19. Januar 2017, 18:53 SZ-Serie: Die neue soziale Frage, Folge 10 Der Absturz lässt sich stoppen

Falls die Computer und Maschinen die Jobs fressen, stehen Arbeitnehmer vor dem Nichts. War's das dann? Nein. Fünf Möglichkeiten, darauf zu reagieren.

Von Alexander Hagelüken

Das alte Jahr endete gerade, da schickte Foxconn eine Nachricht aus der Zukunft. Der Hersteller von Apples iPhones meldete, in seinen Fabriken werkelten jetzt 40 000 Roboter. Am Ende will der Konzern, der auch für Intel oder Sony fertigt, die Produktion vollautomatisieren. Bisher beschäftigte er 1,3 Millionen Menschen. Vernichtet die Digitalisierung Millionen Jobs? Ohne, dass wie bisher in der Geschichte ausreichend neue entstehen? Niemand weiß es. "Bisher scheinen wir die Digitalisierung am Arbeitsmarkt sehr gut zu verkraften", sagt der Wirtschaftsweise Peter Bofinger. Es gibt auch sehr pessimistische Prognosen. Daher lohnt es für jede Gesellschaft, Antworten für den Fall zu sondieren, dass Menschen künftig viel weniger Stellen finden.

Kürzer arbeiten

Seit der Industrialisierung sinkt die Belastung: von einst 80 auf unter 40 Stunden. Der deutsche Beschäftigungsrekord resultiert auch daher, dass die Beschäftigten im Schnitt sechs Prozent kürzer tätig sind als im Jahr 2000. Lässt sich die Arbeitszeit weiter verkürzen, wenn mehr und mehr die Maschinen übernehmen? "Technischer Fortschritt erhöht die Produktivität, dies müsste in Form kürzerer Arbeitszeit und höherer Löhne bei den Mitarbeitern ankommen", skizziert Bofinger. Die Frage ist, ob die Löhne wirklich steigen, wenn Menschen in Konkurrenz zu Maschinen stehen. Oder ob dies ihre Bezahlung drückt. Wenn der Ertrag der Maschinen vorrangig in die Taschen ihrer Besitzer fließt, stehen die Arbeitnehmer mit zu wenig Lohn da.

Die Basis absichern

Und wenn jeder Erwachsene einfach ein Grundeinkommen auf sein Konto bekommt, ohne Bedingungen? Inzwischen machen sich neben den linken Initiatoren auch US-Tech-Millionäre und Dax-Chefs für diese Idee stark. Jeden abzusichern, egal ob er eine Arbeit findet, hat ja auch großen Charme. Keiner müsste in die Armut rutschen. Und das Ganze klingt im Vergleich zu all den komplexen heutigen Sozialstaatsregeln herrlich einfach, was die Popularität fördert.

Roboter bearbeiten einen Daihatsu in einer japanischen Fabrik. Menschliche Arbeitskräfte werden hier nicht benötigt.

(Foto: Kiyoshi Ota/Bloomberg)

Dann beginnen die Fragen: Wie viel? Die 560 Euro, die beim Modellversuch in Finnland an Arbeitslose fließen, werden vielen Menschen zu wenig sein. Für 1200 bis 1400 Euro, die ebenso im Gespräch sind, gilt dies womöglich auch, allemal, wenn davon Kinder satt werden müssen. 1400 Euro entsprechen dem, was in Deutschland mit Mindestlohn zu verdienen ist. Brutto. Wer macht noch solche Jobs, wenn er das Geld auch so kriegt, und ist das Grundeinkommen finanzierbar, wenn es sehr viele in Anspruch nehmen? Ist es überhaupt finanzierbar? Wie stehen die Bezieher der Grundeinkommens da, wenn jene Steuerzahler, die es finanzieren, politisch eine Abschaffung durchsetzen?

Mehr umverteilen

Ökonom Bofinger sieht beim Grundeinkommen zu viele Fragen. Er schlägt vor, lieber im geltenden System zu bleiben. Und das Geld stärker von oben nach unten umzuverteilen, von den Firmenbesitzern und Multiaktionären zu Normalbürgern. "Der richtige Weg wäre, die Unternehmensgewinne zu besteuern und die Einnahmen der Allgemeinheit zukommen zu lassen". Wer durch kürzere Arbeitszeit und geringen Lohn nur noch wenig verdient, könnte trotzdem damit klarkommen, wenn er weniger Sozialabgaben zahlen muss und einen staatlichen Aufschlag erhält, praktisch eine negative Steuer. Zielgenaue soziale Leistungen wie das Wohngeld für Mieter würden zusätzlich helfen.

Doch Umverteilung muss politisch durchgesetzt werden. Firmen - und Kapitalbesitzer - entziehen sich in der globalen Welt gerne der Besteuerung. Während die Flucht der Anleger durch konzertierte Attacken auf Steueroasen wie die Schweiz verringert wurde, üben Konzerne direkt Macht aus: Apple weiß bei ihrem Ziel, in Europa wenig von seinen Gewinnen abzugeben, die irische Regierung hinter sich. Erhöht ein Land die Steuern im Alleingang, erhöht es den Anreiz, Geld außer Landes zu bringen. Nötig wäre internationale Kooperation etwa mit Mindestsätzen, die eine Firma oder ein Anleger zahlen muss - schwierig, wie die Ankündigungen aus Großbritannien und den USA zeigen, Steuern zu senken.

Wie die Digitalisierung die Gesellschaft trennt: SZ-Serie - Teil 13

Aktien für alle

Radikaler als klassische Umverteilung wäre es, kapitalistische Mechanismen für alle Bürger nutzbar zu machen. Derzeit besitzen nur zehn Prozent aller Deutscher Aktien. Wenn Maschinen die Wertschöpfung übernehmen, profitieren vorwiegend Einzelunternehmer und Anteilseigner, also eine kleine Minderheit der Bevölkerung. Und wenn einfach alle Bürger an den Gewinnen der Firmen beteiligt werden, etwa durch Aktienbesitz? Das wäre eine Art Kommunismus, aber in kapitalistischem Gewand, ohne die Ineffizienzen der Plan- und Kommandowirtschaft. Wenn alle Aktien haben, kann die Digitalisierung so viel menschliche Arbeit vernichten, wie sie will - es verdienen trotzdem alle genug. Und anders als ein Grundeinkommen oder Sozialleistungen ist Aktienbesitz Eigentum. Niemand kann es einem wegnehmen, staatliche Almosen dagegen schon.

Auch dieser Plan ist einfach - und wirft Fragen auf. Wenn die Arbeitnehmer nur an ihrem Arbeitgeber beteiligt sind, drohen sie mit dem Job ihr Geld zu verlieren, wenn die Firma pleite geht. Notwendig wäre eine breite Beteiligung an vielen Unternehmen. Und wie kommen die Menschen an die Aktien? Die meisten besitzen so geringe Ersparnisse, dass sie Zuschüsse vom Staat bräuchten, die dieser finanzieren muss. Die heutigen Kapitalbesitzer müssten auf einiges verzichten. Wenn einfach nur die Zahl der Aktien erhöht wird, sinkt ja der Wert der einzelnen Anteile.

Soziale Tätigkeiten aufwerten

Viele Denker sind der Meinung, es werde künftig auf keinen Fall zu wenig Beschäftigung geben. Sie argumentieren, die Menschen brauchten im digitalen Zeitalter mehr und eine ganz andere Bildung - also mehr Kindergärtner, Lehrer und Weiterbildner. Eine alternde Gesellschaft benötige mehr Pfleger und Betreuer der häufig einsam Alternden. Und mehr psychologische oder soziale Beratung verbessere das Leben der Menschen genauso wie Maler, Musiker oder Literaten. Am nackten Markt aber erzielen diese Leistungen häufig nur überschaubare Einkommen. Der Staat könnte sie durch Zuschüsse aufwerten und so Beschäftigung schaffen - wenn er die nötige Finanzierung geregelt kriegt.