Wohlfahrtsindex statt BIP Alles für den Wohlfühlfaktor

Das Bruttoinlandsprodukt gilt als Maß der Volkswirtschaft, doch Ökonomen suchen neue Wege, Fortschritt zu messen. Forscher haben jetzt den Nationalen Wohlfahrtsindex errechnet - er ist gesunken, obwohl das BIP gestiegen ist.

Von Michael Bauchmüller

Warum nicht das Licht nutzen? Jene Lichtmassen, die reiche Länder nachts ausstrahlen? Satelliten könnten sie fotografieren, die Welt teilen in reiche und arme Regionen, sie könnten Anhaltspunkte geben für Fortschritt und Entwicklung. Ökonomen haben selbst das schon versucht, als neuen Indikator für Wachstum. Die Idee wurde dann wieder verworfen. Zu ungenau, untauglich.

Das Problem treibt Ökonomen schon seit vier Jahrzehnten um, es hat Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy beschäftigt und den britischen Premier David Cameron, im Deutschen Bundestag tritt alle paar Wochen eine eigene Enquete-Kommission deshalb zusammen: Wie eigentlich lässt sich Wachstum so messen, dass auch Wachstum dabei herauskommt? Es ist die Tücke des Bruttoinlandsproduktes: Wenn zwei Brillenträger sich prügeln, anschließend beide zum Optiker müssen, erzeugen sie - Wachstum. Wenn im Golf von Mexiko eine Ölplattform versinkt, Jahre für die Aufräumarbeiten nötig werden, auch dann entsteht Wachstum. Gemessen wird es im Bruttoinlandsprodukt, kurz BIP. Wenn es steigt, gilt eine Wirtschaft als erfolgreich. Aber ist sie es auch?

Die Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft hat das nun im Auftrag der Grünen-Fraktion im schleswig-holsteinischen Landtag einmal nachgerechnet, mit verblüffenden Ergebnissen. So entwickelte sich die Wirtschaft in Schleswig-Holstein nach dem gängigen Wachstumsbegriff zwischen 1999 und 2008 miserabel, das BIP wuchs, wohl auch wegen der Finanzkrise im Vergleichsjahr 2008, nur um 0,2 Prozent. Nicht so nach den Maßstäben eines "Nationalen Wohlfahrtsindex" (NWI): Demnach erzielte das Land einen sagenhaften Zuwachs von 9,4 Prozent. Auf Bundesebene verhält es sich genau umgekehrt. Zwar wuchs das BIP zwischen 1999 und 2007 um 7,4 Prozent, der NWI aber gab um 3,2 Prozent nach. Dies deute darauf hin, "dass die Wohlfahrt eines Landes sich offenkundig anders entwickeln kann, als der Maßstab des BIP es nahelegen würde", heißt es in der Studie, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt.

Die Forscher hatten dazu einen eigenen Index komponiert. Auch die Einkommensverteilung fließt hier ein, die in Schleswig-Holstein etwas ausgewogener ist als im Rest der Republik. Ebenso der Wert von häuslicher und ehrenamtlicher Arbeit, der im üblichen BIP untergeht. Oder die Kosten, die Verkehrsunfälle und Kriminalität aufwerfen; ebenso der Verlust landwirtschaftlicher Flächen und die Ausbeutung fossiler Energieressourcen. "Wenn man eine monetäre Gegenrechnung zum BIP machen will, kommt man um eine solche Betrachtung nicht herum", sagt Hans Diefenbacher, einer der Autoren der Studie. Und die Arbeit hat erst begonnen.

Zwar gibt es viele Ideen für mögliche Messgrößen, aber nur wenig Messungen. "Bis heute haben wir zum Beispiel keine verlässlichen Daten über den Verlust an Artenvielfalt", klagt Diefenbacher. "Das muss da aber rein." Auch für die jüngste Studie mussten die Forscher manche Daten provisorisch berechnen. Vorarbeiten für einen neuen Indikator will auch die Enquete-Kommission des Bundestages leisten. Doch bisher kommt sie nur mühsam voran. Die Grünen in Schleswig-Holstein aber sehen schon jetzt genug Stoff "für eine völlig neue wirtschaftspolitische Diskussion". Was einer Wirtschaft nutze und was nicht, sei nun ganz neu zu bewerten, sagt Robert Habeck, Fraktionschef der Grünen im Kieler Landtag. "Da gilt ab jetzt die Beweislastumkehr."