Belastung von Kleinsparern in Zypern Ein Schwarzer Peter namens Schäuble

Sind wieder mal die Deutschen schuld? Europäische Verhandlungsführer werfen der Bundesregierung vor, sie habe auf der Zwangsabgabe für zyprische Kleinsparer bestanden. Finanzminister Schäuble wehrt sich: Das sei allein Sache der Zyprer. Nun wird klar, wie in der Nacht von Brüssel die Nerven blank lagen.

Von Cerstin Gammelin, Brüssel, und Guido Bohsem, Berlin

Am Montag wollte es niemand gewesen sein. Keiner wollte die Verantwortung für das im Morgengrauen des Samstags entworfene Programm für Zypern übernehmen, und schon gar nicht für die Entscheidung, Sparer mit Guthaben bis 100.000 Euro an der Sanierung der kleinen Insel zu beteiligen. Statt sich zu erklären, telefonierten die Verantwortlichen quer durch Europa. Zwischen Brüssel, Berlin, Den Haag, Nikosia und Frankfurt flogen Meinungen und Ideen hin und her. In Brüssel tagten die Unterhändler der Euro-Gruppe, für Montagabend wurde eine Telefonkonferenz der Finanzminister angesetzt, um die Vereinbarung wieder zu ändern. Die letzten noch in Brüssel verbliebenen hohen Diplomaten Zyperns reisten nach Nikosia, wo ebenfalls über Nachbesserungen am Paket gebrütet wurde - vor allem darüber, wie die offensichtliche Fehlentscheidung, auch kleine Sparer mit einer Sonderabgabe zu belegen, wieder ausgeglichen werden könnte.

Die Geschichte, wie es dazu hatte kommen können, wurde am Montag in verschiedenen Versionen erzählt. Einig waren sich die allesamt an den Verhandlungen beteiligten Personen nur in einigen Punkten. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble sei derjenige gewesen, der darauf bestanden habe, dass die Zyprer selbst einen Beitrag von sieben Milliarden Euro leisten sollten - seine Kollegen und die Troika wären auch mit der Hälfte des Betrags zufrieden.

Als Schäuble darauf bestand, war es schon nach 23 Uhr Freitagnacht. Die Verhandlungen hatten um 17 Uhr begonnen. Gleich zu Beginn hatte EU-Kommissar Olli Rehn eine Solidaritätsabgabe ins Spiel gebracht - Sparer mit Guthaben unter 100.000 Euro sollten drei Prozent zahlen, bis zu 500.000 sollten es fünf Prozent sein, für Guthaben darüber sieben Prozent. Die Solidaritätsabgabe sollte zwischen zwei und drei Milliarden Euro erbringen.

Christine Lagarde, Chefin des Internationalen Währungsfonds, brachte einen Vorschlag aus Washington mit, der wesentlich radikaler war. Sie schlug vor, Guthaben über 100.000 Euro um 30 bis 40 Prozent zu kürzen und auch die Eigentümer von Vorzugsanleihen der beiden größten Banken zur Kasse zu bitten. Lagardes Vorschlag hätte sieben Milliarden Euro erbracht; Schäuble unterstützte ihn, ebenso die Finnen, die Niederländer und die Slowakei. Spanien, Frankreich, Italien, Luxemburg waren dagegen. Zyperns Finanzminister Michael Sarris versuchte vergebens, seine Kollegen mit alternativen Vorschlägen (Steuererhöhungen, Lohnsenkungen, Privatisierungen) umzustimmen. Es soll Schäuble gewesen sein, an dessen Nein Sarris vor allem scheiterte.

Die Verhandlungen wogten eine Weile hin und her, die Zyprer hatten längst den Zahlungsverkehr auf der Insel gestoppt, da forderte Schäuble eine Abgabe von mehr als 18 Prozent. Präsident Nikos Anastasiadis, der zwei Etagen über dem Verhandlungsraum ausharrte und ständig über den Fortgang der Gespräche informiert wurde, gab das Zeichen zum Aufbruch. Bundeskanzlerin Angela Merkel, Lagarde und auch Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), hätten ihm andere Signale gegeben, hieß es in seinem Umfeld. Auf die neuen Konditionen werde er deshalb nicht eingehen.