Die Schachszene reagiert auf den Betrugsverdacht gegen den Großmeister Wesselin Topalow.
Die Vereinigung der Schachprofis (ACP) hat auf die Berichte reagiert, in denen das ungewöhnliche Verhalten von Silvio Danailow, dem Manager des Weltranglisten-Ersten Wesselin Topalow, thematisiert wurde. In einer Erklärung heißt es, der ACP-Vorstand besitze keine Macht, ,,auf Grundlage der verfügbaren Indizien ein Urteil zu fällen, ob bestimmte Spieler unerlaubte Mittel benutzt haben, um ihre Spielstärke und Resultate zu verbessern''.
Schach: Zahlreiche Betrugsmöglichkeiten? (© Foto: H. Schmieder)
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Solche Gerüchte seien schädlich für das Schach; andererseits sei das Problem durch den technischen Fortschritt real. Man werde Lösungen suchen, um allgemein Gelegenheiten zum Betrügen zu verhindern. Der Erklärung zufolge hat die ACP dem Weltverband Fide konkrete Vorschläge zukommen lassen; auch den Organisatoren der bekanntesten Turniere werden denkbare Kontrollmaßnahmen unterbreitet. ,,Dadurch hoffen wir, dass es keine Versuchung mehr geben wird und die Gerüchte infolgedessen verschwinden. Die Integrität unserer Schachelite steht auf dem Spiel.''
Komische Handbewegungen
Was die PCA der Fide vorgeschlagen hat, wurde nicht öffentlich. Im Gespräch sind zeitverzögerte Übertragungen der Partien im Internet sowie nur einseitig durchsichtige Glasscheiben zwischen Spielern und Zuschauern, um Zeichensprache zu verhindern. ACP-Präsident Pawel Tregubow sagte, man sei durch die Veröffentlichung in der SZ vom 27. Januar auf das Thema aufmerksam geworden und durch ein zwei Wochen später in der Online-Ausgabe der russischen Zeitung Kommersant erschienenes Amateurvideo. In dem SZ-Artikel war das Verhalten von Topalows Manager Danailow beim Turnier in Wijk aan Zee/Niederlande geschildert worden: Danailow hatte während der live im Internet übertragenen zweiten und dritten Runde die Spielhalle regelmäßig verlassen und telefoniert; anschließend strebte er in eine Ecke des Zuschauerbereichs, in der er Topalows Partie nicht verfolgen, aber direkten Blickkontakt zu ihm hatte.
Wiederholt führte Danailow Handbewegungen aus; er kratzte sich hinterm Ohr, tippte auf die Brille, steckte sich einen Daumen in den Mund. Zu Kommersant sagte Danailow, er erinnere sich nicht mehr daran, ,,welche Gesten ich machte''. Das Gerede vom Betrügen sei ,,falsch, idiotisch und spekulativ''.
Das von Kommersant veröffentlichte Video stammt ebenfalls aus Wijk aan Zee, aber vom Januar 2006. Zu erkennen ist auch dort, wie Danailow während Topalows Partie gegen Wassili Iwantschuk in einer Ecke steht, in der er nichts vom Spiel sieht, aber direkt zu Topalow schaut. Am Ende des dreiminütigen Films verlässt Danailow mit dem Handy in der Hand den Saal. Dem Begleittext ist zu entnehmen, dass sich dieser Vorgang wiederholt haben soll. Das Video ist im Internet auch bei www.youtube.com zu finden, Stichwort: Danailov-Topalov.
Fide-Präsident Kirsan Iljumschinow hat erklärt, dass noch keine Untersuchung eingeleitet worden ist. Die Fide könne erst aktiv werden, wenn eine offizielle Beschwerde an sie gerichtet werde, von einem Spieler oder Turnierveranstalter. Eine Kommission, die sich mit besseren Kontrollen befasst, ist aber bereits gebildet.
Während der ehemalige Weltmeister Anatoli Karpow die Spekulationen für ,,nicht kritikwürdig'' hält, teilen laut Großmeister Jewgeni Barejew viele Experten den Verdacht. Im Jahr 2005 habe bei Topalow ein ,,einfach unglaublicher'' Leistungssprung stattgefunden; ,,an einem bestimmten Punkt wurde es offensichtlich, dass es Hilfe von außen gab'', sagte Barejew zu Kommersant. Topalow war im Oktober 2005 in San Luis/Argentinien Fide-Weltmeister geworden. Laut Großmeister Nigel Short sei die Mehrheit der damaligen Teilnehmer überzeugt, dass der Bulgare während der Partien Zeichen von seinem Manager erhalten habe. Bislang äußerten sich die Spieler nur indirekt dazu. Zum Beispiel setzte der damalige Vierte, Alexander Morosewitsch, bei der Wahl zum Schach-Oscar 2005 zwei Schachprogramme auf die ersten Plätze und auf Platz drei: Manager Danailow.
,,Meine Meinung ist klar und hat sich nicht geändert'', sagte Morosewitsch nun. Zurzeit will er sich auf das Turnier in Morelia/Mexiko konzentrieren. Auch Topalow spielt dort mit. Nach zwei Remisen und einer Niederlage (gegen Iwantschuk) steht er mit Morosewitsch am Tabellenende. Nach drei von 14 Runden führen Iwantschuk und der Inder Viswanathan Anand (je zwei Punkte). Zur zweiten Turnierhälfte (2. bis 10. März) werden die acht Großmeister nach Linares/Spanien fliegen.
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(SZ vom 22.2.2007)
Der Flügelflitzer
Es gibt viele offene Fragen in der Beziehung von Schachspielern zu Schachprogrammen, etwa wie man sie am besten nutzt oder wie man die Computerzüge versteht. Es wird heute heftig darüber diskutiert, dass Schachprogramme immer mehr Einfluss gewinnen und sogar helfen können, Weltmeister zu werden.
Hat die Schachwelt ein Problem durch Schachprogramme, die die Stärke eines Weltmeisters besitzen oder diesen gar schlagen können?
Versuchen wir einmal darüber nachdenken, ob es möglich wäre, mit Hilfe von Fritz, Rybka oder Shredder und Co. den Weltmeister Kramnik in einem offenen Wettbewerb zu schlagen.
Eine Idee wäre, den PC in den Spielsaal zu schmuggeln. Das ist aber äußerst schwierig bis unmöglich. Weil es hier schärfste Kontrollen gibt. Eine andere Idee wäre, einen Freund zu beauftragen, die Züge vom PC irgendwie zu übermitteln.
Warum nicht? Es ist durchaus möglich, zumindest nicht ausgeschlossen. Nehmen wir mal an, die vorliegende Stellung wird auf dem Wandschirm in Realtime angezeigt und wird von dem Vertrauten gleich weiter an den PC geleitet. Dieser läuft schnell und zeigt alle möglichen Züge. Man muss nur auf die Ergebnisse, also auf den besten Zug warten. So sollte es doch funktionieren können. Oder?
Tatsächlich aber funktioniert es nicht!
Man bekommt gleich das Problem zu spüren, das seit sehr langem vielen Schachfreunden gut bekannt ist. Das Programm zeigt mehrere Züge und bewertet diese fast gleich. Was ist zu tun? Viel Zeit gibt es auch nicht. Das Problem wird immer größer, es handelt sich um eine hochwertige Großmeisterpartie. Alle Großmeisterpartien haben eines gemeinsam, man spielt sehr lange in fast ausgeglichene Stellungen. Was also hat das Schachprogramm hier verloren?
Ich denke, Spekulationen, sich unerlaubte technische Hilfe beim Spiel zu verschaffen, haben keinen Boden. Wir müssen aufhören, einander zu verdächtigen. Damit wird lediglich ein spekulatives Element ins Spiel gebracht, das einfach und tatsächlich gegen jeden gerichtet werden kann. Solche Verdächtigungen sind gleichzeitig schwer zu widerlegen und beschädigen den Ruf eines Spielers und der gesamten Schachwelt. Jüngstes Beispiel: Die Diskussionen darüber, ob Topalovs Manager Danailov im Weltmeisterschaftskampf gegen Kramnik die Rolle eines solchen Vermittlers spielte.
Es konnte durchaus eine Verbindung zwischen beiden (Topalov und Danailov) gegeben haben, ich bezweifle jedoch ausdrücklich, dass es sich dabei um die Schachzüge handelte. Vielleicht eine spirituelle. Warum nicht? Wer könnte etwas dagegen haben? Eine solche Verbindung ist sogar wünschenswert und stärkt die Kräfte des Spielers. Es ist immer gut zu wissen, dass jemand "hinter" einem und zu einem steht.
Mein Fazit: Behauptungen oder Verdächtigungen, Spitzensportler würden sich Computerzüge während ihrer laufenden Partie übermitteln lassen, sind absurd.
Ich hatte in meiner Jugend erlebt, dass ein Trainer versuchte, mir Züge vorauszusagen. Ebenso versuchten es andere Trainer bei ihren Zöglingen. Ich kann mich auch heute noch deutlich daran erinnern: ich war spielerisch völlig von der Rolle, ich konnte sogar nicht mehr klar denken und mich auch nicht auf die Stellung konzentrieren. Ich denke, aus meiner Erfahrung, dass es unter keinen Umständen möglich ist, eine auf höchstem Niveau laufende Schachpartie konzentriert zu führen und zugleich von jemandem eine Hilfestellung zu erwarten.
Ich weiß es genau, wenn ein Meister überlegt, dann sieht er nichts anderes als die Stellung, er hört und sieht nichts um sich herum, und wenn doch, dann stört es. Er befindet sich in einer gedanklichen Tiefe, in der er keinerlei Signale von Außen verstehen kann. Ich würde empfehlen, es selber einmal ausprobieren, eine normale oder gar wichtige Turnierpartie zu spielen und dabei auf Zugempfehlungen von jemanden warten. Ich bin absolut sicher, dass das eigene Spiel darunter erheblich leidet und "Mogelversuche" mehr schaden als helfen.
Alexander Bangiev
http://bangiev.de/content/view/272/lang,de/