Bitcoin Das Fünf-Minuten-Problem

Nehmen Sie auch Bitcoin? Im Berliner Kiez gibt es wenige Kneipen, für deren Wirte diese Frage nicht verwunderlich ist. Zum Beispiel in Burgerbar Room 77. Das Problem: Die Verbuchung der Zeche in der virtuellen Währung kann einige Minuten dauern - das ist viel zu lange, um mit herkömmlichem Geld in größerem Ausmaß zu konkurrieren.

(Foto: Jens Gyarmaty / VISUM)

Das Onlinegeld war zwischenzeitlich teurer als Gold, schon träumen manche von einer digitalen Weltwährung. Doch an diesem Anspruch wird Bitcoin scheitern - das Konzept hinter dem virtuellen Geld taugt noch nicht.

Von Lukas Zdrzalek

Nur wenige Menschen dürfen erleben, wie ihre Utopien wahr werden. Man mag Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, dazu zählen, der Russland in den Bolschewismus revolutionierte. Oder Ludwig Erhard, der die deutsche Wirtschaftsordnung nach 1945 mit entwarf und später sah, wie die soziale Marktwirtschaft florierte. Mit einigen Abstrichen ist da vielleicht noch Platz für Joerg Platzer, 50, Betreiber der Berliner Kneipe Room 77, gelegen im Szenebezirk Kreuzberg. Vor einigen Jahren, erzählt er mit rauchig-heiserner Stimme, habe er davon geträumt, "wie eines Tages eine Digitalwährung existiert, die der breiten Masse ein Begriff ist". Heute steht ein Wort mit sieben Buchstaben dafür, dass Platzers Idee wahr geworden ist: Bitcoin.

Viele Deutsche haben mittlerweile von dem Onlinegeld gehört, weil es ständig in die Schlagzeilen gerät: Erst vor Kurzem etwa, weil der Kurs steil gestiegen war, eine Einheit Bitcoin zwischenzeitlich mehr als 1250 US-Dollar kostete, eine digitale Münze damit erstmals teurer war als eine Feinunze Gold. Manche Fans der virtuellen Währung träumen ob dieses historischen Ereignisses schon von einer Weltwährung Bitcoin. Währenddessen rätseln viele Bundesbürger noch, wie das Digitalgeld überhaupt funktioniert.

Da schafft eine Reise ins deutsche Bitcoin-Metier Abhilfe, zu Leuten wie dem Berliner Kneipier Platzer. Eine Reise, die zeigt, dass sich rund um Onlinewährung nicht nur eine Szene gebildet hat, sondern das Internetgeld langsam eine Branche nährt. Eine Reise, an deren Ende die Erkenntnis steht: Die Träume der Bitcoin-Jünger werden sich nicht erfüllen, das Digitalgeld steht seinem Durchbruch selbst im Weg.

Joerg Platzer ist vor einigen Jahren, sagt er, der erste Gastronom der Welt gewesen, der das Onlinegeld akzeptiert hat, weshalb sein Room 77 bei Bitcoin-Nutzern inzwischen Kultstatus hat. Mittlerweile sind Platzers Beispiel allein in Berlin gut 20 bis 30 Lokale gefolgt - obwohl es auf Laien befremdlich wirken mag, warum ausgerechnet Wirte eine digitale Währung nehmen, obwohl diese nicht wie Münzen und Scheine greifbar ist. Für Platzer gibt es einen simplen Grund, warum ihn das Onlinegeld begeistert: "Bitcoin ist finanzielle Selbstermächtigung", sagt er. "Bitcoin ist anders."

Das Online-Geld hat Kultstatus, weil es keine Instanzen gibt, die die Währung kontrollieren

Gewöhnliche Währungen wie der Euro hängen von einigen, wenigen Instanzen ab. Es gibt Regierungen, die ihren Bürgern wie gerade in China vorschreiben können, wie viel Geld sie außer Landes bringen dürfen. Es gibt Banken, die Überweisungen ablehnen können, die wissen, wer wann wie viel Geld an wen transferiert - und der Regierung diese Daten im Zweifel weitergeben. Es gibt Zentralbanken, die beliebig viel Geld schaffen können, Scheine drucken, Münzen prägen. Entsteht zu viel davon, leiden die Bürger unter einer hohen Inflation - während eine Regierung mit dem vielen Geld leichter ihre Schulden zurückzahlen kann.

Bitcoin kennt keine zentrale Instanzen, nur einen Säulenheiligen: Satoshi Nakamoto. Der Name ist ein Pseudonym für denjenigen, der Bitcoin 2008 geschaffen hat und dessen Identität bis heute unbekannt ist. Nakamoto hat einen Kosmos geschaffen, der schlicht ein Computer-Netzwerk ist, in dem sich die Nutzer gegenseitig kontrollieren. Einen Kosmos, in den Nutzer wie der Berliner Platzer eintreten können, indem sie ein spezielles Programm auf ihrem Rechner installieren, eine Art digitales Portemonnaie. Damit können sich Nutzer unter Pseudonymen digitale Münzen schicken; so viele sie wollen und jederzeit, nachts, am Wochenende - wenn Banken geschlossen haben. Bitcoin ersetzt also das Geldhaus, die Überweisungen werden statt bei einer Bank automatisch auf den Computern der Nutzer gespeichert. Jeder von ihnen kann dadurch jederzeit die Transaktionen einsehen, was Kontrolle schafft und die Währung quasi fälschungssicher macht. Die Nutzer wie Kneipier Platzer sind gleichzeitig die Zentralbank: Neue Bitcoins entstehen, indem Computer komplexe Rechenaufgaben lösen und als Lohn dafür digitale Münzen erhalten. Sie können jedoch nicht beliebig viele Bitcoins schaffen, Gründer Nakamoto hat die Zahl auf 21 Millionen begrenzt - aus Angst vor Inflation.

Eine Währung ohne Zentralbank: Bitcoin scheint wie gemacht für Verschwörungstheoretiker, die fürchten, die Notenbanken könnten bald eine massive Inflation herbeiführen - um ihre hoch verschuldeten Regierungen zu entlasten. Ist Bitcoin vielleicht doch eine rein politische Idee von Wirrköpfen? Radoslav Albrecht steht für das Gegenteil. Der ehemalige Roland-Berger-Berater ist Chef von Bitbond, einem Start-up, eines jener jungen Unternehmen, die sich auf digitale Geschäftsmodelle verstehen. Inzwischen gibt es eine Reihe von deutschen Firmen, die mit Bitcoins arbeiten, es wächst eine Branche heran - und gerade Albrechts Start-up zeigt den praktischen Nutzen von Bitcoin.

Bitbond ist eine Onlineplattform, auf der viele Geldgeber gemeinsam Selbstständigen Darlehen finanzieren, Kredite, die aus der ganzen Welt stammen. Ein Beispiel: Ein Unternehmer möchte etwas einen Kredit bekommen, für Bitcoins über 5000 Euro. "Ein Algorithmus prüft zuerst, wie kreditwürdig der Schuldner ist", sagt Albrecht. Dazu greift das Programm etwa auf das Ebay-Konto zu und klärt, wie regelmäßig jemand seine Rechnungen zahlt. Der Algorithmus legt dann den Zinssatz fest, die Anfrage erscheint auf der Webseite und die Geldgeber entscheiden, ob und wie stark sie sich beteiligen. Einer kann drei Bitcoins beisteuern, ein anderer nur einen. So haben schon Nutzer unter anderem aus Deutschland und Australien einem Indonesier ein Auto finanziert, damit der für den Taxidienst Uber arbeiten kann.

Unternehmer Albrecht verdient an den Darlehen durch Provisionen - wie eine ganz gewöhnliche Bank, was zeigt: "Bitcoin kann Geldhäuser im Zahlungsverkehr ersetzen, aber nicht im Kreditgeschäft", sagt Rainer Böhme, Informatikprofessor an der Universität Innsbruck. "Es braucht immer noch einen Mittler, der prüft, wie kreditwürdig jemand ist."

Bitcoin bietet Unternehmer Albrecht einen entscheidenden Vorteil gegenüber klassischen Banken. Eine Kreditplattform wie Albrechts basiert auf einer Vielzahl von Auslandsüberweisungen. Die können sich mit gewöhnlichen Währungen tagelang hinziehen, weil die Geldhäuser die Transaktionen erst prüfen müssen - und obendrein teils zweistellige Gebühren verlangen. Schnell käme so bei mehreren Geldgebern eine dreistellige Summe zusammen, die auf die Zinsen umgelegt werden müsste und den Kredit viel zu teuer machen würde. Bei Bitcoin kosten Transaktionen umgerechnet nur 60 Cent und dauern im Schnitt gerade einmal fünf Minuten. Was ironischerweise das große Problem der Online-Währung ist.

Denn diese fünf Minuten sind für gewöhnliche Zahlungen viel zu lang, etwa im Einzelhandel. Da muss der Prozess in Sekunden abgeschlossen sein, so wie es Verbraucher kennen, wenn sie per EC-Karte zahlen. Wer will schon minutenlang an der Supermarktkasse warten?

Diesem Problem liegt die Technik hinter Bitcoin zugrunde. Transaktionen werden in digitale Blöcke gespeichert, die eine Vielzahl von Transaktionen bündeln. Ist ein Block voll, entsteht der nächste, indem Computer hochkomplexe Rechenaufgaben lösen. Die Blöcke verbinden sich zur Blockkette, zur Blockchain, die quasi die Bitcoin-DNA ist. "Nur braucht dieser aufwendige Prozess schlicht Zeit, im Schnitt eben fünf Minuten", sagt Informatikprofessor Böhme. Und je mehr Menschen Bitcoin nutzen, desto länger dauern Überweisungen, weil nur eine bestimmte Zahl an Transaktionen in einen Block passt. Die Nutzer müssten wie vor einem Bankschalter in der Schlange warten, Bitcoin wird mit zunehmenden Erfolg folglich unattraktiver.

Das digitale Geld ist derzeit eine Alternative für die Nische - für mehr reicht die Technik nicht.

Dieses Zeitproblem lässt sich mit der jetzigen Form von Bitcoin nicht lösen. Die Kapazität der Blöcke könnte zwar steigen, die Warteschlange würde kürzer, so schnell wie EC-Kartenzahlungen wäre Bitcoin jedoch nie. "Das Onlinegeld wird keine Alltagswährung", sagt Böhme. Die virtuellen Münzen seien nur für wenige Bereiche attraktiv, etwa für die Gemeinschaftskredite von Startup-Unternehmer Albrecht.

Das Online-Geld muss sich folglich radikal wandeln, um breiten Erfolg zu haben. Eine Möglichkeit wäre: Die allermeisten Nutzer würden weder die gesamte Blockchain-DNA speichern noch ihre Transaktionen direkt auf der Blockchain abwickeln. "Stattdessen würden sich Nutzer nur mit einer Art Konto auf der Blockchain registrieren", sagt Informatiker Böhme. Die Konten würden sich durch "virtuelle Brücken" miteinander verbinden, über die Nutzer digitale Münzen hinwegschicken können. Dadurch müsste nicht mehr jede Überweisung auf der Blockchain gespeichert werden, Zahlungen wären in Sekundenschnelle möglich. Das Problem: Mit steigenden Nutzerzahlen wird auch die neue Blockchain immer länger, der Speicherbedarf steigt. Nur einige herausgehobene Nutzer mit besonders viel Speicherplatz würden die virtuelle DNA in Gänze digital einlagern können. Sie würden dadurch quasi die Konten der anderen verwalten, könnten deren Transaktionen ablehnen, agieren also wie Banken.

Bitcoin und Fans wie dem Berliner Kneipier Platzer bleiben also zwei Szenarien: Im ersten ist und bleibt die Digitalwährung eine Alternative für die Nische - während der zweite Fall Bitcoin in eine Richtung treiben könnte, die dem herkömmlichen Zahlungssystem ähnelt - mit Geldverwaltern, die wieder eine gewisse Macht haben, genau das, was ursprüngliche Digitalwährungs-Fans eben gerade nicht wollten. Das ist die Tragik von Bitcoin.