Arbeitskampf 2015 ist Deutschlands Streikjahr des Jahrzehnts

  • In Deutschland sind 2015 mehr als zwei Millionen Arbeitstage ausgefallen. Das berichtet das WSI-Tarifarchiv der gewerkschaftsnahen Böckler-Stiftung.
  • So viel wurde in Deutschland seit mindestens zehn Jahren nicht mehr gestreikt.
  • Im internationalen Vergleich ist die deutsche Arbeitskampf-Statistik von Nachbarn wie Frankreich oder Dänemark noch weit entfernt.

Im vergangenen Jahr ist in Deutschland so viel gestreikt worden wie schon lange nicht mehr. Nach Schätzung des WSI-Tarifarchivs der gewerkschaftsnahen Böckler-Stiftung sind 2015 etwa zwei Millionen Arbeitstage wegen Arbeitskämpfen ausgefallen. Davon entfielen allein 1,5 Millionen Tage auf die von Verdi geführten Konflikte um die höhere Eingruppierung von Erziehern und die Ausgliederung von Paketdiensten bei der Post.

Das ist die höchste Zahl an Streiktagen seit mindestens zehn Jahren. 2006 zählte das WSI-Tarifarchiv lediglich etwa 1,6 Millionen Streiktage. Etwa 1,1 Millionen Menschen haben sich 2015 am Streikgeschehen beteiligt, eine zwar hohe, aber nicht außergewöhnliche Zahl. Zum Vergleich: In vier der vergangenen neun Jahre gab es bereits mehr als eine Million Streikende in Deutschland. In diesem Jahr hat also jeder Streikteilnehmer deutlich länger gestreikt, als das in den Vorjahren der Fall war.

Die 885 000 Beteiligten an den Warnstreiks der IG Metall sind die größte Teilgruppe dieser Statistik. In der Öffentlichkeit stark wahrgenommen wurden zudem die Arbeitskämpfe bei Lufthansa und der Deutschen Bahn mit allerdings vergleichsweise wenigen Streikenden. "Dass diese Konflikte im Jahr 2015 zusammentrafen, war weitgehend zufällig", sagt WSI-Experte Heiner Dribbusch. "Ihre Ursachen und Ziele waren sehr unterschiedlich."

Im internationalen Vergleich ist Deutschland selbst nach dem Ausnahmejahr 2015 noch lange kein Streikland. Im Zehnjahresschnitt fallen in Deutschland pro 1000 Beschäftigte etwa 20 Arbeitstage pro Jahr aus. In Frankreich liegt diese Zahl für die Jahre 2005 bis 2014 bei 132, in Dänemark bei 124. Am Ende der Liste liegen Österreich und die Schweiz mit nur zwei bzw. einem Ausfalltag. Für 2015 liegen aber noch nicht aus allen Ländern vergleichbare Zahlen vor.

Für das laufende Jahr erwarten die WSI-Forscher eher weniger Streiktage, weil sich keine Großkonflikte abzeichneten. Allerdings könne es eine höhere Zahl von Beteiligten geben, wenn es in der Metallrunde sowie im öffentlichen Dienst zu Warnstreiks kommen sollte.