Verdächtiger Rekord Yams und Chicken Nuggets

Held oder Schwindler, harte Arbeit oder Doping? Die Debatte über 100-Meter-Olympiasieger Usain Bolt aus Jamaika und die Grenzen menschlichen Sprintvermögens spaltet die Sportwelt.

Von Michael Gernandt

Die Nachrichten zum Ausgang des Bolt-Jahres kamen aus den USA und dem Schwabenland. In New York verweigerte das Magazin Sports Illustrated im Gegensatz zu den meisten populistischen Großmedien dem jamaikanischen Wundersprinter Usain Bolt Platz eins bei seiner Wahl zum Weltsportler 2008. Der amerikanische Wunderschwimmer Michael Phelps erhielt den Vorzug vor dem Mann, der in Peking den US-Sprintern das Rampenlicht ausgedreht hatte.

In Köngen bei Stuttgart bestellte der Trainer Micky Corucle bei seinem Gemüsehändler Yam-Wurzeln. Die zuckersüßen aus Jamaika, nicht die wilden aus Mexiko, alldieweil letztere zur Empfängnisverhütung verwendet werden und nicht zur Verbesserung von Sprint-Weltrekorden, wie Vater Bolt verriet, als er nach dem Geheimnis der schnellen Beine des Filius gefragt wurde.

Nun ja, das Sportblatt aus dem Time-Warner-Konzern wollte wohl seine Auflage nicht gefährden und Herr Corucle den Hinweis auf den Wurzelkauf nicht wirklich ernst gemeint wissen. Sondern als Sarkasmus, gespeist aus Frust über die Schieflage der globalen Doping-Kontrollen. Der Trainer von Tobias Unger, des schnellsten Deutschen, gehört zu den Sportsfreunden, die sich nicht scheuten, öffentlich Zweifel anzumelden an der Reinheit der Bolt'schen Rekorde.

"Eine Superzeit, die die Welt schockieren wird"

Zuvor waren nur zwei Experten als Streiter wider den schönen Schein in Erscheinung getreten: der 1988 positiv getestete und inzwischen emeritierte Olympiasieger Carl Lewis und der als Fachdoper ausgewiesene Victor Conte, Ex-Chef der berüchtigten Chemikalienküche Balco in San Jose. Weil er nicht den Promistatus der beiden Amerikaner besitzt, wird der Argwohn Corucles kaum groß die Runde machen, gleichwohl ist er Beleg für die anhaltende Diskussion um Usain Bolt.

Die wird eskalieren, wenn Bolts Coach Glen Mills recht behält mit seiner Prophezeiung in den Caribbean Net News: "Niemand wird Bolt am Block hinter sich lassen, sobald der seinen Start verbessert hat, das können wir garantieren." Dann laufe er "eine Superzeit, die die Welt schockieren wird".

Überhaupt Mills. Wie ein Missionar bemüht sich der Trainer um die Bekehrung der Ungläubigen, und beflissen verbreiten Jamaikas Kopfblätter Gleaner und Observer die Heilslehre des Coaches: Nur Arbeit, vier Jahre währende Arbeit habe zur Ausformung des Talents geführt, das als Schulbub schon so schnell rennen konnte wie Erwachsene. Jamaikas Parlament gab Flankenschutz und schloss eine Lücke, in die Kritiker immer wieder gestoßen waren: Ende August wurde endlich eine Nationale Antidopingagentur (Jadco) gegründet. Zum Jahresende nahm sie die Arbeit auf. Jadco kontrolliert nun selbst, muss aber mangels eigener Labors die Proben im Ausland analysieren lassen.

"Skepsis ja, Verdacht nein"

Beruhigt hat sich das weltweite Geraune durch Jamaikas Maßnahmen nicht. Bis in die höchsten Gefilde des Weltsports sind Meinungsdifferenzen zu orten. "Er hat sich fünf Jahre weiterentwickelt und wurde oft getestet. Ich habe keinen Grund zu zweifeln", sagte IOC-Präsident Jacques Rogge im SZ-Interview zu Silvester. Sein deutscher Stellvertreter Thomas Bach formulierte im Spiegel: "Ich weiß aber auch, dass ich mich davon (von Bolts Laufästhetik und herausragenden Hebelverhältnissen; Anm. d. Red.) nicht blenden lassen darf. Daher sage ich: Skepsis ja, Verdacht nein."

Nun hat der norwegische Physiker Hans Eriksen aus dem Pekinger 100-m- Lauf in 9,69 Sekunden Bolts Witzbolt-Einlage auf den letzten 25 Metern herausgerechnet. Danach waren 9,55 Sekunden übriggeblieben. Beruht diese Rechnung auf der Windstille des Peking-Finales, hätte Bolt, mit 100 Prozent Speed bis ins Ziel laufend und von einem grenzwertigen Rückenwind der Stärke 2 m/sek. unterstützt, bereits jetzt das vom US-Wissenschaftler Mark Denney prognostizierte Ende der Entwicklung menschlichen Schnelllaufvermögens erreicht: 9,48 Sekunden. Mit Yams und Chicken Nuggets, Bolts anderer Leibspeise? Schönen Gruß aus Wahnmoching.

Eine Brise Bolt?

Der Weltverband der Leichtathleten (IAAF) hat die Diskussion bewusst nicht an sich herangelassen - weil er sie nicht gebrauchen kann, stört sie doch den erkennbaren Plan, die vermeintliche Lichtgestalt Bolt einzuspannen gegen den Abwärtstrend des Sports für Läufer, Springer und Werfer. Folglich packen sie am IAAF-Sitz in Monte Carlo den Jamaikaner in Watte und registrieren verzückt Sprechblasen wie jene von Donovan Bailey, dem kanadischen 100-m-Olympiasieger von 1996: "Bolt, eine Brise Frischluft für die Leichtathletik."

Wie sehr Reformdruck auf dem Weltverband lastet, zeigt eine Auseinandersetzung um Bolt zwischen IAAF-Präsident Lamine Diack und Jacques Rogge. Der IOC-Chef hatte die Faxen des Sprinters während und nach dem 100-m-Finale als respektlos bezeichnet. Diack konterte: "Wir leben in einer Zeit, in der der olympische Sport darum kämpft, für junge Leute attraktiv zu sein. Wenn wir Helden schaffen wollen, mit denen sich junge Leute identifizieren können, wieso kritisieren wir dann einen jungen Mann, der sie total anzieht?"

Im November sollen sich die zwei darüber ausgesprochen haben. Rogges Antwort wurde nicht veröffentlicht. Gut möglich, dass er Diack eine Gegenfrage stellte: Taugt ein Sportler, an dem sich die Geister scheiden, wirklich zum Vorbild?

Weltrekorde über 100 Meter

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