Natur in der Mode Mit giftigen Grüßen

Achtung, toxisch: Mit diesem Catwalk auf vergifteten Feldern von Java prangerte Greenpeace 2015 die Modeindustrie an.

(Foto: Greenpeace/Hati Kecil Visua)

Eine Londoner Ausstellung zeigt, wie viel Natur in der Mode steckt - und dass die Textilbranche endlich auf Umweltschutz setzen muss

Von Tanja Rest

Am "Black Friday" 2011 erschien in der New York Times eine Anzeige der Outdoor-Marke Patagonia. Der Freitag nach Thanksgiving eröffnet in den USA traditionell das Weihnachtsshopping, und Patagonia zeigte folgerichtig seinen Bestseller her, die Fleecejacke R2. Über der Jacke stand: "Don't Buy This Jacket". Das hätte ein netter kleiner Marketing-Gag sein können, wenn der Begleittext nicht ein paar Informationen aufgelistet hätte, die sehr dafür sprachen, die Jacke tatsächlich nicht zu kaufen. Bei der Herstellung der R2 seien 135 Liter Wasser verbraucht worden, ihr Transport von der Fabrik bis ins Warenhaus habe zwei Drittel ihres Eigengewichts in Müll zurückgelassen und neun Kilogramm Kohlendioxid erzeugt. Fazit: "Kaufen Sie nicht, was Sie nicht brauchen."

Die Textilindustrie gehört zu den fünf größten Umweltverschmutzern der Welt. Für jeden, der die Mode liebt und gerne einkauft, ist das eine ganz schön bittere Pille - und erst recht, wenn man sie von den Kuratoren des Londoner Victoria & Albert Museums verabreicht bekommt, die sich bekanntlich hervorragend auf ihr Handwerk verstehen. "Fashioned from Nature" heißt die aktuelle Ausstellung (bis zum 27. Januar 2019), sie beschreibt den Zusammenhang zwischen Mode und Umwelt.

Es geht im ersten Saal noch ganz malerisch los: Anhand von Roben und Accessoires aus vier Jahrhunderten wird aufgezeigt, welche Elemente der Natur entnommen sind. Denn sie lieferte dem Menschen für seine Kleider ja nicht nur die Stoffe wie Baumwolle, Wolle und Seide, sondern auch so skurrile Details wie Käferflügel als Pailletten oder echte Vogelköpfchen als Ohrringe. Dann ist da noch die Ornamentik: Es gibt Muster und Stickereien in dieser Ausstellung, die so präzise gearbeitet sind, dass man ein Bestimmungsbuch bräuchte, um all die Blumen, Farne, Insekten und herumschwirrenden Piepmätze zu identifizieren. Lange bevor der Umweltgedanke geboren wurde, zeigt sich in diesen Kleidern eine tiefe Achtung vor der Schöpfung - auch, weil sie erkennbar für ein ganzes Leben gearbeitet sind.

Design von Stella McCartney, die sich für nachhaltige Mode engagiert.

(Foto: Stella McCartney)

Nun natürlich die Frage, was der Mensch der Natur zurückgibt, nachdem er sich so großzügig bei ihr bedient hat. Damit ist man im zweiten Saal, dessen Exponate nur knapp drei Jahrzehnte umspannen, von 1990 bis heute. Diese kurze Zeitspanne hat genügt, um die Mode komplett umzukrempeln, sie global, schnell und grell zu machen. Der westliche Durchschnittskunde kauft heute 60 Prozent mehr Kleidung als vor 15 Jahren und behält sie halb so lange. Sie ist ihm erkennbar nichts mehr wert. Eine Jeans kostet beim Dumpingpreis-Anbieter Primark aktuell elf Euro, das ist ein Witz, wenn man es mit den Kosten für die Umwelt gegenrechnet.

120 Millionen Bäume werden jedes Jahr gefällt, um Zellulose für Stoffe zu gewinnen. Sechs Trillionen Liter Wasser werden jedes Jahr verbraucht, um Kleider zu färben. In einem einzigen Kleidungsstück stecken heute bis zu 8000 Chemikalien, von denen viele in die Umwelt gelangen. Mode kostet und vergiftet unvorstellbare Mengen an Wasser, belastet die Ozeane und die Atmosphäre und versklavt Menschen - um eine Saison lang getragen und dann weggeworfen zu werden, oft hängt das Preisschild sogar noch dran. 8,4 Millionen Tonnen Textilmüll werden in Europa jedes Jahr verbrannt oder vergraben, das sind 18 Kilogramm pro Kopf. Der große Naturforscher Sir David Attenborough hat es ganz gut auf den Punkt gebracht: "Jeder, der an unendliches Wachstum auf einem endlichen Planeten glaubt, ist entweder verrückt oder in der Wirtschaft."

Die Natur gibt's, der Mensch nimmt's: Ohrringe mit echten Türkisvögeln, um 1875.

(Foto: Victoria and Albert Museum, London)

Zurück zu Patagonias R2 und der Aufforderung, die Jacke nicht zu kaufen, wenn man sie nicht wirklich brauche. Offenbar war das Management überzeugt, mit dieser Botschaft Menschen zu erreichen. Und das ist die gute Nachricht: Dass es in der Mode inzwischen nicht nur zwei Geschwindigkeiten gibt, sondern dass die Branche und ihre Klientel den Wert von Slow Fashion immer mehr zu schätzen wissen. "Nachhaltiges Business ist gutes Business" - das hat vor Kurzem nicht irgendein Nischen-Idealist gesagt, der im Prenzlauer Berg ein paar T-Shirts aus Bio-Baumwolle vertickt. Sondern François-Henri Pinault, Chef von Kering, einem der umsatzstärksten Luxuskonglomerate der Welt.

Die Botschaft der Mode seit jeher ist Wandel, aber diesmal wird sie sich selbst ändern müssen. Die Ideen liegen längst auf dem Tisch, sie sind so kreativ wie vielfältig. Naturfasern zum Beispiel können heute aus Orangenschalen, Pilzen oder Algen gewonnen werden. Ökobilanzen lassen sich verbessern, wenn Hersteller Produktionsstätten gemeinsam nutzen oder getragene Kleidung zurücknehmen und recyceln, wie Patagonia oder das schwedische Label Filippa K es längst tun. Kering hat Modestudenten die App "Environmental Profit and Loss" (E, P & L) entwickeln lassen, die Modefirmen Schritt für Schritt aufzeigt, wie sie umweltverträglicher wirtschaften können. Bei Labels wie Katharine Hamnett, Stella McCartney oder auch G-Star Raw gehört Nachhaltigkeit längst zur DNA. Der belgische Designer Bruno Pieters wiederum hat vor sechs Jahren Honest By gegründet, das erste komplett transparente Modelabel der Welt. Honest By veröffentlicht die Lieferkette jedes Bestandteils seiner Kleidungsstücke - bis hin zum Faden, mit dem der Saum vernäht ist.

Eines der größten Probleme ist ja: Der Kunde weiß in der Regel nicht, was er da kauft, wo es herkommt und wie es produziert wurde (die Firmen selbst wissen es meist auch nicht so genau). Dass eine Jeans für elf Euro Umweltverschmutzung ist, kann man sich denken. Aber auch zum 50-fachen Preis ist die Nachhaltigkeit nicht automatisch inklusive. Im Zweifelsfall hilft nur eins: weniger kaufen, die Kleider länger tragen und besser behandeln. In dieser Hinsicht können wir vom 19. Jahrhundert noch viel lernen.

Bei der Produktion dieser Jacke musste niemand leiden

Weder Mensch noch Tier noch Umwelt. Diesen Grundsatz verfolgt Bleed, ein kleines Unternehmen aus Oberfranken. Von Jasmin Siebert mehr...