Wo Kunsthandwerk auf Kitsch trifft

Old Spitalfields Market in London /
Von Lena Jakat
/ Veröffentlicht am , im Stilblog London

Viktorianische Fassaden, Stahl und Glas: Der Old Spitalfields Market im Londonder Osten ist eine der Touristenattraktionen der Stadt.

(Foto: Lena Jakat)

Für zwei Monate hat Süddeutsche.de-Autorin Lena Jakat ihren Schreibtisch in München mit einem in London getauscht. Der steht in der Redaktion des Guardian, ist allerdings auch bisweilen verwaist. Denn vor dem Fenster lockt die Metropole, mit verrückter Mode, schrillen Persönlichkeiten und allerlei spannenden Ecken. Ihre Eindrücke veröffentlicht sie in diesem Blog.

Der Zwiebelgeruch sticht in der Nase, eine Reihe weiter duftet es bereits nach Zitrusfrüchten. Es ist noch dunkel - und laut: Die Händler werben mit lauten Schreien um die Aufmerksamkeit der Gemüseladenbesitzer und Restauranteinkäufer.

Szenen wie diese sind vor 20 Jahren von dem Gelände an der Londoner Commercial Street weggezogen, weiter nach draußen, an den Rand der Stadt. Der Old Spitalfields Market, bis 1991 einer der größten Obst- und Gemüsegroßmärkte Europas, ist heute eine Touristenattraktion aus viktorianischen Fassaden, Stahl und Glas. Statt Orangen und Paprika gibt es dort Kleinkinder-Tutus und Kleidchen mit Schwalben-Print zu kaufen.

Wer zwischen den Marktständen hindurchschlendert, wird viel Massenware entdecken, die es so oder so ähnlich auf vielen Märkten im hippen Osten der britischen Hauptstadt zu kaufen gibt. Wer erleben will, was der Old Spitalfields Market in Reiseführern und auf seiner Webseite verspricht ("the perfect shopping destination"), muss am dritten Samstag des Monats kommen. Dann mischen sich aufstrebende Schmuckdesigner, Keramikkünstler und andere Kreative unter die Verkäufer beliebiger Massenware.

Bunte Sattelhauben, hergestellt von Häftlingen

Da ist zum Beispiel Adam Harvey, der London eigentlich gar nicht so sehr mag. Er ist nur deswegen aus dem walisischen Hay-on-Wye angereist, um seine mit Collagen aus dem Porträt einer unbekannten Dame bedruckten Vasen unter die Leute zu bringen. "Danach geht es auf große Europa-Tour", sagt der Künstler. Schnell lässt er sich noch ein paar Tipps für Deutschland geben. Berlin natürlich, wohin sonst?

Von Häftlingen in Handarbeit erstellt: Anouk Patel aus Barcelona verkauft an ihrem Stand bunte Sattelhauben, die neben dem modisch-praktischen auch einen sozialen Zweck erfüllen.

(Foto: Lena Jakat)

Anouk Patel ist aus Barcelona nach London geflogen, nur für das Wochenende, um Kontakte zu knüpfen, und ihre Produkte bekannt zu machen. Sie näht bunte Sattelhauben - zusammen mit Häftlingen. "Menschen, die ihr Leben ändern wollen", wie Patel sagt.

Mindestens seit dem 17. Jahrhundert wird an diesem Ort ein Markt abgehalten. 1682 erlaubte Charles I. einem Seidenspinner namens John Balch den Verkauf von Fleisch, Geflügel und Gemüse. Von Anfang an wurde auf dem Gelände in Spitalfields - benannt nach dem Krankenhaus, das dort im zwölften Jahrhundert gegründet wurde - eine bunte Mischung von Waren angeboten.

Denn seit jeher zieht die Gegend, die heute vor den Toren der früheren Stadtgrenze im Bezirk Tower Hamlets liegt, Einwanderer an. Im 18. Jahrhundert kamen Hugenotten und Iren, im 19. Juden aus Osteuropa. Heute prägen kulturelle Einflüsse aus Bangladesch, Indien und Pakistan die Straßen und Gassen nahe des Marktes.

Yvonne Ellen kommt jeden Monat mit einer Freundin hierher, um Vintage-Geschirr zu verkaufen, das sie mit fröhlichen Comic-Eulen verschönert. "Ich habe früher altes Geschirr gesammelt", erzählt sie, "das wurde mir irgendwann zu langweilig." Nun malt sie nach Feierabend beim Fernsehen Eulen auf gepunktete Tassen.

Ein paar Stände weiter verkauft Clare Tomlinson Kinder-T-Shirts, die erst noch bemalt werden sollen - sie sind mit Tafelfarbe bedruckt und werden mit bunter Kreide geliefert. Am Sonntag zieht Tomlinson wie viele der anderen Händler ein paar Straßen weiter in die alte Truman-Brauerei an der Brick Lane. Dort wird in einer großen Halle jede Woche der Up-Market abgehalten, in dessen Verkaufsgassen ebenfalls junge Kreative ihre Ware anbieten. Allerdings ist dort das Gedränge mitunter weitaus dichter.

Als auf dem Old Spitalfields Market noch Federvieh verkauft wurde, flossen aus den Kesseln der Truman-Brauerei bis zu 320.000 Hektoliter Bier pro Jahr. Fast ein Jahrhundert dauerte die Krise des Standorts, bis die Brauerei 1988 endgültig die Produktion einstellte. Kulinarisch hat das Gelände jedoch noch heute durchaus Schmackhaftes zu bieten. Auf der dem Up-Market gegenüberliegenden Straßenseite locken Stände mit Spezialitäten aus allen Winkeln der Erde.