Bedingungsloses Grundeinkommen Die Schweizer Volksabstimmung war bislang das wichtigste Experiment

Das - wenn man so will - politische Experiment, das die offene Gesellschaft andauernd wagt, ist der öffentliche Diskurs. Er ist es, der die Gesellschaft verändert und bestenfalls voranbringt. So gesehen, ist die Schweizer Volksabstimmung 2016 das bisher wichtigste Grundeinkommensexperiment gewesen. Die Schweizer waren nicht als Versuchskaninchen, sondern als Souverän gefragt. Es ging nicht um eine Publikation, sondern um eine Verfassungsänderung. Entsprechend laut war der Diskurs. Entsprechend groß das Interesse. Entsprechend lehrreich die Debatte. Und allemal überraschend war, dass bereits jeder vierte Eidgenosse dem Grundeinkommen auf Anhieb zustimmte. Eine zweite Volksabstimmung kommt bestimmt.

In Deutschland ist dank der provokanten Thesen des Drogeriemarkt-Gründers Götz W. Werner die öffentliche Debatte vor gut zehn Jahren so richtig entbrannt. Von einem Nischenthema teils weltfremder Idealisten ist das Grundeinkommen inzwischen zu einem Lieblingsthema sogar von Pragmatikern geworden, die künftig voll automatisierte Fabriken arbeiten und die Menschen dadurch nicht benachteiligt sehen wollen.

Das Grundeinkommen verstößt gegen die Menschenwürde

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Das Grundeinkommen füllt dieser Tage in Deutschland Säle, Bücher und Leserbriefseiten. Für anekdotische Evidenzen, wie es wirken könnte, sorgt der Berliner Verein "Mein Grundeinkommen", der per Crowdfunding gesammelte Spenden bedingungslos verlost. Erstaunlich ist, dass die erst vor einem Jahr gegründete Ein-Themen-Partei Bündnis Grundeinkommen (BGE) bereits zu jenen neun Parteien zählt, die bei der kommenden Bundestagswahl in allen 16 Bundesländern antreten werden. Und interessant ist, dass die schleswig-holsteinische Jamaika-Koalition "ein Grundeinkommen regierungsseitig entwickeln und in Schleswig-Holstein als Modellregion erproben will", wie Vize-Ministerpräsident und Umweltminister Robert Habeck (Grüne) ankündigte.

Womit wir nochmals bei Experimenten wären. Die englische Sprache lässt uns dank ihrer experience jene Weite erahnen, welche dem Experiment einst zugrunde lag. Nämlich die persönliche Erfahrung. Erfahrungen bezüglich politischer Ideen werden nicht jenseits, sondern diesseits der gesellschaftlichen Wirklichkeit gewonnen. Jeder Einzelne sammelt sie. Und er kann sich fragen: Wie verhalten wir uns hier und heute, wenn wir ausschließlich an den eigenen Geldbeutel denken müssen? Oder wenn wir finanziell abgesichert sind? Wie wirkt Bedingungslosigkeit? Und wie Zwang? Welche Leistungen bedürfen Anreizen von außen, welche entstehen freiwillig? Das alles sind Fragen, die letztlich nicht mit ausgeklügelten Forschungsdesigns zu beantworten sind, sondern indem wir uns selbst beobachten - und daraus politische Schlüsse ziehen. Wer sich Ideen nicht als Herr gegenüberstellt, der gerät unter ihre Knechtschaft.

Das bedingungslose Grundeinkommen gibt es noch nicht, weil wir es noch nicht wollen. Und solange wir es noch nicht wollen, würde es auch nicht funktionieren. Doch sollten wir es früher oder später einmal wollen, können wir es auch. Dagegen spricht nichts. Weder seine Finanzierung noch die Faulheit der anderen.

Philip Kovce, 30, Ökonom und Philosoph, forscht am Basler Philosophicum und gehört dem Think Tank 30 des Club of Rome an.

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