Mode aus dem Gefängnis Näh dich frei

Von wegen Knastkleidung: In Gefängnissen in Peru stellen Häftlinge Streetwear her. Das Ergebnis sieht so gut aus, dass es sich inzwischen weltweit verkauft.

Von Sven Barthel

Nein, dies ist kein Ort, an dem man das Schöne und Gute vermuten würde. "San Pedro" in San Juan de Lurigancho vor den Toren Limas ist die größte Strafvollzugsanstalt Perus und zugleich das überfüllteste Zuchthaus Südamerikas. Mehr als 11 000 Häftlinge teilen sich hier ein Gebäude, das einst für ein Viertel von ihnen gebaut wurde. Doch eines der härtesten Gefängnisse der Welt ist auch die Geburtsstätte des Project Pietà, eines einzigartigen Streetwear-Labels.

Hinter hohen Mauern arbeitet hier seit gut einem Jahr ein Dutzend Männer an der Herstellung lässiger Hoodies, Tanktops, grober Strickpullis und Lederjacken. Mode-Experten wie Steven Giles, Besitzer des berühmten Concept-Stores "Base" in Miami, nennen sie "pieces with a soul", Kleidung mit Seele.

Für die Wintersaison hat Giles fast die komplette Kollektion der Strafgefangenen geordert. Schließlich ist Authentizität - "made in Prison" - hier ausnahmsweise mal keine Marketinghülse. "Allem Ethos zum Trotz, gekauft wird nur, was auch gefällt. Daher müssen Klamotten einfach geil ausschauen, sich fabelhaft anfühlen und gut sitzen", sagt Steven Giles. "Das größte Problem von Mode mit Sozialfaktor ist doch, dass sie in den meisten Fällen nicht modisch ist!" Beim Project Pietà ist das anders.

"Die Männer entsprachen gar nicht dem Klischee-Bild"

Die Geschichte beginnt vor drei Jahren mit einem Jobangebot - als der Franzose Thomas Jacobs von seinem Arbeitgeber, einem Pariser Luxus-Modehaus, in dem er für Design und Material zuständig ist, gefragt wird, ob er für seine Firma in Lima arbeiten will. Der 27-Jährige, der Marketing, Jura und Grafikdesign studiert hat, liebt Herausforderungen - also sagt er zu.

Eine Freundin von ihm organisiert in Peru Theateraufführungen mit Gefängnisinsassen. Die Delikte der Männer reichen von schwerem Raub über Drogenhandel bis zu Mord. Bei seinem Besuch ist Thomas Jacobs überrascht: Er hatte volltätowierte Gangster erwartet, stattdessen begegnet er aufgeschlossenen Männern. "Sie entsprachen gar nicht dem Klischeebild, das wir von Häftlingen haben", erinnert sich Jacobs.

Er erzählt ihnen von seiner Arbeit in der Modebranche, und die Gefangenen berichten ihm von den alten Nähmaschinen im Gefängnis, auf denen sie die Kleidung ihrer Mithäftlinge aufbessern. Jacobs denkt sofort an ein gemeinsames Label: "Diese Menschen kamen aus armen Verhältnissen. Sie wollten etwas lernen, arbeiten, Geld verdienen, aber keiner gab ihnen die Chance." Nach einer Anfrage bei der Gefängnisverwaltung nimmt die Sache erstaunlich schnell Form an. Innerhalb weniger Wochen bekommen die Insassen weitere Nähmaschinen und Werkzeuge. Und Jacobs erhält uneingeschränkten Zutritt in das Reich von "San Pedro".