Olympia-Skandal "Wir müssen das während der Pause klären"

Zwielichtiger Typ: Lamine Diack.

(Foto: Kin Cheung/AP)
  • Stimmen Afrikas Vertreter bei der Vergabe der Olympischen Spiele en bloc ab? Ein E-Mail-Verkehr liefert Hinweise.
  • Die Mails passen in ein Gesamtbild einer mutmaßlich korrupten Vergabe. Auch diverse Millionenzahlungen sind ungeklärt.
  • Aufklärungshilfe vom IOC ist nicht zu erwarten.
Von Thomas Kistner

Für die Herren des Olymps schaut die Zukunft düster aus. Die Pariser Sonderstaatsanwaltschaft Parquet National Financier (PNF) ermittelt zu den Spiele-Vergaben 2016 (Rio) und 2020 (Tokio). Während die Beweislage zum Verkauf der Spiele-Sause unterm Zuckerhut keinen vernünftigen Zweifel mehr zulässt, zeigt sich dieses Betrugsschema nun auch passgenau vor der Wahl Tokios. Publik geworden ist jetzt ein Mailverkehr vom Tag der IOC-Kür am 7. September 2013, aus Sicht der Strafermittler hat er besondere Beweiskraft. Denn er nährt den Verdacht, dass die zwei senegalesischen Hauptverdächtigen des Stimmkauf-Szenarios, der damalige Präsident des Leichtathletik-Weltverbands IAAF, Lamine Diack, und sein Sohn Papa Massata, die Voten des afrikanischen Blocks im IOC gesteuert haben dürften.

Laut der französischen Zeitung Le Monde schickte Massata Diack seinem Vater am Wahltag bei der Session in Buenos Aires eine panische E-Mail: "Nach Information deines afrikanischen Kollegen scheint Scheich Ahmad alles zu tun, um die Afrikaner dazu zu bringen, für Madrid zu stimmen!!!! Wir müssen das während der Pause klären." Lamine gab seinem verunsicherten Filius rasch Entwarnung: "Wir können nach der Sitzung darüber sprechen."

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Existenz und Inhalt der Mails wurden der SZ auf Nachfrage in mit den Ermittlungen vertrauten Kreisen bestätigt. Aus Sicht der Strafbehörden ist der Austausch ein Kernstück der Beweiskette. Er belege demnach vier Sachverhalte: Sohn und Vater Diack hätten am Wahltag eng zusammengearbeitet. Die Afrikaner stimmten tatsächlich en bloc ab. Die Afrika-Fraktion hätte nicht für Madrid stimmen sollen. Und: Lamine Diack habe den Mails zufolge Einfluss auf afrikanische Voten ausgeübt.

Die Kommunikation zwischen den beiden Diacks am Tag der IOC-Kür passt nahtlos ins mutmaßlich korrupte Gesamtbild um diese Städtewahl. Und sie erschüttert nun massiv die bisherigen Beteuerungen von Sohn und Vater, sie hätten keinen Stimmkauf orchestriert.

Die Faktenlage sieht so aus: Drei Tage vor Rios Kür bei der IOC-Session am 2. Oktober 2009 in Kopenhagen flossen rund 1,5 Millionen Dollar des (heute von Interpol gejagten) brasilianischen Milliardärs Arthur Soares über eine Karibik-Firma an eine Agentur namens "Pamodzi". Diese gehörte Papa Massata Diack. Auch der wird seit 2016 von Interpol gesucht; anders als sein in Frankreich unter Hausarrest stehender Vater konnte Massata in Senegal abtauchen. Er soll wiederholt über Strohfirmen und Schmiergelder Beschlüsse des IOC und des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF beeinflusst haben.

Vater Lamine Diack war, als IOC-Mitglied und IAAF-Boss, die graue Eminenz unter Afrikas Top-Olympiern. Die Ermittler glauben, dass er bei Wahlen die Delegierten Afrikas blockweise auf bestimmte Kandidaten einschwor. Die Schmiergelder dafür soll der Sohn, der bizarrerweise jahrelang als Marketingberater der vom Vater dirigierten IAAF fungierte, über sein Firmengeflecht eingetrieben haben.

Das Betrugsmuster in der bereits weitgehend öffentlich ausgebreiteten Rio-Affäre wiederholt sich nun also rund um die Spiele-Vergabe 2020 an Tokio. Auch diesmal wanderte ein Millionenbetrag aus dem Land des künftigen Wahlsiegers an Diack junior. Im Juli und im Oktober 2013, vor und nach der Tokio-Kür durch das IOC in Buenos Aires, flossen insgesamt 1,8 Millionen Euro aus Japan auf das Konto von "Black Tidings", einer weiteren Firma um Massata. "Tokio 2020 Olympic Game Bid" stand in der Betreffzeile, Olympiabewerbung 2020 Tokio. Black Tidings sitzt in Singapur; der Name bedeutet: schwarze Botschaften. In Hindi, der Amtssprache Indiens, steht der Begriff gar für Geldwäsche.

Schlüssige Erklärungen, wofür Tokios Werber dem Diack-Sohn Millionen zahlten und warum dieser den Vater wegen des Verhaltens des Afrika-Blocks am Wahltag aufscheuchte, könnten die Ermittler in 280 000 Mails aus Privat- und IAAF-Computern finden, die sie nun mit Suchwörtern durchforsten. Helfen, das Tokio-Mysterium zu entschlüsseln, können zudem die Ermittlungen in Rio, die bald in Strafprozesse münden. Wenn Haftstrafen drohen, könnten die Verdächtigen um Ex-IOC-Mitglied Carlos Nuzman, 75, dazu neigen, den Zweck ihrer Zuwendungen an Diack kurz vor der Wahl zu enthüllen. Vorläufig bestreitet Nuzman jedes Fehlverhalten.

Anders als bei Rios Behörden, die ihr Ringe-Abenteuer hinter sich haben, stießen die PNF-Ermittler bei den Kollegen in Tokio bisher auf keine offenen Türen. Die Fortschritte zeigen jetzt aber immer klarer, wie auch bei dieser Kür gearbeitet wurde - und mit der Glaubwürdigkeit der Sommerspiele steht die Japans auf dem Spiel. Mit Unterstützung des IOC bei der Aufklärungsarbeit rechnet die PNF hingegen eher nicht.

Der Ringe-Clan belustigt seine Mitglieder übrigens gerade mit einem Quiz zum Thema Ethik. Darin wird etwa erklärt, wie man sich bei Interessenskonflikten verhalten soll: In arg naiven Frage-Antwort-Spielchen, wie für Abc-Schützen gemacht. Ein bisschen wirkt das so, als würden die Olympier beim Thema saubere Geschäftskultur Neuland betreten.

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