ADAC Allgemeiner Deutscher Aufschub-Club

  • Die 2014 versprochene Runderneuerung des ADAC geht nur schleppend voran.
  • Der ADAC kündigte beispielsweise bereits vor einem Jahr an, alle seine 360 Produkte und Leistungen auf ihren Nutzen für die Mitglieder hin zu überprüfen. Die Prüfung dauert an, ein Ende ist offen.
Analyse von Bastian Obermayer und Uwe Ritzer, Nürnberg

Der ADAC lässt noch immer rubbeln, als wäre nichts gewesen. Dabei hatte Europas größter Automobilclub auf dem Höhepunkt seiner Vertrauenskrise - nach den Manipulationen beim Autopreis Gelber Engel - doch angekündigt, sich von Rubbel- und anderen Gewinnspielen zu verabschieden. Zumindest wenn diese nur einem Zweck dienen: Das Milliardenunternehmen ADAC noch reicher zu machen.

Doch beim Rubbeln ist das nicht so einfach. Etliche Arbeitsplätze, erzählt ein Insider, hängen beim ADAC nämlich daran, genauso wie das hauseigene Reisemagazin, das viele seiner Abonnenten über Gewinnspiele akquiriert, in Fachkreisen "Demenzmarketing" genannt. Und dann sind da noch langfristige Verträge mit Partnerfirmen, die nicht ohne große Einbußen von heute auf morgen gekündigt werden können. Ganz abgesehen davon, dass der Abschied vom Rubbeln intern manchen schwerfällt - schließlich verdient der ADAC damit viel Geld.

So ist es an vielen Stellen im Automobilclub, im Kleinen, wie im Großen: Die 2014 versprochene Runderneuerung kommt nur schleppend voran, wenn überhaupt. In seinen 112 Jahren ist der ADAC zu einem komplexen Gebilde geworden, mit 44 Tochterfirmen und 18 weitgehend autarken Regionalklubs. Mit jährlich mehr als zwei Milliarden Euro Einnahmen aus Mitgliedsbeiträgen und allerhand Geschäften.

Staatsanwaltschaft wird nicht wegen Steuerhinterziehung ermitteln

Der ADAC ist internationaler Konzern und deutscher Verein in einem. Geführt von Managern und ehrenamtlichen Funktionären, die über allem schweben und bei Bedarf das letzte Wort haben. Dieses Geflecht zu entwirren erweist sich in der Praxis schwieriger als erwartet.

So kündigte der ADAC bereits vor einem Jahr an, alle seine 360 Produkte und Leistungen auf ihren Nutzen für die Mitglieder hin zu überprüfen. Die Prüfung dauert noch immer, das Ende ist offen. Ein Internet-Panel, über das sich Mitglieder aktiv in das Vereinsgeschehen einbringen sollen, startet frühestens im Herbst - und schon jetzt heißt es, Umfragen hätten gezeigt, dass kaum ein Mitglied daran Interesse habe. Und was die Compliance angeht, das rechtlich und ethisch korrekte Wirtschaften also, gibt es Widerstand gegen Markls Plan, eine eigens dafür zuständige GmbH zu gründen, die auch die Regionalclubs kontrollieren soll (siehe auch Kasten).

Der ADAC bereitet zwar Reformen vor, die geplante strikte Trennung des Vereins ADAC vom Wirtschaftsunternehmen ADAC kommt aber nicht so recht voran.

(Foto: dpa/ADAC)

Bestes Beispiel für den Reformstau ist die geplante Trennung des Vereins ADAC vom Wirtschaftsunternehmen ADAC, das zu einer Aktiengesellschaft umgewandelt werden soll. Verbunden mit der Gründung einer gemeinnützigen Stiftung, die wiederum mit Hilfe unabhängiger Experten die AG kontrollieren soll. Diese Aufteilung ist das Kernstück der Reform. Die Eckpunkte stehen seit Herbst 2014. Doch die Umsetzung verzögert sich, wie ADAC-Präsident August Markl der Süddeutschen Zeitung sagte: Frühestens 2016 werde es soweit sein. Zu viele Details gebe es noch zu klären, "etwa, welche Bereiche und Aktivitäten künftig dem Verein und welche der AG zugeordnet sind", so Markl. Auch die Gründung der Stiftung gestalte sich komplizierter als erwartet. So müsse der Stiftungszweck sehr genau definiert werden, da das bayerische Stiftungsrecht im Nachhinein keine Änderungen mehr erlaube.

Dabei treibt Markl, der vor gut einem Jahr zunächst kommissarische und später regulär gewählte ADAC-Präsident, die Reformen voran. Unter den 9000 hauptamtlichen Mitarbeitern habe er, der Radiologe im Ruhestand, in Teilen sogar Aufbruchstimmung erzeugt, hört man in der ADAC-Zentrale. Für die ehrenamtlichen Funktionäre gilt dies nicht unbedingt.

Vor allem in einigen der mächtigen, weil rechtlich und wirtschaftlich weitgehend selbständigen Regionalklubs, sitzen Bremser. Sie seien zwar in der Minderheit, sagt ein hochrangiger ADAC-Insider, "aber diese kleine Gruppe agiert geschickt und ist sehr aktiv". Immer wieder fällt dabei der Name Peter Meyer. Markls auf dem Höhepunkt der Krise zurückgetretener Vorgänger ist nach wie vor Chef des größten Regionalklubs Nordrhein und entsprechend mächtig. Meyer weist solche Vorwürfe zurück. Er sei entschiedener Befürworter der Reform, sagt er. Die er im Übrigen auch vorantreiben würde, wäre er noch Präsident.

Auch Markl betont tapfer, er könne "keinen Widerstand gegen unsere gemeinsame Reform erkennen, ganz im Gegenteil". Doch auch die ADAC-Hauptversammlung am Samstag in Bochum wird wohl allenfalls Bekenntnisse, aber keinen echten Reformschub bringen. Obendrein muss Markl fürchten, dass bei der anstehenden Neuwahl dreier Vizepräsidenten nicht nur eifrige Reformer zum Zug kommen und sein Präsidentenjob damit noch schwieriger wird. Immerhin kann er den knapp 200 Delegierten aber eine gute Nachricht verkünden: Die Staatsanwaltschaft München I wird nicht wegen Steuerhinterziehung ermitteln. Ein Anfangsverdacht, der ADAC habe womöglich mehrere hundert Millionen Euro Versicherungssteuer zu wenig bezahlt, habe sich nach einer Prüfung nicht ergeben, heißt es.

Abgesagt

Ein paar Tage in Bochum - da bietet sich der Besuch des Musicals "Starlight Express" an. Das dachten auch ADAC-Funktionäre, die sich an diesem Wochenende zur Hauptversammlung in Bochum treffen. Früher wäre das kein Ding gewesen; im Zweifel hätte der ADAC die Musical-Tickets bezahlt, als Teil des Rahmenprogramms für die Funktionäre und ihre Begleiter(innen). Doch ausgerechnet wegen solcher "Rahmenprogramme" ermittelt gerade die Staatsanwaltschaft gegen Verantwortliche des ADAC-Regionalklubs Nordbayern. Vorsorglich ließ das ADAC-Präsidium daher wissen, dass es für Begleitpersonen keine Kosten übernehme. An die Regionalklubs ging der Wink, dem Beispiel zu folgen. Und das bislang bei Hauptversammlungen übliche Rahmenprogramm wurde gleich ganz abgesagt. Bastian Obermayer und Uwe Ritzer

In einer anderen existenziellen Frage hat der ADAC zudem Zeit gewonnen. Das Registergericht in München verschiebt seine schon länger erwartete Entscheidung darüber, ob der Autoclub seinen Status als Verein behält. Der ADAC habe glaubhaft machen können, "dass ein ernsthafter Reformprozess vor sich geht", so eine Gerichtssprecherin. Das Registergericht wolle daher "abwarten, bis dieser abgeschlossen ist, um auf dieser Grundlage zu entscheiden".

Dabei könnten noch ein paar Jahre ins Land gehen. Viele zentrale Fragen im Zuge der Reform sind nach wie vor ungelöst. Etwa die, welche Vorteile ein ADAC-Mitglied haben soll. Bislang kann es beispielsweise bei Shell günstiger tanken. Markl sagt, es sei bereits "sicher, dass das Vorteilsprogramm gestrafft und näher am ADAC-Markenkern ausgerichtet" werde. Eine interne Marktforschung ergab nach SZ-Informationen, dass eine Mehrheit der Mitglieder auch künftig solche Vorteile haben will. Nur welche? Und in welchem Umfang?

Bislang profitiert nicht nur das Mitglied von Kooperationen wie der mit Shell, sondern auch der ADAC selbst. Über Provisionen kassiert der mit, wie Markl nun erstmals indirekt einräumte. Man werde "Preisvorteile noch umfassender" an Mitglieder weitergeben und "die Gewinnerzielungsabsicht des ADAC künftig hintenanstellen", sagte er. Das klingt anders als bei seinem Vorgänger Peter Meyer. Der hatte voriges Jahr in der ARD-Talkshow Günther Jauch noch bestritten, dass der ADAC vom Shell-Deal finanziell profitiert.

Gekostet hat die Krise den ADAC nicht nur viel Geld für externe Berater, sondern auch Mitglieder. Aktuell gehören dem Automobilclub etwas weniger als 19 Millionen Menschen an. Das sind so viele wie vor einem Jahr, Ein- und Austritte hielten sich die Waage. In den Jahren zuvor hatte der ADAC jedoch jeweils um netto eine halbe Million Mitglieder zugelegt.

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