Streit in der DFB-Elf Deutschlands Kummerkasten

Bundestrainer Löw will die DFB-Elf nach dem Prinzip Leistung erneuern. Wie Kapitän Ballack darin eine Verschwörung erkennen kann, ist ein Rätsel.

Ein Kommentar von Philipp Selldorf

Wenn es eines Tages mit der Bundestrainerkarriere vorbei ist, kann Joachim Löw eine Tätigkeit als Kummerkasten und Seelsorger aufnehmen. Er hat zuletzt vielseitige Erfahrungen gesammelt: Löw fährt nach Stuttgart und bringt Jens Lehmann den Rücktritt bei, statt den Generationswechsel im Tor einfach zu verfügen. Löw fährt nach Frankfurt, um Timo Hildebrand zum 79. Mal zu erklären, warum er ihn nicht für die EM nominiert hat. Löw ruft vor den Spielen gegen Russland und gegen Wales Torsten Frings zu sich, damit der nicht in der Mannschaftssitzung erfährt, dass ein anderer an seiner Stelle spielt. Löw will demnächst noch mal mit dem traurigen Kevin Kuranyi sprechen, obwohl er Kuranyi nie mehr ins Nationalteam berufen wird.

Aber vorher steht noch die möglicherweise folgenreiche Unterhaltung mit dem Kapitän Michael Ballack an, weil der seine exklusiven Ansichten zur Lage der Nationalelf in der Zeitung erzählen musste, womit er den Bundestrainer herausgefordert hat. Löw ist enttäuscht und wütend.

Den richtigen Zeitpunkt für ein Gespräch über Kummer und Sorgen hat Löw verpasst. Löw hätte Ballack anrufen sollen, als der sich gleich nach den Länderspielen hatte operieren lassen. Wer ihn ein wenig kennt, der weiß, dass Ballack diese Unterlassung als Enttäuschung und als Kränkung aufgefasst hat, und dass er darüber ins Grübeln geraten ist: Bin ich vielleicht der nächste Alte, den sie verschwinden lassen? Gestern Wörns und Kahn, heute Frings und morgen Ballack? Es wäre ja nicht mal abwegig für Löw, so zu denken. Bei der nächsten WM ist Ballack fast 34 Jahre alt, und die lange Karriere fordert jetzt bereits ihren körperlichen Tribut.

Wie bei Torsten Frings, dessen Spiel ebenfalls schon frischer und dynamischer wirkte. Aber Ballack irrt sich, wenn er glaubt, dass sich Löw der alten Männer entledigen will. Was Löw nach der EM zur Verbesserung der Nationalelf unternommen hat, folgte einem erfreulich transparenten Plan, bündig formuliert: Erneuerung nach dem Prinzip Leistung. Bei der EM hatte Löw ein paar Garantien zu viel gegeben, das hat er selbst eingesehen, nun will er es besser machen. Frings, verantwortlicher Aufseher einer der anfälligsten Abwehrreihen der Bundesliga, musste sich deswegen auf die Ersatzbank setzen. Niemand - außer Frings und nun Ballack - deutete das als Respektlosigkeit. Kuranyi hat nicht mal im Zustand vollendeter Verzweiflung dem Bundestrainer mangelnden Respekt vorgeworfen.

Wie Ballack in Löws simplem Kurswechsel eine Verschwörung erkennen kann, ist ein Rätsel. Er wird es Löw schlüssig erklären müssen, ansonsten wird es vielleicht ihr letztes Gespräch miteinander sein.

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