Zopfbänder Grüße aus den Achtzigern

Erst waren die voluminösen Zopfbänder sehr modern, dann sehr gehasst, um jetzt zum It-Accessoire der Influencer zu werden.

(Foto: Photographer's Choice RF/Getty Images)

Kim Kardashian trägt jetzt Zopfband, Hillary Clinton tat das schon immer: Lange beschimpft als Fehltritt der Bananarama-Ära, sind Scrunchies jetzt wieder da. Auch in edel.

Von Claudia Fromme

Die Achtzigerjahre waren modisch gesehen eng und weit. Eine befremdliche Karriere legten etwa hautenge Röhrenjeans hin, die später eine gewisse Verbreitung im Drogenmilieu fanden, was den Schriftsteller Max Goldt vermuten ließ, dass Junkies nur darum Drogen nehmen, weil sie die engen, schmerzenden Hosen nicht ertragen. Auf der anderen Seite war die Weite: Schulterpolster, Puffärmel, Blazer in Übergröße.

Das maßgebliche Accessoire für Frauen war damals, neben Creolen und überbreiten Gürteln: das Scrunchie. Das knautschige Zopfband verband die Enge und die Weite der Achtzigerjahre perfekt. Kaputtkolorierte Haare ließen sich damit straff zu einer senkrechten Palme hochbinden, der bauschige Stoff korrespondierte ideal mit dem sonstigen Zuviel an Textil.

Ein Statement verschwindet

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Es dauerte nicht sehr lange, da lagen Scrunchies auf der Resterampe der Bananarama-Ära. Carrie Bradshaw versetzte ihnen in der Serie "Sex and the City" den Todesstoß, als sie in der sechsten und letzten Staffel exklamierte, dass keine New Yorkerin mit Stil ein solches Zopfgummi trage.

Der modische Einwurf ist passé, Scrunchies sind, zusammen mit anderen modischen Wiedergängern aus den Achtzigern, zurück - auf dem Catwalk, im Designerladen, im Drogeriemarkt. Das US-Magazin Hollywood Reporter ruft das Jahr 2018 sogar als "year of the great scrunchie return" aus. Und die Neuauflage der Neunziger-TV-Comedy "Roseanne" erfuhr kürzlich auch deshalb Beachtung, weil Protagonistin Roseanne Barr in gewohnter Missachtung jeder Schamgrenze in der aktuellen Staffel erklärt, dass sie keine saubere Unterwäsche mehr habe und stattdessen einen Kaffeefilter und ein Scrunchie trage.

Kim Kardashian trägt jetzt auch Knautschzopfband

Missoni bietet das Revival-Haargummi im typischen Zickzackstrick, Marc Jacobs im blockstreifigen Schulmädchenstil, das französische Label Maison Cléo liefert zu jedem Kleidungsstück das passende Scrunchie. Balenciaga hat ein Zopfband namens "Chouchou" im Angebot, aus gerafftem Lammleder in Gelb, Stahlblau, Pink, Smaragdgrün mit eingeprägtem Logo für 145 Euro. Tom Ford liefert zum Sommer Haargummis in schwarzem Leder aus, und die Manufaktur Comfort Objects recycelt Seidenschals von Hermès zum Scrunchie.

Wer genau das Revival ausgelöst hat, ist unklar, in strengem Verdacht steht das junge New Yorker Label Mansur Gavriel, das als Luxusmarke der Digitalära gilt. Das sorgte für hektische Flecken bei Influencern, als es bei der New Yorker Fashion Week im Herbst Models teils Ton in Ton zur Kollektion mit fluffigen Haarbändern ausstattete. Die US-Vogue erklärte Mansur Gavriel umgehend zuständig für das Comeback. Alsbald wurde Reality-TV-Star Kim Kardashian (110 Millionen Follower bei Instagram) mit Scrunchie gesichtet, wie auch das US-Model Bella Hadid (17,4 Millionen Follower). Die Scrunchie-Lawine rollte an.

Die Idee ist die alte, die Ausführung neu. Die dauergewellten Zopfpalmen der Achtziger sieht man bei Instagram weniger, auch nicht die kühlen Neunzigerfrisuren, bei denen das Gummi streng zurückgekämmtes Haar weiter strafft. Das Scrunchie wird heute locker getragen, das Zopfband hält das mit groben Strichen gekämmte Haar in geordneter Nachlässigkeit zusammen.

Der Hairstylist Laurent Philippon, der die Models seinerzeit für Mansur Gavriel frisiert hat, gibt via Elle den Tipp: "Es darf nicht zu perfekt aussehen!" Das Wichtigste sei, den Zopf locker zu binden. Stilistisch gibt es dabei die Befürworter des legeren, tiefen Zopfes (undone), die des mädchenhaften, hohen Knotens (messy bun), von dem es noch die Spezialform half bun gibt, der mit einer hochgebundenen Strähne sehr nach Madonna und Paula Abdul und den echten Achtzigern aussieht.

Die Neonfarben sind auch zurück

Es mag nur ein Zopfband sein, aber gefachsimpelt wird in den sozialen Medien derart viel über das Scrunchie, als wäre soeben der Paradigmenwechsel in der Demokratiebetrachtung eingeläutet worden.

Farblich und stofflich wahren die Revivalbänder die Tradition: Samt, Seide und Tweed dominieren, die Neonfarben der Ursprungszeit sind zurück, aber auch der Ensemblegedanke, der bereits einen hartnäckigen Fan hatte, bevor das Scrunchie wieder modern wurde: Hillary Clinton. Stoisch trägt sie durchgängig seit den Achtzigerjahren Scrunchie, gerne Perlenbänder zur Perlenkette oder Samtbänder zum Samtblazer - entgegen jeder Warnung ihrer Stilberater. So konsequent trägt solch ein Haargummi nur noch die renommierte US-Richterin und Frauenrechtlerin Ruth Bader Ginsburg, die in einem Interview mit dem Wall Street Journal erklärte, dass sie mindestens so viele Scrunchies wie Colliers besitzt und es die besten in Zürich gibt.

Die Bänder sind modern, auch, weil Haarschmuck jeder Art gerade eine Renaissance erlebt. Bei den Schauen fällt auf, dass Haaraccessoires eine prominente Rolle spielen, überhaupt sind Kopf und Hals der Modeindustrie wichtiger geworden. Seit sich Menschen exzessiv selbst fotografieren (und Influencer in sozialen Netzwerken damit viel Geld verdienen), hat sich der Focus nach oben verschoben. Es gibt Seidenhaarbänder von Valentino und Gucci, Perlenreifen von Miu Miu, Steckkämme mit Spitze von Dolce und Gabbana und filigrane Haarbänder der New Yorker Designerin Jennifer Behr, die an die zarten Blütenkränze der Femen-Frauen erinnern.

Das Scrunchie nimmt dabei eine Sonderrolle ein. Man kann es nicht nur im Haar tragen, sondern auch ausgezeichnet am Handgelenk, die Älteren werden sich erinnern. Balenciaga hat das zum Konzept gemacht. Scrunchies gibt es da in zwei Versionen: ein Haargummi und ein korrespondierendes Armband, das schmaler ist, im "Haargummi-Look".

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