Rand der Pleite gebracht habe, heißt es aus Moskau.

Der Oligarch ist seither nicht gut zu sprechen auf seine Geschäftspartner aus Essen. "Für mich ist diese Situation vor allem mit tiefer persönlicher Enttäuschung verbunden", sagt er der SZ. "Von einem großen deutschen Investor, dem wir vollständig vertraut haben, hätten wir so einen" - wie er findet, "Betrug nicht erwartet". RWE habe ihn und sein Unternehmen überraschend und "unter Verletzung unserer Vereinbarungen gegenüber den Kreditgebern" im Stich gelassen. RWE äußert sich nicht zu den Details der Vorwürfe. "Es trifft zu, dass ein Unternehmen der Sintez-Gruppe eine sowohl unzulässige als auch unbegründete Klage gegen RWE und Dr. Großmann am Landgericht Essen erhoben hat", erklärt Jochem Reichert, der Anwalt Großmanns.

Zu den Einzelheiten des Verfahrens wollen sich auch Großmann und sein Anwalt nicht äußern. Es sei aber nicht ersichtlich, woraus Ansprüche gegen Herrn Dr. Großmann abgeleitet werden sollten, erklärt sein Anwalt. "Nach unserer Einschätzung werden die Ansprüche gegen ihn nur erhoben, um einen gewissen Lästigkeitswert zu entfalten." Ob der Rechtsstreit allerdings wirklich nur lästig oder am Ende doch gefährlich wird? Darüber könnte bereits am ersten Verhandlungstag am 12. Februar eine erste Vorentscheidung fallen. Dann muss das Landgericht Essen zunächst die Zulässigkeit der Klage der zypriotischen Lebedew-Firma Rustenburg klären. Denn ein Schiedsgerichtsverfahren in London hat der Russe in diesem Streit bereits verloren. Damit sind einer Klage vor einem ordentlichen Gericht hohe Hürden gesetzt.

Im Lager Lebedews hofft man auf die Schlagkraft interner E-Mails

Im Lager Lebedews hofft man indes auf die Schlagkraft interner E-Mails. Sie sollen nahelegen, dass der frühere RWE-Chef den Russland-Deal zunächst vorantrieb. Man habe erfahren, dass "wir den Tender für TGK2 gewonnen hätten in Kooperation mit Sintez", schreibt Großmann demnach etwa Mitte März 2008 an Teile der RWE-Spitze. "Dem Projektteam . . . meinen herzlichen Glückwunsch." Doch dann, heißt es in Moskau, seien zähe Gespräch über die Umsetzung der Vereinbarung gefolgt. Am Ende habe der Ex-Boss den gemeinsam geplanten Deal um TGK-2 in letzter Minute einfach platzen lassen. Am 17. September 2008 schließlich, kurz nachdem die globale Finanzkrise mit der Pleite von Lehman Brothers ausbrach, soll der RWE-Chef den Deal per Telefon gestrichen haben - unter Verweis auf die unsicheren Zeiten. "Unser Vertrauen wurde ausgenutzt", sagt ein russischer Beteiligter. Für Oligarch Lebedew kein guter Plot: "Schade, dass dieses gute Projekt jetzt vor Gericht endet."