Die für die Konzernsicherheit zuständigen Abteilungen haben längst ein Eigenleben entwickelt - dabei müssten private Schnüffler viel stärker an die Kandare genommen werden.
Es hat lange gedauert, bis hierzulande die Einsicht wuchs, dass Korruption das Gemeinwohl schädigt und zum moralischen Verfall beiträgt. Spezielle Formen des Gebens und Nehmens wie etwa in der Causa Siemens definiert die kriminologische Forschung fast schon beschönigend als "Missbrauch einer Funktion in der Wirtschaft zu privaten Zwecken".
Alles im Blick: Korruptionsbekämpfung wird von vielen Unternehmen als Rechtfertigung verstanden, Mitarbeiter auszuspähen und zu überwachen. (© Foto: dpa)
Anzeige
Seit einer Weile ist ein anderer Missbrauch zu beobachten, und der kann die saubere Korruptionsbekämpfung nicht nur in Verruf bringen, sondern auch lähmen. Mit enormer Energie gehen Sicherheitsabteilungen großer Konzerne gegen vermutete oder behauptete Kriminalität vor, die sie der Einfachheit halber "Korruption" nennen. Arbeitnehmer und auch Außenstehende sind so zum Objekt betrieblicher Paranoia geworden.
Bei der Deutschen Bahn beispielsweise war die Korruptionsbekämpfung oft nur Vorwand, um Kritiker auszuspähen oder potentielle Presse-Informanten im eigenen Haus einzuschüchtern. Selbst das Aufspüren von möglichen Verstößen gegen die Genehmigungspflicht von Nebentätigkeiten wurde intern damit begründet, dass man so die Korruption bekämpfen wolle. Längst stellt die Dreistigkeit der privaten Schnüffler die Unverfrorenheit staatlicher Ermittler in den Schatten. Grundrechte stören da nur.
Sammelwütige Schnüffler
Was dem Staat der Terrorverdacht, ist etlichen Unternehmen mittlerweile der Korruptionsverdacht. Der Unterschied aber ist: Den sammelwütigen staatlichen Schnüfflern haut regelmäßig das Bundesverfassungsgericht auf die Finger. Sie können - zu ihrem Jammer - die allfälligen Obsessionen nicht ausleben und werden immer wieder ausgebremst. Behördliche Sicherheitsvorkehrungen erschweren einen einfachen Missbrauch der Daten.
Den privaten Jägern, die ebenso wie ihre Staats-Kollegen gern mit vorgeblichen Sicherheitsinteresssen hantieren, ist aber bislang niemand in den Arm gefallen. Datenschutz gilt in ihren Kreisen als Täterschutz. Diese Formel fällt ihnen besonders leicht, weil viele der Bediensteten früher bei der Polizei oder beim Nachrichtendienst gearbeitet haben und dort nicht immer so zum Zuge kamen, wie sie es gerne gehabt hätten.
Längst sind rechtsfreie Räume entstanden, in denen sich entweder Rechtsabteilungen oder die Revision oder die Mitarbeiter von der Konzernsicherheit tummeln. Die Skandale bei der Bahn, bei der Telekom oder bei Lidl haben ihre jeweiligen Besonderheiten; ihr eigenes Milieu, ihre eigene Physiognomie. Außenstehende können sich bei den Nachforschungen leicht in den labyrinthischen Korridoren dieser Unternehmen verlaufen.
Lesen Sie auf der nächsten Seite, was die Datenskandale gemeinsam haben - und was sich an der Gesetzeslage ändern muss.
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite
Großprojekte in Berlin
Ich kann chomski nur zustimmen: ein ausgezeichneter Artikel.
@derschrillere
Sie haben Recht.
Ich habe vor Jahren schon gesagt, wenn man in (West-) Deutschland ein Spitzelsystem, wie die Stasi - nur besser, weil unauffälliger - einrichten möchte, dann nehme man einen Großkonzern, am besten einen, der im ganzen Land verteilt ist, und beschäftige die zu überwachende Person dort. Es gibt dort Anstellungsmöglichkeiten für fast alle Berufe.
wie wir es von Herrn Leyendecker gewohnt sind und für eine liberale SZ erhoffen.
Die BND- und BKA-Leute in den Konzernen sind teilweise nur dienstfrei gestellt von ihrer Behörde. Also Agenten, Spitzel des Staates, bezahlt von privaten Unternehmen, mit unkontrollierten Möglichkeiten der totalen Kontrolle, Erpressung, Nötigung, sind in der freien und sozialen Marktwirtschaft in den Schlüsselpositionen von Schlüsselkonzernen. Toll, nicht? Und arbeiten eng mit ihren Kollegen in den Diensten zusammen, tauschen permanent Daten aller (persönlichen) Art aus ...
Was war doch die Stasi für ein Laienverein, fällt mir da nur ein.
Wundert sich denn tatsächlich noch jemand, über die Ausmasse der Bespitzelung in der
Bundesrepublik.
Was da bisher hochgekommen ist, zeigt doch ganz deutlich, dass dieses Problem jeg-
licher Kontrolle entglitten ist., wenn es überhaupt jemals ein Interesse an einer
entsprechenden Kontrolle gegeben hat.
Sind vor diesem Hintergrund die Sicherheitsabteilungen der Unternehmen nichts weiter
als getarnte Privatdedekteien gewesen?
Andererseits muss ich sagen, dass im Hinblick auf bestimmte Vorgänge in den neuen
Bundesländern durchaus der Eindruck entstehen konnte, das Korruption im Westen zum
Alttag gehört haben muss und die Ossis sich als recht gelehrige Schüler zeigten.
Also Kampf gegen Korruption musste schon sein.
Ob dabei allerdings Informationen aus Krankenakten von Mitarbeitern oder über Lokführer
sehr hilfreich gewesen sind?
Korruption findet doch eher auf der Ebene statt, wo die wirklich wichtigen Entscheidungen
fallen. Und dort fällt doch auch die Entscheidung über das Personal der Sicherheitsab-
teilung. Die Geschichte mit der Krähe.
"Die für die Konzernsicherheit zuständigen Abteilungen haben längst ein Eigenleben entwickelt - dabei müssten private Schnüffler viel stärker an die Kandare genommen werden."
Und wer kontrolliert die staatlichen Schnüffler?
Paging