Arbeitszeit "Wir müssen weg von der reinen Anwesenheits-Kultur"

Die Arbeitgeber wollen ihre Wünsche in den "Arbeitszeitdialog" einbringen, den Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) in den nächsten Monaten mit Verbänden, Kirchen und Experten führen will. Nahles, die sich derzeit im Osterurlaub befindet, ging am Dienstag auf die Vorschläge Kramers nicht direkt ein. Der Süddeutschen Zeitung sagte sie aber: "Wenn Unternehmen Flexibilität einfordern, müssen sie diese auch möglich machen. Wir müssen weg von der reinen Anwesenheits-Kultur, hin zu mehr Homeoffice und anderen flexiblen Möglichkeiten kommen."

Nahles wies darauf hin, dass mehr als ein Drittel der Angestellten, die bislang nicht im Homeoffice arbeiten, dies gerne regelmäßig oder gelegentlich tun würden. Dies müsse jedoch "ein fairer Deal sein. Für mich ist klar, dass es mehr Flexibilität nur gegen mehr Sicherheit geben kann". Nahles macht sich stark für einen "neuen Flexibilitätskompromiss, der Unternehmen belohnt, die mit der Ressource Arbeitskraft verantwortungsvoll umgehen". Nötig seien Vereinbarungen, "die Arbeitnehmer die Sicherheit geben, im Verlaufe eines Erwerbslebens das Beste für ihr Unternehmen leisten zu können und trotzdem genug Zeit für Familie zu haben".

Die Arbeitsministerin warb erneut für das Vorhaben der Koalition, den gesetzlichen Teilzeit-Anspruch um ein Recht auf Rückkehr in die frühere Arbeitszeit zu ergänzen. "Die Entscheidung für Kinder da zu sein, darf nicht das Ende der Karriere bedeuten. Dieses Gesetz soll ein Baustein von mehreren sein, aus denen wir ein neues Ganzes bauen wollen: Ich nenne es Wahlarbeitszeit", sagte sie. Kramer hingegen hatte davor gewarnt, einen neuen Rechtsanspruch zu schaffen und in betriebliche Vereinbarungen hinein zu regieren.

Gewerkschaften sehen beim Thema Arbeitszeiten keinen Reformbedarf

Die Reaktionen der Gewerkschaften auf Kramers Vorstoß kamen prompt: Sie sehen beim Thema Arbeitszeiten keinen Reformbedarf, weil Belegschaften schon jetzt per Betriebsvereinbarung oder Tarifvertrag flexibel einsetzbar sind. "Eine Aufweichung des Arbeitszeitgesetzes wäre fatal und unnötig", sagte die Vorsitzende der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG), Michaela Rosenberger, der Neuen Osnabrücker Zeitung. Bereits jetzt seien viele Beschäftigte zu stark belastet.

Anfang des 20. Jahrhunderts demonstrieren Arbeiter der Pariser Metro für den Acht-Stunden-Tag

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

"Übermäßiger Zeitdruck, ständige Überstunden, Nichteinhalten von Pausen. Das alles gibt es schon heute und das macht die Menschen krank", warnte Rosenberger. Ähnlich äußerte sich DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach: "Mehr Selbstbestimmung, größere Freiräume ja - aber dafür brauchen wir klare Regeln und einen Schutzrahmen".

Buntenbach fordert "ein Recht auf Logoff", also einen Anspruch darauf, sich in der Freizeit von der Arbeit ausklinken zu können. Kramer hält dies für unnötig. "Auch ich habe mein Handy nicht ständig eingeschaltet", sagt er.