Anleihemarkt Legendärer Investor warnt vor Supernova an den Finanzmärkten

Viele Anleger sind derzeit ungewöhnlich nervös - und auch die Händler staunen über das, was aktuell an den Finanzmärkten dieser Welt geschieht.

(Foto: AP)

Milliardenschwere Anleger bekommen für ihr Geld gar keine Zinsen mehr - sondern müssen sogar draufzahlen. Ein berühmter Anlage-Experte warnt nun, dass das nicht lange gut gehen kann.

Von Bastian Brinkmann und Vivien Timmler

An den Finanzmärkten dieser Welt geschehen gerade ungeheuerliche Dinge. Viele Anleger sind deswegen ungewöhnlich nervös. Die Aufregung betrifft eine der wichtigsten Säulen des Finanzsystems: die Staatsanleihen. Regierungen nehmen so Kredite auf. Finanzminister gehen nicht zur Bank, sondern bieten Wertpapiere zum Verkauf an - mit dem Versprechen, das Geld zurückzuzahlen. Diese Wertpapiere heißen Staatsanleihen.

In normalen Zeiten sind diese Anleihen das Synonym für Sicherheit. Banken parken die Milliarden Euro ihrer Kunden gerne in Staatsanleihen. Doch genau das wird jetzt zum Problem. Denn die Zinsen für diese Wertpapiere sind dramatisch niedrig. Immer öfter sind sie negativ. Das heißt: Investoren zahlen Staaten dafür, dass sie ihnen Geld leihen dürfen. Es ist eine verrückte Welt an den Finanzmärkten - und eine gefährliche, wenn es nach Bill Gross geht. Er gilt als einer der besten Kenner der Anleihenmärkte und hat nun eine dramatische Warnung veröffentlicht. "Die Renditen sind so niedrig wie noch nie in den vergangenen 500 Jahren", schrieb er. Es gebe mittlerweile Anleihen in Höhe von zehn Billionen Dollar, die nur noch negativ verzinst würden. "Das ist eine Supernova, die eines Tages explodieren wird", sagte Gross.

Gross ist einer der Mitgründer der Fondsgesellschaft Pimco, die er im Streit verließ. Mittlerweile arbeitet er für eine andere Investmentfirma namens Janus Capital. Er kommentiert seit Jahren den Markt der Staatsanleihen. Seine Supernova-Warnung betrifft insbesondere Europa. Die Volkswirtschaften auf dem Kontinent wachsen meist nur mäßig, die Europäische Zentralbank hat die Leitzinsen sogar auf null Prozent gesenkt. Milliardenschweren Anlegern bleiben nicht viele Alternativen, ihr Geld sicher anzulegen - somit sind die Renditen für Staatsanleihen in Europa äußert niedrig.

Anfang der Woche rutschte die deutsche Umlaufrendite erstmals in ihrer Geschichte in den negativen Bereich. Das ist die durchschnittliche Rendite aller Anleihen im Umlauf mit einer Restlaufzeit von drei bis dreißig Jahren.

Staatsanleihen werden wie normale Kredite auch unterschiedlich schnell zurückgezahlt. Je später ein Staat seine Schulden begleicht, desto höher sind in der Regel die Zinsen. Denn wer weiß schon, was in Zukunft noch alles passieren kann. Dieses Risiko lassen sich Anleger bezahlen. Umgekehrt bedeutet das: Je schneller eine Staatsanleihe zurückgezahlt wird, desto niedriger sind die Zinsen. Die Europäische Zentralbank sammelt die durchschnittliche Rendite für unterschiedliche Laufzeiten in der Euro-Zone. Wer derzeit sein Geld in die sichersten am Markt verfügbaren Staatsanleihen investiert, muss neunjährige oder noch länger laufende Papiere kaufen, um noch eine positive Rendite zu bekommen.

Das ist eine gute Nachricht für die Haushalte der Euro-Zone. Denn die Finanzminister können somit billig neue Kredite aufnehmen. Doch für die Anleger wird es zum Problem. Banken, Pensionskassen oder Versicherer müssen ihre Reserven irgendwo anlegen. Bei Staatsanleihen zahlen sie gerade oft drauf. Die Alternative ist, riskantere Investitionen zu wagen - im schlimmsten Fall könnte so viel Geld in Projekte fließen, die viel zu spekulativ sind. Das ist die Finanz-Supernova, die implodieren und die nächste Krise auslösen könnte.

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