BA-Chef Weise Urlaub? Später...

SZ: Haben Sie nie Lust auf richtigen Urlaub?

Weise: Ich komme eine Zeit lang auch ohne zurecht. Hin und wieder nehme ich einen Tag frei. Nächstes Jahr wird es sicherlich wieder ein bisschen mehr Erholung geben, hoffe ich.

SZ: Sind durchbürokratisierte Großorganisationen wie die BA und die Bundeswehr überhaupt reformierbar?

Weise: Bei der BA hat es Zeit gebraucht, 110.000 Mitarbeiter für etwas Neues zu gewinnen. Der Prozess dauert auch noch an. Deshalb sage ich: Die Bundeswehrreform braucht mindestens sieben Jahre. Auch bei der BA läuft manches immer noch nicht perfekt.

SZ: Was zum Beispiel?

Weise: In unserer Kernaufgabe, der Beratung und Vermittlung, ist unsere Organisation noch nicht überall gleich gut und leistungsfähig. Da gibt es noch zu große Leistungsunterschiede, unabhängig von regionalen Besonderheiten.

SZ: Vor allem funktioniert die Parole "Fördern und fordern" nicht richtig. Sind nicht viel zu viele Hartz-IV-Empfänger "Dauerkunden" und ihr Leben lang auf staatliche Hilfe angewiesen?

Weise: Gemessen am Umgang mit den früheren Sozialhilfeempfängern haben wir große Fortschritte erzielt. Andererseits klappt das Fördern und Fordern in der Tat noch nicht optimal, aber es ist auch ein sehr individuelles Geschäft. Ein Berater muss herausfinden, welchem jungen Menschen er mit Strenge begegnen muss, damit der sich Mühe gibt und es sich nicht im System bequem macht. Dem armen Teufel, der von der Familie keine Anerkennung und Unterstützung kriegt, der in der Schule versagt, muss er Selbstbewusstsein und Aufmerksamkeit geben. Am schwersten tun wir uns mit denen, die in ihren Familien keine Sprachkenntnisse, keine Unterstützung und keine Anleitung bekommen. Da ist unser Niveau nicht zufriedenstellend.

SZ: Müssen die Jobcenter in solchen Fällen noch fordernder sein?

Weise: Ja, in der Hinsicht, dass man unmissverständlich klar macht: Wer hier lebt und arbeiten will, muss unsere Sprache beherrschen. Aber das ist leichter gesagt als getan. Kommt ein Kind nach Hause und es wird dort nur türkisch gesprochen, hilft alles nichts.

SZ: Also doch lieber mehr Sprachkurse anbieten, junge Leute mehr qualifizieren und Ganztagsschulen ausbauen, als Fachkräfte aus dem Ausland zu holen?

Weise: Sie bauen da einen künstlichen Gegensatz auf: Wir müssen Langzeitarbeitslosen Qualifikationen und Sprachkenntnisse so vermitteln, dass sie ins Erwerbsleben kommen. Fachkräfte für sehr qualifizierte Jobs sind allerdings aus dieser Gruppe kaum zu gewinnen. Hinzu kommt der demografische Effekt: Heute haben wir 44 Millionen Erwerbsfähige, ohne Zuwanderung werden es 2050 etwa 26 Millionen sein. Deshalb brauchen wir auch eine gesteuerte Zuwanderung, etwa mit Hilfe eines Punktesystems wie in Kanada, um ausländische Abschlüsse besser bewerten zu können. Ich warne aber davor, die Wirkung zu überschätzen. Warum sollte jemand, der richtig gut qualifiziert ist, ausgerechnet zu uns kommen? Viele Firmen sind im Ausland aktiv und bieten dort auch interessante Jobs an.

SZ: Lohnt es sich für Hartz-IV-Empfänger, als Geringverdiener einen Job anzunehmen, oder ist der Abstand zwischen Niedriglöhnen und staatlichen Leistungen inzwischen zu gering?

Weise: Viele, die in der Grundsicherung sind, geben sich ungeheuer Mühe, einen Zuverdienst zu finden oder eine feste Arbeitsstelle. Es gibt sicher auch welche, die wägen nüchtern ab und sagen, warum soll ich für etwas mehr Geld 40 Stunden in der Woche arbeiten? Da muss man aufpassen, dass diejenigen, die arbeiten, sich nicht irgendwann als die Dummen fühlen. Ich glaube aber nicht, dass das unser Hauptproblem ist.

SZ: Worin besteht es dann?

Weise: Das Schwierigste ist, unsere Problemgruppen in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Da sind zum Beispiel die 600.000 Alleinerziehenden. Arbeitsministerin Ursula von der Leyen hat recht, wenn sie sagt, ein Kind dürfe kein Grund für Arbeitslosigkeit sein. Wir müssen auch den jungen Menschen ohne Berufsabschluss unter die Arme greifen. Da sind welche dabei, für die sehr, sehr viel Mühe notwendig sein wird und wo es Jahre bis zu einem Erfolg dauern wird, weil sie von Misserfolgen geprägt sind, aus anderen Kulturen kommen oder aus schwierigen Familien. Unser Ziel ist, allen zu helfen, aber man muss auch sehen, was realistisch machbar ist. Vielleicht ist dann bei den Vermittlungsquoten noch ein Plus von zehn oder 20 Prozent drin.

SZ: Zehn oder 20 Prozent - das heißt, der Rest ist bis zum Lebensende auf Hartz IV angewiesen?

Weise: Nein, das entspricht nicht meinem Menschenbild. Es gibt aber Menschen, denen fehlt eine Qualifikation, denen fehlt Motivation, denen fehlen bestimmte Grundlagen, um eine Chance auf dem Arbeitsmarkt zu haben. Da wird es schwierig. Da müssen wir früher eingreifen, spätestens in der Schule, und verhindern, dass es überhaupt so weit kommt.

SZ: Trotz dieser Problemgruppen werden die Quoten immer besser. Im Oktober dürfte die Arbeitslosenzahl unter drei Millionen fallen. Trotzdem verweigern Sie sich jedwedem Jubel. Warum?

Weise: Das sind dann immer noch zu viele Arbeitslose. Zu sagen, alles ist gut, wäre deshalb ein Fehler. Das gigantische Haushaltsdefizit in den USA, die Länderrisiken im Euro-Raum - da sind noch sehr viele gefährliche Unbekannte im Spiel. Außerdem erleben wir gerade einen Abbau von Arbeitsplätzen im verarbeitenden Gewerbe. Das betrifft Gutverdiener, mittleres Alter, mit Eigenheim und Hypotheken. Wir haben im Moment Strukturprobleme, und ich sehe auch nicht, dass sie gelöst werden, denn die Unternehmen bauen neue Standorte eher im Ausland auf und nicht hier.