Craft-Beer-Trend Mehr Vielfalt am Zapfhahn

Noch ist Craft-Beer in Deutschand ein Nischenprodukt. Doch das könnte sich bald ändern.

(Foto: AP)

Die USA gelten in der Biernation Deutschland als Land der öden Plörre. Dabei gibt es dort viel mehr Auswahl als bei uns. Mittlerweile lassen sich die ersten deutschen Bierbrauer inspirieren. Der Craft-Beer-Trend schwappt nach Deutschland.

Von Sebastian Herrmann

Ein einfaches Gasthaus neben der Hauptstraße. Eine Gruppe Mountainbiker betritt das Lokal. Die Sportler haben Durst. "Was habt ihr denn für Bier", fragt einer den Kellner. Sofort beginnt der Mann das Angebot herunterzurattern. Amber Ale. India Pale Ale. Summer Ale. White Ale. Porter. Stout. Na ja, und Lagerbier auch - aber das fügt der Kellner seiner Aufzählung leicht verschämt hinzu. Das fade Gesöff aus den Sudanlagen der bekannten Großbrauereien wird sowieso niemand bestellen.

Willkommen im gelobten Land des Bieres, willkommen in den USA. Das Speiseangebot des Lokals in den Bergen Alaskas ist fern davon, irgendwie besonders zu sein. Auch die Bierauswahl besticht nicht durch besondere Exotik: In vielen Lokalen in den USA herrscht Vielfalt am Zapfhahn, eine große Auswahl unverschämt guter Biere ist ganz normal. Das Bild von den USA als Land der Dünnbier-Plörre entspricht längst nicht mehr der Realität, es existiert nur noch im Kopf deutscher Biertrinker.

Und im Helles-Pils-Weißbierland, wie sieht es da aus? Endlich bewegt sich auch in Deutschland etwas an den Zapfhähnen. Lange produzierten die Brauer im einstigen gelobten Land des Bieres das immer Gleiche. Immer effizienter, immer billiger, immer langweiliger. Und so wie sich vor gut 20 Jahren in den USA Enthusiasten aufmachten, um gegen das Einheitsbier der Großkonzerne anzubrauen, so regt sich auch an den Sudkesseln Deutschlands Widerstand gegen die faden Fernsehbiere. Die Craft-Beer-Bewegung ist im Land des Reinheitsgebotes angekommen - noch als Randerscheinung, aber immerhin.

Viele deutsche Biertrinker sind noch skeptisch

Ein Hochhaus im Osten Münchens. Start-up-Unternehmen haben Büros in dem Klotz bezogen, Softwarefirmen, PR-Agenturen. In einem Büro sitzen Timm Schnigula und Richard Hodges. Beide bärtig, beide tragen Trucker-Caps. Zwischen ein paar Rechnern, Kartons und Kisten steht ein Kühlschrank, in dem Produktproben dieses Start-ups lagern: Bier. "Wenn die Leute wüssten, wie geil Bier sein kann, würden viel mehr mitmachen", sagt Schnigula, einer der Gründer der Kleinbrauerei Crew Ale Werkstatt. Aber daran hakt es hierzulande: Der gemeine deutsche Biertrinker glaubt fest daran, dass nach Hellem, Pils und Weißbier die Bierwelt endet; dass nach Augustiner, Astra oder Krombacher nichts mehr kommt.

Craft-Beer in Deutschland zu verkaufen bedeutet deshalb vor allem zu erklären. Der Kunde muss verstehen, dass Pale Ale kein flüssiges Gift ist und auch nicht gegen das Reinheitsgebot verstößt; und er muss einen Grund dafür genannt kriegen, warum er für eine 0,33-Liter-Flasche im Getränkemarkt mindestens doppelt so viel bezahlen soll wie für eine Halbe Helles. Diese Erklärungen bestehen aus außergewöhnlicher Gestaltung der Flaschen und Etiketten; aus teilweise heftig hohem Alkoholgehalt; und aus viel, viel Hopfen, dessen Sorten wie Rebsorten beim Wein auf der Flasche angegeben werden. Die Hopfenvariationen heißen Cascade, Simcoe oder Amarillo. Oder es wird ganz exotisch, wenn ein Brauer von dieser einen Hopfensorte raunt - Sorachi Ace, eine japanische Züchtung, wird weltweit nur noch von einem Betrieb in Oregon, USA, angebaut und birgt Noten von Ingwer und Zitronengras.