Architektur Zu Höherem berufen

Marmor, Glas, Messing: Die prächtigsten Hausportale der Moderne gibt es in Mailand. Ein neuer Bildband führt zu den schönsten Exemplaren.

Von Thomas Steinfeld

Die Via Giovanni Randaccio liegt im Nordwesten Mailands, in einer der weiten Gegenden dieser Stadt, die man "gutbürgerlich" nennen könnte, wenn man damit meint, dass die Menschen in Eigentumswohnungen in soliden, alten Häusern leben, die auf alte Bäume blicken. Dort also steht, in einem spitzen Winkel zwischen zwei Straßen, ein zweistöckiges Wohnhaus mit einer ungewöhnlichen Architektur: Noch ist darin der Einfluss des Jugendstils zu erkennen. Doch kündigt sich der Funktionalismus schon an, vor allem im Umgang mit den Fenstern. Aber die Fassade erinnert an den Manierismus der späten Renaissance, besonders augenfällig in Gestalt der vier Obelisken, die den ganzen Bau krönen. Zusammengehalten schließlich werden die drei Stile durch einen Klassizismus, der sich vor allem in der Symmetrie geltend macht. Das Gebäude wurde in den frühen Zwanzigern von Gio Ponti entworfen, dem Architekten, der Jahrzehnte später den Büroturm des Reifenherstellers Pirelli konzipierte, eines der Wahrzeichen Mailands.

Alles Disparate scheint verschwunden zu sein, wenn man den Eingang des Hauses an die Via Giovanni Randaccio betritt: Der Flur bildet ein Tonnengewölbe; eine Treppe, eingefasst durch Podeste, führt ein halbes Geschoss hinauf, die zweiflüglige Tür öffnet sich, um dahinter eine Treppe sichtbar zu lassen, die in unbekannte Höhen führt, in der man nicht eine, sondern mehrere Parteien vermutet. Der Boden ist durch ein schwarz-weißes Mosaik in der Art von Pompeji bedeckt, die Decken sind weiß, die Treppe besteht aus Marmor in demselben Grau, in dem auch die Wände verputzt sind.

Ein Durchgang ist dieser Flur, und zugleich ein Aufstieg zu Höherem. Vor allem aber ist er ein Element der Trennung und Vereinheitlichung: Wer hier durchgeht, der verlässt eine Welt, um eine andere zu betreten. Zugleich sieht er sich gebunden, durch eine Form, in der die Architektur eines historischen Palazzo verschmilzt mit Elementen der Moderne. Die Frage, für wen das Haus gebaut wurde und wer darin wohnte (außer Gio Ponti selbst), dürfte damit beantwortet sein: ein Bürgertum, das sich in der Geschichte verwurzelt weiß, zugleich aber auf der Höhe seiner Zeit zu sein beansprucht.

Passagen sind diese Hauseingänge. Der Berliner Art Director Karl Kolbitz hat sie in seinem Buch "Entry Ways of Milan" (Taschen Verlag, Köln 2017. 384 Seiten, 49,99 Euro) von Durchgängen in Destinationen verwandelt. Die Halle, die es scheinbar nur gab, um in Sekunden durchschritten zu werden, hat sich in diesem Buch in einen Ort verwandelt, an dem man innehält: nicht nur, um dessen Schönheit zu bewundern, sondern auch, um dessen kostbare Gestalt zu ergründen. Was in Venedig der portego ist, der große Saal, der einen Palazzo erschließt, was in Bologna die portici sind, die Laubengänge, in denen sich Häuser und Straße zu halb offenen Räumen vereinen: Das sind in Mailand die ingressi. Und es ist charakteristisch für diese Stadt, dass die Schwelle zwischen dem öffentlichen Raum und der Privatsphäre in den Häusern selbst liegt. Man kann davor stehen bleiben und hineinschauen, man kann warten, bis jemand die Tür öffnet. Gewiss ist aber, dass sie einen privilegierten Bereich bilden, zu dem nur Zutritt hat, wer einen Schlüssel hat oder wer den Code kennt. So bleiben die Eingänge verborgen, und so haben sie etwas von der Diskretion gebildeter und wirklich reicher Menschen, die ihren Wohlstand unter gewöhnlichen, etwas abgetragenen grauen Anzügen verbergen.

Hunderte, wenn nicht Tausende solch prächtige Hauseingänge muss es in Mailand geben, die meisten davon sind im frühen zwanzigsten Jahrhundert entstanden. Die letzten Beispiele stammen aus den Sechzigerjahren. Karl Kolbitz dokumentiert sie in einem großen, schweren Buch, das allein durch seinen Umfang und durch die Vielfalt des Dargestellten offenbart, mit wie viel Reichtum man es tatsächlich zu tun hat. Mailand war (und ist) eine Stadt des Handels, der Banken, später kam die Mode hinzu. Die Industrie lag woanders, in einem breiten Gürtel um Mailand herum, oder in der Po-Ebene. Zugleich aber waren die Verbindungen so eng, dass, beginnend mit der Industrialisierung des italienischen Nordens im späten neunzehnten Jahrhundert, Mailand zu einer Hauptstadt der technischen und ästhetischen Moderne wurde.

Der Wille zur Moderne ist an den Hauseingängen zu erkennen, an der Gestaltung von Aufzügen, Briefkastenanlagen und Portierslogen einerseits, in den augenscheinlich offenen Übergängen zwischen Architektur und zeitgenössischem Design (und zeitgenössischer Kunst) andererseits. Und dann gibt es die Zwischenformen, eine rotierende Briefkastenanlage aus Eisen zum Beispiel, gestaltet vom Studio Passarelli, bei der die Begeisterung für die Möglichkeiten der Feinmechanik gleichsam überschnappt und zur Kunst wird.

Der weiße Marmor stammt aus Carrara, der rote Kalkstein aus dem Trentino, der Rosso Levanto aus Bonassola in Ligurien. Die Firma Fontana Arte sorgt für die Beleuchtung, und Marcel Breuer entwarf die Stühle. Aber es ist nicht nur die schiere, durch eine mehr oder minder strenge Architektur gezähmte Pracht, die an diesen Fotografien beeindruckt. Man schaut auch in eine Zeit, die fremd wurde, obwohl sie nicht lang zurückliegt.

Die Quelle dieses Gefühls von Fremdheit ist nicht leicht zu entdecken. Entsteht sie, weil Karl Kolbitz, wenn die Kamera den Fluchten der ingressi folgt, die Menschen am Betreten des Bildes hinderte? Entsteht sie, weil die Materialien meist kalt und die Farben so deutlich sind? All diese Elemente spielen eine Rolle. Die letzte Wahrheit aber verraten die verwaisten Logen der Portiers mit ihren Telefonanlagen aus Messing und Bakelit: Denn in diesen "Condominiums" muss, allem Eigentum an den Wohnungen zum Trotz, eine Gruppe von Menschen gelebt haben, die eine für alle Bewohner gemeinsame Repräsentation durch Architektur und Design zumindest hinnahm - falls sie diese nicht billigte und unterstützte. Die kollektive Bindung an ein Ideal von Stil und Modernität ist das eigentlich Fremde an den Fotografien der Hauseingänge von Mailand.