Bundestrainer Löw will die DFB-Elf nach dem Prinzip Leistung erneuern. Wie Kapitän Ballack darin eine Verschwörung erkennen kann, ist ein Rätsel.
Wenn es eines Tages mit der Bundestrainerkarriere vorbei ist, kann Joachim Löw eine Tätigkeit als Kummerkasten und Seelsorger aufnehmen. Er hat zuletzt vielseitige Erfahrungen gesammelt: Löw fährt nach Stuttgart und bringt Jens Lehmann den Rücktritt bei, statt den Generationswechsel im Tor einfach zu verfügen. Löw fährt nach Frankfurt, um Timo Hildebrand zum 79. Mal zu erklären, warum er ihn nicht für die EM nominiert hat. Löw ruft vor den Spielen gegen Russland und gegen Wales Torsten Frings zu sich, damit der nicht in der Mannschaftssitzung erfährt, dass ein anderer an seiner Stelle spielt. Löw will demnächst noch mal mit dem traurigen Kevin Kuranyi sprechen, obwohl er Kuranyi nie mehr ins Nationalteam berufen wird.
Bild vergrößern
Grund zur Aussprache: Kapitän Michael Ballack (l.) und Bundestrainer Löw. (© Foto: AP)
Anzeige
Aber vorher steht noch die möglicherweise folgenreiche Unterhaltung mit dem Kapitän Michael Ballack an, weil der seine exklusiven Ansichten zur Lage der Nationalelf in der Zeitung erzählen musste, womit er den Bundestrainer herausgefordert hat. Löw ist enttäuscht und wütend.
Den richtigen Zeitpunkt für ein Gespräch über Kummer und Sorgen hat Löw verpasst. Löw hätte Ballack anrufen sollen, als der sich gleich nach den Länderspielen hatte operieren lassen. Wer ihn ein wenig kennt, der weiß, dass Ballack diese Unterlassung als Enttäuschung und als Kränkung aufgefasst hat, und dass er darüber ins Grübeln geraten ist: Bin ich vielleicht der nächste Alte, den sie verschwinden lassen? Gestern Wörns und Kahn, heute Frings und morgen Ballack? Es wäre ja nicht mal abwegig für Löw, so zu denken. Bei der nächsten WM ist Ballack fast 34 Jahre alt, und die lange Karriere fordert jetzt bereits ihren körperlichen Tribut.
Wie bei Torsten Frings, dessen Spiel ebenfalls schon frischer und dynamischer wirkte. Aber Ballack irrt sich, wenn er glaubt, dass sich Löw der alten Männer entledigen will. Was Löw nach der EM zur Verbesserung der Nationalelf unternommen hat, folgte einem erfreulich transparenten Plan, bündig formuliert: Erneuerung nach dem Prinzip Leistung. Bei der EM hatte Löw ein paar Garantien zu viel gegeben, das hat er selbst eingesehen, nun will er es besser machen. Frings, verantwortlicher Aufseher einer der anfälligsten Abwehrreihen der Bundesliga, musste sich deswegen auf die Ersatzbank setzen. Niemand - außer Frings und nun Ballack - deutete das als Respektlosigkeit. Kuranyi hat nicht mal im Zustand vollendeter Verzweiflung dem Bundestrainer mangelnden Respekt vorgeworfen.
Wie Ballack in Löws simplem Kurswechsel eine Verschwörung erkennen kann, ist ein Rätsel. Er wird es Löw schlüssig erklären müssen, ansonsten wird es vielleicht ihr letztes Gespräch miteinander sein.
- Thema
- Fußball-WM RSS
- Streit um Ballack Ballack verzögert Aussprache 23.10.2008
- Fußball-Nationalmannschaft Der Lohn des Leitwolfs 22.10.2008
- Fußball-WM: Historie (1) Grossos Schuss ins Sommermärchen-Herz 19.05.2010
- Fußball-WM: Nationalelf auf Sizilien Schwitzen im Olivenhain 18.05.2010
- WM 2010: Ballack fällt aus Diagnose: Achsenbruch 18.05.2010
- WM 2010: Michael Ballack Foulspieler Boateng findet eine Entschuldigung 18.05.2010
- Fußball-WM: Michael Ballack Die Stunde der Demokraten 17.05.2010
(SZ vom 23.10.2008)
Staatsbesuch in Israel
'Bundestrainer Löw will die DFB-Elf nach dem Prinzip Leistung erneuern.' Bei der Nationalmannschaft spielen die 'Besten der Besten', hieß es immer. Die 'Besten der Besten' wollen auch spielen, nicht auf der Bank versauern. Das 'Prinzip Leistung' kann also nur im Verein funktionieren, und nicht in der Nationalmannschaft.
Gemach, gemach. Werder spielt seit Jahren im Grunde ohne Abwehr - und bis zum Ende der vergangenen Saison ging das ja auch gut. Es wäre in jedem Falle falsch, die aktuelle Defensiv-Schwäche von Werder an Lutscher festzumachen.
Er ist vor allem deshalb zur EM mitgefahren, weil er nach mehreren Verletzungen und diversen Pausen rechtzeitig zu Saisonende wieder fit geworden ist und für Werder wichtige Tore geschossen, und noch mehr verhindert hat.
Unabhängig von der aktuellen Diskussion wünsche ich mir, dass Frings aus der Nationalmannschaft zurücktritt. Sein Ziel, Weltmeister zu werden, wird er - realistisch betrachtet - 2010 in Südafrika ohnehin nicht schaffen.
Vor allem deshalb, weil die deutsche Mannschaft - ob mit oder ihn - nicht reif für den WM-Titel ist. Ich bezweifele jedenfalls, dass es möglich ist, eine WM-Euphorie mit dazugehörigen "Helden" wie vor zwei Jahren herbeizuschreiben.
Der damalige Chef-PR-Macher, Jürgen K., erlebt ja gerade in München, den Unterschied zwischen echtem Traineramt und dem Abschießen von Blendgranaten.
Das Leistungsprinzip gilt halt für jeden, auch für Michael Ballack. Ich habe das Gefühl bei ihm, dass er manchmal nur etwas sagt, um etwas zu sagen - oder um seinen Platz derart zu sichern, dass bei ihm das Leistungsprinzip nicht gelten darf.
Die Elf soll spielen, die das höchste Leistungsvermögen hat. Das gilt auch für Ballach und Frings, die wohl erkannt haben, das andere Spieler ihnen gegenüber ordenlich aufgeholt haben.
Das Leistungsvermögen, dass Torsten Frings zur Zeit bietet, konnte man gestern sehr gründlich bei dem Spiel gegen Athen sehen. Von internationalem Niveau war er so weit entfernt, wie Lukas Podolski vom Stammplatz beim FC Bayern.
Langsam sollten die Zeiten nun wirklich vorbei sein, in denen Leute wie Ballack oder Frings einem vorzüglichen Bundestrainer Vorschriften machen. Wenn sie sich angesichts der "Verrentung" einiger ehemaliger Stammspieler langsam zu einsam fühlen, dann ist das noch lange kein Grund, so rumzuheulen.
Löw sollte die beiden also zur Not rausschmeissen.
Aber ansonsten ist bei Ihnen alles okay ?
haben Sie etwas gegen gut angezogene Männer oder finden Sie es einfach nur toll mit Dreck zu werfen ?
Paging