Bargeld Geld hat etwas von Hexerei

Erst Münzen und Scheine machen das akstrakte Konzept von Geld begreifbar.

(Foto: dpa)
  • Bargeld ist Tauschmittel und Wertspeicher zugleich - und macht uns das Geld begreifbar.
  • Es abzuschaffen wäre so, als würde man Kindern anstatt des Schreibens mit Stift auf Papier sofort den Umgang mit der Computertastatur beibringen.
Von Gustav Seibt

Es gibt eine originelle Erklärung, warum Luthers Reformation ihren Ursprung ausgerechnet in den kargen Gegenden an der Elbe hatte: es ging ums Bargeld. Im Spätmittelalter begann die Kirche, Seelenheil für Geld zu verkaufen. Wer genügend Münzen in einen Kasten warf, bekam dafür eine Urkunde, die ihm viel Zeit in der Hölle ersparen sollte. In Westeuropa, in Paris oder Köln, wurde das so eingesammelte Geld bei Bankiers eingezahlt, die dann briefliche Anweisungen nach Rom schickten, wo es wieder ausgezahlt wurde: bargeldloser Zahlungsverkehr! Im Hinterland von Wittenberg allerdings waren um 1510 Bankfilialen sogar noch seltener als heutzutage, es gab gar keine. Die aufwendig zugeschmiedeten Geldkisten mussten von bewaffneten Eskorten leibhaftig in den Süden transportiert werden.

Das Volk stand also am Wegrand und empörte sich über das viele Geld, das zu den verschwenderischen Italienern floss - ein guter Nährboden für Luther, der aus theologischen Gründen gegen den Ablasshandel predigte. Im Visier hatte er dabei einen Mönch namens Johann Tetzel, nach dem solche Geldtruhen "Tetzelkästen" benannt wurden. Der banktechnische Rückstand zwischen Ostsee und Elbe, so lautet die Erklärung, habe zum Erfolg Luthers beigetragen.

Opfertiere waren die erste Maßeinheit im menschlichen Tauschverkehr

Eine schöne Hypothese, in der sich die beiden Funktionen des Geldes als Tauschmittel und als Wertspeicher verbinden. Echtes Gold gegen ein verbrieftes Jenseitsgut zu tauschen, das ist eine beachtliche Abstraktion - fast Zauberei. Da ist der Schritt zum Papiergeld minimal. Nicht umsonst machte Goethe seinen Teufel Mephisto zum Erfinder des Papiergelds, im Zeitalter Luthers. In der gleichen Zeit experimentierte die Alchemie auch mit der Erfindung synthetischen Goldes.

Bargeld ist geprägte Freiheit

Die Argumente gegen Scheine und Münzen sind schwach. Das Bargeld abzuschaffen, wäre vor allem anmaßend. Kommentar von Marc Beise mehr ...

Geld, selbst Bargeld von hohem Materialwert, hat etwas von Hexerei, denn es macht das Unterschiedlichste vergleichbar und austauschbar: Getreide und Dienstleistungen, Vieh und Seelenheil. Das erste Geld, so vermuten Anthropologen, waren Rinder, die man den Göttern opferte, um ihnen nicht Menschen geben zu müssen. Opfertiere wurden dann die erste Maßeinheit im menschlichen Tauschverkehr, weshalb das lateinische Wort für Geld (pecunia) vom Vieh (pecus) abstammt. Der Israelische Universalhistoriker Yuval Noah Harari zählt das Geld zusammen mit der Schrift und den Göttern zu den Erfindungen, die die antiken Großreiche überhaupt erst möglich machten.

Geld kann alles sein, was sich zählen lässt

Ohne Geld und Schrift lassen sich arbeitsteilige Wirtschaftssysteme nicht aufbauen, ohne die Furcht vor den Göttern nicht stabil halten. Zum Geld kann dabei im Prinzip jeder Gegenstand werden, der sich wiegen und zählen lässt: Tiere, Muscheln oder eben Edelmetall, am besten geprägtes Edelmetall, am Ende auch bedrucktes und beglaubigtes Papier. Vom Papier ist der Schritt zum reinen Buchgeld und damit zur Möglichkeit der Digitalisierung nicht mehr groß.

Dass das Bargeld bis heute seine Rolle nicht ausgespielt hat, liegt vor allem an der kostbaren Ressource Vertrauen, ohne die Geld nicht funktionieren kann. Gold ist solide, kaum zu fälschen und relativ selten, also kostbar - ein idealer Wertspeicher. Solange der Goldstandard herrschte, jedes gedruckte oder verbuchte Geld also theoretisch mit realem Gold gedeckt sein sollte, waren die Exzesse der Finanzwirtschaft im Prinzip nicht möglich. Es gab noch in der Mitte des 20. Jahrhunderts ordoliberale Theoretiker, die deshalb am Goldstandard festhalten wollten.