Stilblog Modezirkus: Krawatten Hinfort mit dem Krawatten-Konservatismus

Mehr Mut zu neuen Materialien: Strickkrawatten sind eine Alternative zur klassischen Seide.

Hemd: Eton, Krawatte: Boss.

(Foto: Daniel Hofer)

Achtziger schmal, Neunziger breit, dann wieder schmal: Die Krawattenmode ändert sich nur im Rhythmus der Jahrzehnte. "Der deutsche Mann ist schwer von etwas Neuem zu überzeugen", sagt Stilberater Bernhard Roetzel. Ein paar Tipps für mehr Innovation im Kleiderschrank.

Von Oliver Klasen

Wären die Adligen am Hofe des französischen Königs damals, Mitte des 17. Jahrhunderts, in Modedingen ähnlich konservativ gewesen wie der deutsche Mann heute, hätte sich die Krawatte wohl niemals durchgesetzt. Denn der deutsche Mann, sagt Stilberater Bernhard Roetzel, sei "schwer von etwas Neuem zu überzeugen". Das gelte inbesondere und erst recht für die Krawatte.

Deshalb bindet der deutsche Mann seine Krawatte noch immer auf die Art, wie es unsere Großväter annodazumal gelernt haben. Deshalb hat er einen gewaltigen Respekt davor, neue Stoffe und Materialien auszuprobieren. Und deshalb ändert sich die Krawattenmode - jedenfalls die Mode, die dann wirklich in den Läden ankommt, nur im Jahrzehnte-Rhythmus: Fünfziger breit, Sechziger schmal, Siebziger breit, Achtziger schmal, Neunziger breit, nach dem Jahr 2000 schmal und inzwischen wieder langsam breiter werdend - so die bundesrepublikanische Krawattengeschichte in Kurzform.

Mutiger sein und offener für neue modische Anregungen, das empfiehlt Stilberater Roetzel. So wie damals am Hofe in Paris. 1635, Frankreich war gerade in den Dreißigjährigen Krieg eingetreten, da kamen der Legende nach etwa 6000 kroatische Söldner, um die französische Armee zu unterstützen. Die Kroaten trugen zu ihrer Uniform ein um den Hals geknotetes Tuch, dessen Enden bis auf Brusthöhe reichten - den Vorläufer der heutigen Krawatte. Die Mitglieder des französischen Hofstaats, die sich eine gewisse Arroganz und Distinguiertheit durchaus erlauben konnten, waren zunächst skeptisch, übernahmen das Accessoire dann aber doch und nannten es "à la cravate", frei übersetzt: auf kroatische Art. Den Ausschlag gab eine Parade im Jahr 1663 vor dem damals noch im Bau befindlichen Schloss Versailles, bei der auch ein kroatisches Reiterregiment aufmarschierte. Ludwig XIV., der Sonnenkönig, soll begeistert gewesen sein und beschäftigte fortan sogar einen eigenen Cravatier.

Für schier ewige Zeiten waren danach die Regeln klar: Der Adel trug Seidenkrawatten, die Proletarier nur Baumwolle. Doch als im späten 19. Jahrhundert verschiedene Bindetechniken aufkamen, begann eine Ära der Unsicherheit, die im Grunde bis heute anhält. Diese Unsicherheit ist vielleicht gerade deshalb so groß, weil inzwischen eine neue Freiheit herrscht. In immer weniger Berufen ist die Krawatte ein Muss. Firmen und Redaktionen lassen sich auch im Kapuzenpulli leiten, selbst zu Vorstellungsgesprächen reicht heute teilweise ein ordentliches Hemd. Im Bundestag wurde der Krawattenzwang für Schriftführer im Frühjahr abgeschafft.

Die Krawatte ist heute von der lästigen Pflicht zum modischen Statement geworden - und das wirft Fragen auf: Welcher Knoten ist der beste? Aus welchem Stoff sollte eine Krawatte sein? Welche Muster lassen sich wie mit Hemd und Anzugsakko kombinieren? Gerade modisch weniger versierte Herren stellt das vor Herausforderungen. Fünf grundsätzliche Tipps.

Die Krawatte der Figur anpassen: Der wichtigste Tipp, den Stilberater Roetzel gibt, ist sehr beruhigend: "Achten Sie bei der Krawattenwahl in erster Linie auf ihre persönlichen Proportionen und erst in zweiter Linie auf die Mode." Wichtig sei, dass die Krawatte zur Breite des Revers, also dem nach außen geschlagenen, oberen Teil am Sakko passe. Schmales Revers, schmale Krawatte und umgekehrt. "Der derzeit noch angesagte Slim Fit funktioniert nur bei schmalen und schlanken Typen wirklich gut", sagt Roetzel.

Weniger ist mehr: Muster sind bei Krawatten nicht mehr so wichtig wie früher. Der Trend geht zur Einfarbigkeit, sodass die Krawatte den Ruhepol des Outfits bildet.

Hemd: Eton, Krawatte: Olymp.

(Foto: Daniel Hofer)

Windsor ist out: Warum halten so viele Männer in Deutschland noch immer am Windsor-Knoten fest, die vor allem in den Fünfziger- und Sechzigerjahren gebräuchlich war? Der einzige Vorteil des Windsor, so Roetzel, sei, das er sich nicht lockere. Ansonsten aber weiß er wenig Positives an dem altmodischen Knoten zu finden: "Macht einen viel zu dicken Knoten, sehr V-förmig und breit, so dass der Hals gedrungen wirkt". Viel vorteilhafter sei dagegen der sogenannte Four-in-Hand-Knoten, der auch einfacher zu binden sei (hier eine Kurzanleitung). Kleineren Männern unter 1,75 Meter hilft vielleicht der sogenannte Prinz-Albert-Knoten. Er verbraucht relativ viel Stoff und eine eigentlich zu lange Krawatte erscheint so etwas kürzer. "Die Krawatte sitzt dann richtig, wenn sie ungefähr am Hosenbund abschließt", sagt Roetzel.

Mehr Strick wagen: Bisher ist bei den meisten Herren die Seidenkrawatte das Maß aller Dinge. Doch Stilberater Roetzel rät: "Es darf auch mal eine Strick- oder Wollkrawatte sein". Gerade bei einfarbigen Exemplaren wirke das sehr elegant, aber schaffe trotzdem Abwechslung.

Die Krawatte als Ruhepol: 1924 erhielt die Krawatte ihre heutige Grundform. Damals meldete der New Yorker Schneider Jesse Langsdorf ein Patent an, nach dem der Stoff für die Krawatten diagonal zur Webrichtung verarbeitet wird. Vielleicht war es Langsdorf, der den Anstoß für die folgende Entwicklung gab: Das diagonale Muster wurde von Krawattendesignern vielfach aufgegriffen. Die zweifarbig diagonal, breitgestreifte Krawatte etablierte sich in den folgenden Jahrzehnten zum Klassiker, wie ihn zahlreiche Büromenschen tragen, wenn sie nichts falsch machen wollen. Allerdings geht der Trend bei den Krawatten zur Einfarbigkeit und zur Reduktion. "Muster bei Krawatten gehen in ihrer Bedeutung zurück", sagt Roetzel. Der Akzent könne, gerade im derzeit angesagten maritim-amerikanischen Stil auch vom Hemd oder von einem Sakko mit Gitterkaros ausgehen, während die Krawatte den Ruhepol des Arrangements bilde.

Spiel mit Blau- und Grüntönen: Farben des Meeres sind eine gute Inspirationsquelle im Krawattendesign.

Hemd und Krawatte: Eton.

(Foto: Daniel Hofer)

Das neue Dunkelblau: Blau war immer schon eine wichtige Farbe in der Herrenmode, sowohl für Hemden als auch für Krawatten. Das gilt nach wie vor, jedoch werden Variationen des klassischen Marineblaus immer wichtiger. Stilberater Roetzel spricht von den Farben des Meeres, von einem Türkis und von einem "süditalienischen Blau", wie es dem im vergangenen Jahr verstorbenen Designer Sergio Loro Piana vorgeschwebt haben mag, als er an die ligurische Küste dachte.

Der Gentleman
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Bernhard Roetzel, 48, ist Autor diverser Bücher über den Gentleman und gibt Herren Tipps für die perfekte Garderobe.

Produktionshilfe

Die Fotos in diesem Blog sind mit freundlicher Unterstützung und in den Räumlichkeiten von Oberpollinger München entstanden.