Restaurantführer Michelin startet Onlineportal Ein Stern, der deinen Namen trägt

Die angeschlagene französische Feinschmecker-Bibel "Guide Michelin" wagt eine Innovation: Auf einem Internet-Portal können Restaurantbesucher künftig selbst Bewertungen über Gourmet-Gastronomien abgeben. Die professionellen Kritiker sind empört - sie fürchten einen Angriff auf den guten Geschmack.

Von Michael Kläsgen, Paris

Selten hat eine Internetseite, die es noch gar nicht gibt, so viel Aufregung verursacht. Einerseits ist das verständlich, denn es geht ums Essen. Und da verstehen Franzosen wenig Spaß - was ihre Stärke ist. Andererseits geht es auch um eine kleine technologische Innovation namens Internet, die in den vergangenen Jahren so manche Grundfesten selbst traditionsbeflissener Feinschmecker erschütterte.

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(Foto: SZ-Graphik: Hannah Eiden)

Der Leidtragende dieser Entwicklung war der weltberühmte Guide Michelin, seit mehr als 100 Jahren Frankreichs Gourmet-Bibel und angeblich einmal das meistverkaufte Buch des Landes. Aber das ist lang her. Binnen eines Jahrzehnts sank die Auflage des nach der Einbandfarbe benannten "Guide Rouge" von immerhin noch stolzen 500.000 pro Jahr auf gut 100.000 Exemplare 2010.

Danach stellte Michelin die Kommunikation über den unaufhaltsamen Niedergang ein. Inoffiziell aber ist bekannt, dass der Konzern mit seinen Reifen zwar Milliarden verdient, mit dem Standardwerk aber Geld verliert. Lange haben die Oberen in dem Familienunternehmen aus Clermont-Ferrand darüber nachgesonnen, wie sie ihrem Roten Führer neues Leben einhauchen können. Schließlich entschieden sie sich für das Naheliegende, auch wenn es widersprüchlich erscheint: Die Offensive im Internet soll die Wende bringen.

Restaurantbesucher kommentieren, wie es ihnen geschmeckt hat

Am kommenden Dienstag ist es so weit. Dann stellt Michelin zwar nicht den Roten Führer ins Netz, wagt aber selbst eine Online-Innovation. Jeder Restaurantbesucher darf dann kommentieren, wie es ihm denn so in dem von Michelin empfohlenen Restaurant geschmeckt hat. Natürlich will Michelin dafür Sorge tragen, dass die selbst ernannten Kritiker auch tatsächlich in der inspizierten Gaststube gespeist haben. Und allzu Unflätiges darf über den Koch oder die Menus auch nicht verbreitet werden. Insofern herrscht wie in anderen Online-Foren zwar keine Zensur, aber doch das Bemühen um den guten Ton.

Trotzdem ist das Haus ob dieser Neuerung tief gespalten. Für die Befürworter handelt es sich dabei um eine Selbstverständlichkeit im meinungsfreudigen Kommunikations-Zeitalter von Twitter, Facebook und Co. Die Tempelwächter der Hardcover-Version halten die Innovation hingegen für einen Angriff auf den guten Geschmack der etwa 100 streng anonymen "Inspektoren", die inkognito durch die Welt reisen, um den Köchen streng auf den Teller zu schielen. Zumindest eines steht fest: Das Urteil der cäsarengleichen Sterne-Verteiler wird relativiert. Kritiker sagen: verwässert, wie guter Wein mit Sprudel.

Fotos, Speisekarte und ein Grußwort des Küchenchefs

Einen noch viel größeren Keil treibt zwischen Traditionalisten und Modernisierer im Hause Michelin aber eine weitere Netz-Idee: Jeder Restaurantbetreiber darf sich von kommender Woche an kostenlos auf der Michelin-Seite eintragen. Obendrein wollen die Marketing- Strategen bezahlte Anzeigen für 69 Euro im Monat zulassen. Ein Tabu-Bruch für die Tempelwächter des Roten Führers. Denn fortan kann jede bessere Dönerbude per Inserat ihre Köstlichkeiten auf der Online-Version des hochheiligen Restaurantführers anpreisen, mit bis zu zehn Fotos, Speisekarte und einem Grußwort des Küchenchefs.

Pessimisten prophezeien den nahen Tod der papierenen Feinschmecker-Bibel. Michelin sieht den Webauftritt nur als Test-Ballon, den man notfalls wieder platzen lassen kann, wenn er den Gourmets im Hals stecken bleibt.