Einwanderer als Unternehmer Der Italiener ist Albaner

Die Prominenz trifft sich oft bei ihm: Fatos Xhafolli, gebürtig aus dem Kosovo, Besitzer des in seinem "Nuovo Mario" in der Fasanenstraße. Begonnen hat er seine Gastro-Karriere vor 25 Jahren hinterm Tresen. Jetzt ist er Chef.

(Foto: Regina Schmeken)

Für den Erfolg seines Berliner Lokals "Nuovo Mario" ist Fatos Xhafolli in eine Rolle geschlüpft. Eine Geschichte über geliebte und ungeliebte Ausländer und ein unterschätztes Land.

Von Markus Mayr, Berlin

Sie sind schon tief in ihre Stühle gesunken und genießen die Schwere, die gutes Essen hinterlässt. Die Gäste am Tisch in der Ecke schwatzen und lassen die letzten Rotweinschlucke in ihren Gläsern kreisen. Das italienische Restaurant, in dem sie sitzen, füllt sich allmählich, wie jeden Abend. Nicht weit von hier drückt sich der Ku'damm zwischen den Shoppingpassagen entlang. In der Küche des Lokals bereiten die Köche den vom Flanieren hungrigen, neu ankommenden Gästen feinstes Carpaccio di Manzo, vom Rind, oder Linguine mit Scampi, Knoblauch und getrockneten Tomaten. Und mancher Gast fühlt sich an diesem sommerlichen Abend in Berlin wie im Urlaub in der Toskana.

Das "Nuovo Mario" ist eines der angesagtesten italienischen Restaurants der Hauptstadt. Doch wer deshalb Italiener in der Küche vermutet, liegt falsch. Das Lokal kommt gänzlich ohne aus. Inhaber Fatos Xhafolli und seine Angestellten haben albanische Wurzeln, sind aus Albanien oder Kosovo. Solche "falschen Italiener", wie man das Lokal zu nennen geneigt ist, sind alles andere als selten in Berlin. Zwar hat noch niemand nachgezählt. Aber wer sucht, findet eher einen albanischen Italiener denn einen italienischen, und einen albanischen Albaner vermutlich gar nicht. Google kennt in Berlin nur vereinzelte Balkan-Grills, die Dönerläden ähneln, und schlägt vor, die Suchanfrage von "albanisches" in "italienisches" Restaurant zu ändern.

Pizza und Pasta lieben die Deutschen. Tavë kosi dagegen kennen nur wenige: Gebackenes Lamm mit Reis, traditionelle albanische Küche. Mit Italien verbinden die Deutschen Dolce Vita, Essen und Fußball. Aber Albanien? Liegt irgendwo auf dem Balkan. Kosovo auch. Ist Heimat der vermeintlichen Schmuddelkinder Europas und organisierter Verbrecher. Keine Bilder, die als Werbung für ein Restaurant in Berlin taugen.

Um als Gastronom erfolgreich zu sein, musste Fatos Xhafolli, 40, geflohen aus Priština, der Hauptstadt Kosovos, deshalb in Berlin zum Italiener werden. Vom wenig zum hoch geschätzten Ausländer. Oder Ausländer, wie er sagen würde, er betont die zweite Silbe. Sein gestärktes weißes Hemd spannt etwas über dem Wohlstandsbäuchlein. Beinahe täglich ist Xhafolli im Nuovo Mario, nimmt Bestellungen am Handy entgegen, begrüßt Stammgäste oder schickt seine Kellner, damit sie Pfeffer über dampfende Teller mahlen. Und stets brutzelt dazu der Duft von Gebratenem aus der Küche.

Sein Lokal ist gut besucht. Was man von Kosovo nicht behaupten kann. Das Land lockt nur wenige Urlauber. Es gilt als wirtschaftlich abgeschlagen, ganz unten in Europa. Die EU pumpt seit bald 20 Jahren Milliarden an Entwicklungshilfe nach Kosovo. Tausende Nato-Soldaten verhindern, dass der Konflikt mit Serbien wieder aufflammt, von dem das Land seit 1999 unabhängig ist. Die oft gut ausgebildete Jugend träumt von einem besseren Leben in Deutschland oder sonstwo im Schengenraum, doch der Weg dahin ist schwierig. Als letzter Balkanstaat wartet Kosovo seit Jahren vergeblich auf die Visafreiheit. Wenn es trotz der hohen Hürden jemand bis hierher schafft, gibt ihm einer wie Xhafolli Arbeit. Und einer wie Mustaf Abazi bemüht sich darum, diese Hürden abzubauen. Abazi ist so etwas wie der Image-Pfleger Kosovos.

Mittags im Mario, Termin zur Image-Pflege. Abazi sitzt an einem runden Tisch, die oberen Hemdknöpfe geöffnet, die Beine breit. Wie il padrino, der Pate. Er streicht mit seinen großen Händen sanft über das Tischtuch. Die Kellner beeilen sich, seine Wünsche zu erfüllen. Abazi führt in Berlin eine Malerfirma, vor allem aber vernetzt er deutschalbanische Unternehmer. Er hat dazu einen Verband gegründet, dem er vorsteht. Xhafolli ist sein Vize. "Wir müssen eine starke Diaspora schaffen, um das Land zu retten", sagt Abazi. "Kosovo wurde von der EU vergessen." Gerade die junge Generation aber brauche eine Chance. Deshalb will er das Bild aufhellen, das in Deutschland von seiner Heimat kursiert. Und die Industrie- und Handelskammer unterstützt ihn dabei.

Christian Wiesenhütter, der Geschäftsführer der Berliner IHK, pflichtet Abazi bei. Er war vergangenes Jahr mit Abazi in Kosovo. Seitdem ist er Fan. So eine Gastfreundschaft habe er noch nie erlebt, sagt er. "Vergiss die Vorurteile. Das Land hat alle Möglichkeiten." Und doch räumt er ein: Das Nuovo Mario, in dem er so gerne isst, laufe nur, weil es als Italiener durchgeht. "Wenn draußen Kosovo dran stünde, würde keiner kommen."

Fatos Xhafolli ist seit 25 Jahren in Deutschland. 15 Jahre war er alt und 1,40 Meter groß, als er vor dem serbischen Machthaber Milošević, der den Albanern in Serbien das Leben zur Hölle machte, floh. In Deutschland durfte er als Flüchtling weder zur Schule gehen noch arbeiten. Ein Italiener gab ihm trotzdem einen Job. In dessen Restaurant am Wannsee bekam er 66 Mark am Tag, für acht Stunden Arbeit. Nach den ersten Tagen beherrschte er den Tresen, nach einigen Jahren kannte er die Geheimnisse der italienischen Küche. Als die Abschiebung drohte, heiratete Xhafolli. Aus Liebe, wie er sagt. Die Frau ging - es sollte eine andere kommen und danach drei Kinder -, doch der Pass und mit ihm die Arbeitserlaubnis blieb. Nach jahrelanger Arbeit in italienischen Restaurants dachte Xhafolli, alle Kniffe zu kennen. Er übernahm das Lokal eines ehemaligen Arbeitgebers. Und ging pleite. Mangels Erfahrung als Geschäftsmann, wie er heute sagt. Doch er versuchte es erneut - und siehe da: Es klappte. Heute fahren Gäste gelegentlich auch mit einem Rolls-Royce vor.

Xhafolli ist nicht der einzige Kosovo-Albaner, der es in der Gastronomie nach oben geschafft hat. Zehntausende Menschen sind in den 1990er-Jahren vor den Kriegen auf dem Balkan geflohen. Schutz suchten sie auch in Deutschland. Arbeit fanden viele in der Gastronomie, oft in jenen Lokalen, die von ehemaligen italienischen Gastarbeitern geführt wurden. Heute sind die italienischen Wirte von damals in Rente oder zurück in ihrer Heimat. Übernommen haben mancherorts die Jüngeren, von der anderen Seite der Adria. So wie Xhafolli.

Der ist jetzt 40 Jahre alt, mit 1,71 Metern noch immer relativ klein, aber dennoch über sich hinausgewachsen. Neben dem Mario gehören ihm zwei weitere Restaurants. Alle drei spielen sie den Bewertungen auf Tripadvisor zufolge in der italo-gastronomischen Top-Liga. Eines davon liegt im Berliner Villenviertel Zehlendorf. Xhafolli greift nach seinem Handy und wischt Bilder herbei. Darauf grinst er an der Seite von Steinmeier, Gottschalk, Khedira und vielen anderen. Die Prominenz aus Politik, Unterhaltung und Sport scheint gerne bei ihm zu essen. Ob ihm das auch mit echt albanischer Küche gelungen wäre, ist zu bezweifeln.

Dann aber hat Xhafolli genug geplaudert. Die Pflicht ruft, Gäste wollen begrüßt werden. Er geht zur Tür, breitet seine Arme aus und empfängt die Neuankömmlinge mit einem echt italienischen buona sera. Guten Abend auf Albanisch würde ja eh kaum jemand verstehen.