Tattoo-Ritual in Thailand Spirituelles Stechen

In Thailand haben Tattoos mit Spiritualiät zu tun, weniger mit Körperkult.

(Foto: Jorge Silva/Reuters)

Angelina Jolie ist keine Ausnahme: Menschen aus aller Welt kommen nach Thailand, um sich sakrale Sak-Yant-Motive tätowieren zu lassen. Ein Besuch im Tempel.

Von Arne Perras, Bang Phra/Thailand

Noch sitzt der Mann ganz ruhig auf dem Boden, er weiß nicht, wann es kommt. Aber irgendwann packt es ihn. Ple Rattanasak wird aufspringen, losrennen - und wehe, es ist keiner da, um ihn einzufangen. Er braucht einen Menschen, der ihn festhält und am Ohrläppchen massiert, damit er wieder zu sich kommt.

Manche werden an diesem Morgen zum Tiger, andere machen den Bullen, wieder andere mutieren zu Schildkröten, Schlangen, Geckos. Es tragen sich seltsame Dinge zu auf dem Hof des buddhistischen Klosters Bang Phra westlich von Bangkok. Warum bewegen sich Menschen hier wie wilde Tiere und stoßen schauerliche Laute aus? Und was hat das mit Angelina Jolie und Brad Pitt zu tun, die sich im fernen Kalifornien scheiden lassen wollen?

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Der Träger des Tattoos muss Regeln befolgen, erst dann entfaltet es seine Kraft

Zunächst zu den Betenden: Sie können selbst kaum erklären, was mit ihnen geschieht. Die Mönche sagen, es ist die Kraft der Tattoos. Wer sich hier am Morgen des 11. März zur Zeremonie "Wai Khru" versammelt, trägt heilige Tinte unter der Haut. "Sak Yant", magische Zeichen. Sie haben ihre Tattoos in diesem Tempel bekommen, durch die Hand der Mönche, die oft selbst den Körper voller Sak Yant haben. Und einmal im Jahr kommen die Tattoo-Jünger zusammen, um ihren Meister zu ehren, den verstorbenen Abt Luang Pho Poen.

Auf dem Platz sitzen etwa 10 000 Menschen. Sie sollten versuchen zu meditieren, ruft ein Geistlicher über Lautsprecher, dann könnten sie es schaffen, sitzen zu bleiben. Der Büroangestellte Rattanasak hört den Rat, aber es ist nicht so einfach. Viele schaffen es nicht, irgendwann fallen sie unter der stechenden Sonne in Trance. Und haben sich nicht mehr im Griff.

Lärm am linken Rand: Dort sitzt ein hagerer Mann im grünen Polohemd, dem jetzt ein tiefes Grollen aus der Brust rollt. Er reißt die Augen auf, fletscht die Zähne, schnaubt und brüllt. Blitzartig ist er auf die Beine gesprungen. Dann rast er los, die Sitzenden ducken sich zur Seite, machen eine Gasse. Er rennt, stolpert, rappelt sich hoch. Er steuert auf die Mönchsstatue zu, die vorne im Pavillon steht. Sie ehrt den Meister Luang Pho Poen. Es ist, als ziehe die Skulptur seine Jünger magnetisch an. Bevor der Mann in die Mauer kracht, fangen ihn Helfer gerade noch ab. Fünf kräftige Männer halten ihn fest, einer reibt an seinem Ohrläppchen. Und schon ist der Rasende wie ausgewechselt. Mit hängendem Kopf trottet er zurück an seinen Platz.

"Ich fühle eine große Erschöpfung", sagt der Büroangestellte Rattanasak, nachdem auch er seinen Lauf überstanden hat. "Es ist der Tiger auf meiner Brust." Er spüre einen Drang, den er nicht kontrollieren könne. Ähnlich beschreibt es Chotirat Dansakun. Der Friseurin wäre es lieber, sie fiele nicht in Trance. Aber sie will ihre Tattoos nicht missen. Sie erzählt von zwei Unfällen, die sie unverletzt überstanden hat - wegen der Zeichnungen auf der Haut, so glaubt sie: "Mein Leben hat sich durch die Tattoos verändert. Ich bete mehr. Und ich erschlage nicht mal eine Mücke."

Weihwasserdusche um 9.39 Uhr

Nicht jeder, der ein Sak Yant auf der Haut trägt, wird im Tempel zum Tier. Die meisten sitzen ruhig am Boden und meditieren. Später beten sie mit den Mönchen und warten auf das Weihwasser, das die Geistlichen um 9.39 Uhr aus Schläuchen über der Menge versprühen. Die 9 gilt den Buddhisten als magische Zahl. Gleichwohl führt es in die Irre, von "buddhistischen Tattoos" zu sprechen. Sak Yant verbindet viele spirituelle Elemente, das Tattoo ist Ausdruck einer komplizierten Glaubenswelt, in der sich animistischer Geisterkult mit brahmanischen, hinduistischen und buddhistischen Einflüssen mischt. Die Wurzeln der spirituellen Kunst reichen Tausende Jahre zurück. Nun erlebt sie eine neue Blüte. Und das nicht nur in Thailand. Sakrale Tattoos sind weltweit populär, was man schon daran erkennt, dass sich auch Touristen Sak Yant stechen lassen.

Für den Betrachter liegt der ästhetische Reiz nicht selten in der Kombination von geometrischen Formen, alten Buchstaben und detaillierten Tierdarstellungen. Die Meister allerdings sagen, dass ein Sak Yant nur seine Kraft entfaltet, wenn es zeremoniell durch passende Rituale "aktiviert" wird, etwa durch Gebete. Am wichtigsten sei, dass der Träger des Tattoos bestimmte Regeln einhält, um ein guter Mensch zu sein. Wer es nur zu dekorativen Zwecken wählt, verfehlt demnach den spirituellen Zweck der Tinte.

So setzt sich das sakrale Sak Yant stark ab vom Trend im säkularisierten Westen, wo Tattoos nahezu alles bedeuten können. Vor allem sind sie Hautschmuck und Pose. Körperzeichnungen werden insgesamt immer populärer, doch unterliegen sie stark der Mode. Häufig dienen sie dem Körperkult oder der Selbstdarstellung, angeregt durch Profi-Fußballer oder Musikstars, die ihre Tattoos in der Öffentlichkeit zelebrieren. Wer Sak Yant in die westliche Kultur importiert, verwandelt die religiös aufgeladenen Zeichen. Eine als exotisch empfundene Ästhetik löst dann den spirituellen Gehalt ab.