"Design Thinking" in Unternehmen Labor für Geistesblitze

Unternehmen wollen innovativ sein, doch häufig fehlt ihren Mitarbeitern der Raum für Kreativität. Daher setzt bereits jeder zweite Großkonzern auf "Design Thinking", eine Methode zur Ideenfindung. Dabei darf jeder alles sagen - nur zwei kleine Wörter nicht.

Von Markus Zydra

Falk Uebernickel verteilt Tüten mit weichen Marshmallows und harten Spaghetti. "Ihr habt zehn Minuten Zeit. Wer den höchsten Turm baut, hat gewonnen", sagt der 34-jährige Professor der Universität St. Gallen. Es gibt vier Teams mit Studenten und Wissenschaftlern aus Italien, Norwegen, den USA und der Schweiz. Dazu gesellen sich Manager der Bank Credit Suisse und des Versicherungskonzerns Allianz.

Die Gruppen rätseln. Eine oder viele Nudeln - wie stark müssen die Querverstrebungen zwischen den Marshmallows sein? Baut man viele kleine Pyramiden, die man dann zu einer großen aufeinanderstellt? Einer schlägt das Atomium in Brüssel als Konstruktionsmodell vor. Der Turm eines Teams kollabiert. Man lacht, freundlich, nicht gehässig.

Es geht an diesem Wintertag nur am Rande um Marshmallows. Vielmehr sollen die Teilnehmer ihren Ideen ohne Hemmung und falschen Stolz freien Lauf lassen. Es geht darum, die in vielen Konzernen und auch Universitäten antrainierte Bedenkenträgerei und den Reflex "Ja, aber" abzulegen. Uebernickel macht Dampf. "Der bislang höchste Turm war anderthalb Meter hoch."

Kreativ dank Mittagsschlaf im Büro

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Willkommen im "Design Thinking Loft" der Schweizer Universität St. Gallen. Das rote Sofa im hellen Loft strahlt Gemütlichkeit aus, auf den Tischen stehen ein Korb mit Croissants und Kaffeekannen. Die Flipcharts lassen sich rollen. Der Raum dient als Labor für gute Ideen. Viele Menschen warten auf Geistesblitze, hier will man sie erzeugen.

Teamgeist, Witz und Intuition

Mit Teamgeist, Witz und Intuition, aber auch mit Methode. Die Fachleute sprechen von Design Thinking. Doch lässt sich Innovation überhaupt designen? Uebernickel meint ja, wenn man sich bei der Ideenfindung an Prinzipien halte, zum Beispiel diese: Konfrontiere Kunden früh mit Prototypen, um aus den Reaktionen zu lernen. Daraus folge: Scheitere früh und häufig mit deinen Ideen.

Die Universität in St. Gallen bietet seit dem Jahr 2005 Kurse für Design Thinking an. Ausgehend von der amerikanischen Eliteuniversität Stanford, wo das Konzept vor 40 Jahren von Larry Leifer entwickelt wurde, ist Design Thinking in Europa angekommen. An Universitäten wie am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam, aber auch in den Großunternehmen, wo das Thema vereinzelt auch schon auf Vorstandsebene rezipiert wurde. "Rund die Hälfte der deutschen Dax-Unternehmen setzt auf Design Thinking", erzählt Uebernickel.

Die Konzerne suchen neue Wege, um noch innovativer zu sein und heuern dazu auch Studenten an. So werden die Kurse an der St. Galler Hochschule von Finanzfirmen, Autokonzernen und Pharmaunternehmen bezahlt. "Die Konzerne formulieren Aufgaben für Studenten und bezahlen jährlich einen sechsstelligen Betrag, um zu sehen, wie Design Thinking bei der Lösung der Probleme hilft", sagt Uebernickel.

Die Allianz ist einer dieser Konzerne. Den Versicherer quält ein weit verbreitetes Problem. Mitarbeiter gehen allzu leichtfertig mit den Sicherheitsanforderungen im IT-Bereich um, etwa weil sie auf unbekannte E-Mails antworten und damit Unberechtigten Zugang zu vertraulichen Firmendaten verschaffen könnten.

Es ist ein bekanntes Phänomen: Menschen wissen, dass man auf der Straße nicht über Rot gehen soll - sie tun es trotzdem. So ist es auch im Umgang mit Computern. Kaum jemand liest das dicke Handbuch, in dem die Sicherheitsgefahren aufgelistet sind. Doch wie verändert man das Verhalten der Mitarbeiter, wie erreicht man ihre Köpfe? Dazu sollten Studenten Vorschläge erarbeiten.

Ein Ergebnis haben sie an diesem Tag in St. Gallen präsentiert - vor rund 200 Teilnehmern dieser Design-Thinking-Konferenz: Man sollte an Mitarbeiter fingierte E-Mails schicken, die einen Lotteriegewinn versprechen, und dann abwarten, ob diese darauf antworten. Viele machen das, obwohl es die IT-Sicherheit gefährdet.