Biokraftstoff E10 Die Mär vom gefährlichen E10

Aus Angst vor Schäden meiden deutsche Autofahrer den neuen Kraftstoff. Dabei ist nach allen Erkenntnissen bisher kein einziges Auto liegengeblieben. Entwarnung will aber dennoch niemand geben.

Von Charlotte Theile

Die Antwort lautet immer gleich: "Nein." Nein, es sind bisher keine Fälle bekannt, wo Autos durch E10 Schaden genommen haben. Nach Wochen des Boykotts, der Schuldzuweisungen zwischen Politik und Mineralölindustrie und nach dem Benzin-Gipfel ist dies ein entlarvender Befund. Das Drama um E10, um getäuschte Verbraucher, kaputte Dichtungen und Motoren - es scheint, als sei dahinter: nichts.

Die größte deutsche Prüfgesellschaft Dekra stellt jährlich ungefähr eine Million Schadensgutachten aus. Auf das Thema E10 sei man stark sensibilisiert, heißt es aus der Pressestelle. Im Gutachtenbereich des Unternehmens gibt es sogar einen Projektmanager, der sich mit dem neuen Benzingemisch und dessen Auswirkungen beschäftigt. Der dürfte bisher ziemlich wenig zu tun haben. Denn die Dekra hat, trotz ihrer erhöhten Aufmerksamkeit, in ihren 80 Niederlassungen in Deutschland bislang kein einziges Schadensgutachten im Zusammenhang mit E10 ausgestellt. Von tatsächlichen Befunden ganz zu schweigen.

Das zieht sich durch die ganze Republik. Der Zentralverband des deutschen Kraftzeuggewerbes betreut 38.300 Autowerkstätten. Hinweise auf E-10- Schäden sind dort bisher nicht eingegangen. Ob VW, Audi, Fiat oder ADAC: In keiner Firmenzentrale hat man von einem liegengebliebenen oder kaputten Ethanol-Wagen gehört.

Und auch auf den unteren Ebenen bestätigt sich dieses Bild. Das Porsche-Zentrum Hamburg betreut etwa 12.000 Kunden: Keiner war bisher wegen E10 in der Werkstatt. Autohaus Hetzer, Opel-Händler aus Berlin Charlottenburg: bei 10.000 Kunden kein einziger Fall. Wo man auch hinschaut, bei Ford in Westfalen, Citroën in Erfurt, Nissan in Augsburg: Kein einziges Auto scheint Schaden genommen zu haben.

Beschädigt ist hingegen das Vertrauen der Verbraucher in Politik und Mineralölindustrie. Obwohl mehr als 90 Prozent der Autofahrer E10 tanken dürften, tun dies nur wenige. Am Donnerstag schließlich gab Marktführer Aral bekannt, im Laufe des Jahres wieder an allen Tankstellen Super E5 anbieten zu wollen. Man könne nicht an den "Kundenwünschen vorbei verkaufen", hieß es aus dem Unternehmen; E 10 führe man jedoch weiterhin. Mit der Anzeige des Automobilclubs ADAC, die genau das von den Tankstellen verlangt hatte, habe die Aktion jedoch nichts zu tun.

Test: 8000 Kilometer problemlos

Ob die Beimischung von Ethanol tatsächlich ökologisch sinnvoll ist, darüber gibt es unterschiedliche Auffassungen. Für die Angst der Autofahrer, ihr Fahrzeug könne durch die "Öko-Plörre", wie E 10 bei der Bild-Zeitung heißt, kaputtgehen, gibt es, etwa zwei Monate nach der Einführung, kaum Belege.

Der ADAC testet momentan den Opel Signum. Offiziell verträgt der kein E10. Doch der Mittelklasse-Wagen fährt, trotz Bio-Betankung, bisher 8000 Kilometer ohne Probleme. Dies sei aber kein Freibrief, entgegen der Freigabeliste der Hersteller zu tanken, so der Club. Wer zum Beispiel bisher nur Benzin mit mindestens 98 Oktan tanken sollte, kann jetzt natürlich auch nicht E10 mit 95 Oktan verwenden. "Ein gehöriger Anteil Angst", hervorgerufen durch die schlechte Informationspolitik der Mineralölkonzerne, verhindere, so ein ADAC-Sprecher, solche Experimente ohnehin.

Auch in den USA klappt's

Drastische Warnungen, E 10 könne Aluminiumteile beschädigen, Dichtungen und Schläuche durchlöchern, gar zum plötzlichen Motortod führen, haben sich nicht erhärtet. Wenn überhaupt, ist von einem schleichenden Prozess des Verschleißes die Rede. Doch selbst der wird von Sachverständigen nicht erwartet. "In den Vereinigten Staaten fahren auch viele Autos", heißt es bei Aral lapidar.

Bernhard Ederer, technischer Experte von BMW, hat Erfahrung mit Ökobenzin. Seit 1989 werden die Wagen der Münchner Firma in den USA mit erhöhten Ethanol-Beimischungen getankt. Motorschäden, liegengebliebene Fahrzeuge: Fehlanzeige. Er glaubt, dass auch in Deutschland nichts passiert, die Motoren seien schließlich die gleichen.

Schweden tanken sogar E85

Peter Weisheit von VW ist ebenfalls zuversichtlich: "Wir wissen genau, was wir tun. Schließlich fahren unsere Autos seit Jahren in Südamerika und Schweden mit E100 und E 85." Das Ausbleiben der befürchteten Schäden erstaunt die Fachleute daher nicht.

Doch Entwarnung will niemand geben. Zu groß war die Aufregung, und zu groß ist inzwischen die allgemeine Verwirrung. Auch wenn die Testergebnisse dagegensprächen, könne es, so der ADAC, theoretisch noch zu Schäden kommen, "mittelfristig, langfristig oder eben gar nicht".

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