Deutschlands Innovationsangst Wir Neobiedermeier

Deutschland, ein Oberjammergau. Illustration: Lisa Bucher

Die Lust am Fortschritt, die Freude am Morgen, die Sehnsucht nach einer anderen, besseren Welt - davon ist in diesem Land nichts zu spüren. Deutschland ist ein Oberjammergau der Bedenkenhaftigkeit. Eine Abrechnung.

Von Gerhard Matzig

Deutschland ist trotz der deutlichen, aber leidlich hinnehmbaren 2:4-Niederlage vom Mittwoch gegen Argentinien noch immer Fußballweltmeister. Das ist schön. Ebenfalls am Mittwoch wurde bekannt, dass Deutschland darüber hinaus nun auch "Innovationsweltmeister" werden möchte. Das ist . . ., das wäre . . . - was? Schön? Ja, gewissermaßen. Nämlich ganz schön unwahrscheinlich. Geradezu utopisch ist es. Dass Deutschland demnächst den Titel eines Innovationsweltmeisters unter den Nationen erringen könnte, ist so wahrscheinlich wie die Annahme, dass der nächste Fußballweltmeister San Marino heißt.

Deutschland ist kein Kandidat für die Innovationsmeisterschaft. Im Gegenteil: Innovative, erfindungsreiche, unternehmerische, risikoaffine Menschen und Institutionen, dazu Wissenschaftler, Kreative oder auch nur (was heißt "nur") die sogenannten Querdenker abseits von Mainstream und Stromlinienform haben es in Deutschland schwer. Und im Reich von Norm und Tradition, von retroseliger Rückwärtsgewandtheit ("es gibt sie noch, die guten Dinge") immer schwerer.

Schon der Begriff der Innovation - das lateinische Verb "innovare" bedeutet: erneuern - löst hierzulande juckende Allergien aus. Denn wir leben in einem Land, das die Empörungsbereitschaft pflegt; in einer Gesellschaft, die immer mehr retardiert und sich selbst vom Burnout bedroht sieht; in einer Ära des deutschen Neobiedermeier. Wer hierzulande Visionen hat, der wird nicht befördert und gefördert, sondern wird (noch mehr als zu Helmut Schmidts aktiven Zeiten, dem das Bonmot zugeschrieben wird) zum Arzt geschickt. Wer hier etwas verändern oder neu denken will, gelangt schnell an jene Grenzen, die das Alte, Überkommene schützen und aus der Gesellschaft ein Museum machen.

Zukunft erfolgreich gestalten? Das braucht Glück

Aus der Einsicht in ein müdes, ja ermattetes Land, das sich weniger um die Jugend, dafür mehr um Mütterrenten kümmert, das weniger in Bildung, Wissen und Neu-Denken, dafür mehr in das Status-quo-Denken und die Pfründeabsicherung investiert, speist sich ja auch die Initiative, die am Mittwoch von Forschungsministerin Johanna Wanka vorgestellt wurde.

Kurz vor dem Anpfiff in der Arena in Düsseldorf erfolgte - diesmal in Berlin - der Anpfiff für eine neue Hightech-Strategie, die den Standort D zukunftstauglich machen soll. "Innovationspolitik aus einem Guss" nennt sich der Masterplan, der im Kabinett verabschiedet wurde. Wanka sagt: "Wir wollen Innovations-Weltmeister werden." "Viel Glück!", kann man da nur sagen, "ihr werdet es brauchen." Wäre dieses Land innovationsfreundlich, könnte man "viel Erfolg!" wünschen. So aber wird es auf das Glück ankommen, um die Zukunft erfolgreich zu gestalten.

Wobei sich die Strategie, die mehr das Wollen als das Können dokumentiert, auf sechs Forschungsbereiche konzentriert, die für Wohlstand und Lebensqualität künftig besonders relevant sein werden. Die Ministerin nannte diese Themen: digitale Wirtschaft und Gesellschaft, nachhaltiges Wirtschaften und Energie, innovative Arbeitswelt, gesundes Leben, intelligente Mobilität und zivile Sicherheit.