Börsencrash in China Wenn Kommandowirtschaftler den Markt zerstören

Die chinesische Regierung hat nach dem Absturz der Aktienkurse drastisch eingegriffen. Hat sie das Heilmittel gefunden, um den Crash zu stoppen?

Kommentar von Alexander Hagelüken

So kann man es auch machen. Weil die Kurse immer weiter abstürzten, hat Chinas Regierung jetzt nicht nur frisches Geld in die Börsen injiziert. Sie hat Großaktionären einfach verboten, ihre Aktien zu verkaufen. Und schon, hurra, stiegen die Notierungen am Donnerstag nach Wochen des Schreckens wieder. Es war der erste sichtbare Erfolg, nachdem die Pekinger Kommandowirtschaftler zuvor vergeblich alles Mögliche versucht hatten, um den Kursverfall zu stoppen - von Kaufanreizen über die Absage von Börsengängen bis zum Handels-Aus für die Hälfte aller Papiere.

Hat die Regierung nun das Heilmittel gefunden, um den Crash zu stoppen, der den Rest der Welt zunehmend nervös werden ließ? Das muss sich erst noch zeigen. Klar ist auf jeden Fall, dass diese Brachialaktion keinen Erfolg bedeutet, sondern das Eingeständnis tiefer Panik. In einer Marktwirtschaft den Verkauf von Aktien zu verbieten: Das ist etwa so, als würde den Fabriken untersagt, Waren herzustellen - und den Arbeitern, ihre Arbeit anzubieten.

Es sind die freien Entscheidungen der Akteure, die Marktökonomien effizienter machen als andere Wirtschaftsmodelle. Wer so drastisch eingreift wie jetzt Peking, zerstört den Markt. Deshalb zeigt das Börsendrama das ganze Dilemma einer Regierung, die keine Planbürokratie will, sondern eine Marktwirtschaft, aber eine staatlich gelenkte: Einen Fisch mit Beinen, der schwimmen soll und laufen.

Die Regierung möchte durch Marktmechanismen dauerhaft solides Wirtschaftswachstum erzielen, doch wenn ein Problem auftaucht, schaltet sie diese Mechanismen ab. Deshalb könnte es sein, dass die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt eben kein dauerhaft solides Wachstum erreicht, was den Rest des Erdballs sorgen muss.

Was folgt aus dem Börsendrama?

Die Börsenentwicklung ist ein Lehrstück dafür, was falsch läuft in dem so lange boomenden Land. Der Kursverfall um 30 Prozent seit Mitte Juni ist ja nur der zweite Teil der Geschichte. Im ersten Teil hatte gerade die Regierung mit billigem Geld und anderen Mitteln eine Börsenparty angefacht, um ein sich abschwächendes Wachstum durch eine Aktienhausse anzutreiben. So stiegen die Kurse von Ende 2014 bis Mitte Juni um 100 Prozent. Dass die künstlich erzeugte Finanzblase nun platzte, ist kein "irrationaler Absturz", wie die Regierung verkündet. Es ist die normale Reaktion einer Marktwirtschaft auf Aktienpreise, die kein Fundament haben. Weil diese Korrektur der Regierung nicht passt, manipuliert sie nun die Kurse. So werden die chinesischen Finanzmärkte niemals Märkte.

Was folgt aus dem Börsendrama? Vieles hängt von der weiteren Entwicklung der Kurse ab, also davon, ob sich die Hilflosigkeit der Regierung manifestiert. Schon jetzt aber ist klar, dass sie mit dem künstlichen Börsenboom echte Schäden angerichtet hat. Die Mehrheit der Aktien gehört privaten Anlegern. Ein Fünftel der 90 Millionen Wertpapierdepots, inzwischen eine größere Zahl als die der kommunistischen Parteimitglieder, wurden erst seit Anfang 2014 eröffnet. Wer spät in die Hausse einstieg, verlor viel Geld.

Diese Verluste könnten auf den Konsum drücken und damit das Wachstum schwächen. Vor allem aber führt die Entwicklung eine Schwäche der Regierung vor, die so bisher nicht zu sehen war. Es ist eine doppelte Schwäche: Erst platzt die Blase, die die Regierung angefacht hatte. Dann bemüht sie sich lange vergeblich, den Crash zu stoppen.

Mit dem Boom geht es nicht ewig weiter

Diese Schwäche weckt Zweifel daran, ob es der Regierung wirklich gelingen wird, die Volkswirtschaft so umzusteuern wie geplant: Weg von der Fixierung auf häufig kreditfinanzierte Investitionen, die gigantische Schulden erzeugt haben. Hin zu mehr Konsum als Pfeiler der Ökonomie. Aber das Ganze bitte, ohne das Wachstum stark absacken zu lassen. Das Dilettieren der Regierung an den Finanzmärkten erschüttert den Glauben, sie könne in der Realwirtschaft alles richten.

Für den Westen bedeuten diese Zweifel: Er sollte sich nicht darauf verlassen, dass der wirtschaftliche Boom in China ewig so weitergeht. Die deutschen Exporte in das Riesenland haben sich seit der Jahrtausendwende etwa verzehnfacht. Von Autos über Maschinenbau bis Chemie sind ganze Branchen davon abhängig, dass China immer mehr kauft.

Interessant wird sein, wie sich die Schwäche der Regierung im Land selbst auswirkt, das die Partei eisern im Griff hält. Ihr Herrschaftsanspruch speist sich ja nicht aus Volkes Votum, sondern nur aus der Behauptung, gerade wirtschaftlich alles richtig zu machen. Jeden Demokraten freut es, wenn diese Behauptung einer Diktatur ins Wanken gerät.

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