Lokaltermin Mine

Trommeln gehört zum Geschäft, bei einer Restauranteröffnung sowieso. Aber muss man gleich so viel Wind machen wie im Berliner Restaurant "Mine"?

Trommeln gehört zum Geschäft, vor allem bei einer Eröffnung. Aber muss man gleich so viel Wind machen wie im Restaurant Mine? Nicht nur die Speisekarte strotzt hier vor Eitelkeit. Und warum soll ausgerechnet ein armenischer Koch mit fünf Lokalen in Russland den Berlinern die italienische Küche erklären?, fragte sich Harriet Köhler. Es war nicht das einzige Rätsel des Abends.

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Als Kritiker geht man in Habachtstellung, wenn eine Neueröffnung viel Gewese um sich macht. Wer will schon gern einem Hype aufliegen? Und wenn ein aus Armenien stammender Fernsehkoch mit Porsche-Panamera-Werbevertrag und fünf Restaurants in St. Petersburg und Moskau ankommt, um den Berlinern die italienische Küche zu erklären, noch dazu in den heiligen Hallen des legendären Zwei-Sterne-Restaurants "Maître", dann ist man eigentlich schon auf Verriss gebürstet. Was soll so ein russischer Jamie Oliver (sein richtiger Name lautet Aram Mnatsakanov) schon über die Cucina Italiana wissen?

Einiges, so glaubt es zumindest der Kellner. Kaum hat man Platz genommen im Restaurant "Mine", das mit Op-Art-Zementfliesen, Samtsesseln und Messinglampen modernisiert wurde, preist er die von der Küche verwendeten Produkte so vollmundig an, dass es für den Gast fast unangenehm wird. Pasta di Gragnano! Balsamicoessig aus Modena! US-Beef aus Nebraska! Biodynamischer Sauvignon Blanc von der Loire! Auch die Karte strotzt verdächtig vor Eigenlob: Carnarolireis aus der ältesten Reismühle Italiens! Fior di Sale aus Sizilien! 24 Monate gereifter Parmesan! Wer viel über Sex spricht, hat keinen. Ob diese alte Regel auch für gutes Essen gilt? Aufs Schlimmste gefasst, greift man zu Brot und Butter (für die vier Euro berechnet werden) - doch dann kommt alles anders, fürs Erste zumindest.

Denn das hausgebackene Sauerteigbrot schmeckt richtig gut. Auch die Rohmilchbutter von einem Biohof an der Grenze zu Dänemark ist frisch und würzig und wunderbar ausgewogen gesalzen. Und erst die Vorspeisen! Da ist zum Beispiel die Scheibe sizilianische Aubergine, die abgeflämmt wurde wie eine Crème brûlée, was die leicht rauchige Note des besonders cremigen und leicht süßlichen Fruchtfleisches unterstützt. Dazu gibt es ein Stückchen sahnige Burrata und einen Klecks herb-fruchtige Tomatenmarmelade - ein klassischer, aber absolut überzeugender Akkord und wahrhaftig italienisch, weil aufs Wesentliche reduziert und dabei alles andere als alltäglich (15 Euro).

Auch den wilden Brokkoli, bei dem kleine Röschen auf langen, an Spargel erinnernden Stielen sitzen, könnte man genau so in einer sehr guten Osteria kriegen: Er ist auf den Punkt gebraten, wird von einer Basilikumhollandaise charmant veredelt und durch kräftigen Pecorino Romano belebt (zwölf Euro). Die Pastagerichte können sich ebenfalls sehen lassen. Die hausgemachten Tagliatelle zum Beispiel, die ein ganze zwölf Stunden gegartes, hell-schmelziges Kaninichenragout umschmiegt - das ist Nonna-Küche im besten Sinne. Allenfalls könnte dieser Gang irgendeinen Akzent vertragen, ein Knusperelement, ein Kraut, einen Kick, weil die freundliche Harmonie auf längerer Strecke etwas gleichförmig wirkt (17 Euro). Oder die "Ravioli del Plin"! Fleischgefüllte Teigtaschen schmecken ja gerne mal nach Nudel mit nichts, hier jedoch ist der Teig so dünn, dass er wirklich nur eine durchscheinende Hülle für das markant schmeckende geschmorte Rind ist - kleine Fleischbonbons, die in einem buttrigen Sud liegen. Dass der darüber geriebene Sommertrüffel wenig Aroma bietet, liegt in seiner Natur; eine Kostprobe des gepriesenen Parmesans wäre eine effektvolleres Upgrade gewesen. Nichtsdestotrotz: Viel besser bekommt man diese Pasta-Ikone auch in ihrer piemontesischen Heimat nicht (21 Euro).

Braucht es also wirklich einen armenischstämmigen Russen, um den Berlinern zu zeigen, wozu italienische Küche fähig ist, wenn sie sich ganz auf die Qualität ihrer Zutaten besinnt und einfach nur das Beste aus ihnen herauskitzelt? Fast ist man bereit, es zu glauben. Bis die Hauptgänge vor einem stehen.

Man könnte dem "Stufato San Giovannese" vielleicht verzeihen, dass die Sauce der "mit 22 toskanischen Kräutern" geschmorten Rinderbacke zwar eine oberflächliche Würze hat, aber nicht mehr Tiefe als eine in der Sonne trocknende Schlammpfütze. Und dass sie hässlich abgebunden wurde - ebenfalls geschenkt. Aber viel irritierender ist das Fleisch selbst: Es durfte nicht lang genug schmoren und ist so unangenehm fest, dass seine gelatinösen Anteile sich wie Sülze schneiden lassen, statt schlotzig zwischen den Fleischfasern zu zergehen - unverzeihlich, denn es macht das Gericht ungenießbar (24 Euro).

Ein ähnliches Trauerspiel ist der Oktopus (26 Euro): dass seine Konsistenz etwas zu weich ist, statt sanften Widerstand zu bieten - na gut. Dass die frische, pikante Tomatensauce den meisten Gästen zu scharf sein dürfte - nicht tragisch. Aber wie kann es passieren, dass ganze Tentakel sandig zwischen den Zähnen knirschen?

Der vom Kellner herbeigerufene Koch kann es sich nicht erklären, er ist sichtlich entsetzt und sorgt dafür, dass die Hauptgänge nicht auf der Rechnung landen. Obendrein spendiert er eine große Portion Wiedergutmachungs-Tiramisu, die wir gern annehmen - in der Hoffnung, sie möge uns mit dem Desaster am Ende versöhnen. Doch vergeblich, denn sie ist so banal, dass sie auf einem Partybüffet nicht auffallen würde.

Ein seltsamer Abend. Hat hier vielleicht nach den Vorspeisen der Koch gewechselt? Allein wegen des großartigen Starts sollte man diesem Restaurant aber eine zweite Chance geben.

In einem Satz

Ein Restaurant mit unerklärlichen Formschwankungen, wo auf ein großartiges Gericht auch mal ein nahezu ungenießbares folgen kann.

Qualität: ●●●○○

Ambiente: ●●●●○

Service: ●●●●○

Preis/Leistung: ●●●○○